15.04.2019 - 17:59 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Moderner Jazz im Kellergewölbe

Seit 65 Jahren ist das "Jazz Studio Nürnberg" im Keller unter der Burg zu Hause. Wie man das angemessen feiert? Mit Hochkarätern des Jazz - wie am Freitag mit dem "Geoff Goodman Quintett".

Das Geoff Goodman Quintet“ Geoff Goodman (Gitarre), Andreas Kurz (Kontrabass), Matthieu Bordenave (Tenorsaxofon), Rudi Mahall (Klarinette) und Bill Elgart (Schlagzeug)
von Louis ReitzProfil
Vom Luftschutzkeller zum Jazz-Club. Hier standen in den vergangenen 65 Jahren Giganten des Jazz auf der Bühne. Zum Jubiläum hat man „Geoff Goodman Quintet“ eingeladen.

Alles beginnt am 4. April 1954. 13 junge Leute gründen in Nürnberg einen "Verein zur Pflege der Jazzmusik". Im selben Jahr wird schließlich in den Ruinen unterhalb der Burg jener Keller entdeckt, der seit 65 Jahren das "Jazz Studio Nürnberg" beheimatet. Unauffällig weist ein Schild über einer Treppe am Paniersplatz darauf hin, dass diese Stufen zu den Katakomben des Jazz führen. Ein Kellergewölbe, in dem Jazzgeschichte geschrieben wurde.

Giganten wie Chet Baker, Barney Kessel, Freddie Hubbard, Lee Konitz, Dexter Gordon, Albert Mangesdorff oder Attila Zoller stiegen diese Stufen hinab, aber auch für viele junge Musiker aus der Region war die enge Bühne im Jazzkeller Ausgangspunkt ihrer Karriere. Hier sind alle Formen des Jazz zu Hause: Blues und klassischer Jazz, Swing, Mainstream, Bop, Soul, Funk, Jazz von heute - und vielleicht auch der von morgen.

Da die Plätze in dem kleinen Clubkeller sehr begrenzt sind, musste der Verein bei populären Veranstaltungen ab und zu auf größere Konzertsäle ausweichen, und 1966 wagte man mit dem Festival "Jazz Ost-West" den Sprung in die europäische Festival-Gala. Unter der Leitung von Walter Schätzlein (mit 80 Jahren 2015 verstorben) entwickelte sich Nürnberg neben Frankfurt und Berlin zu einer deutschen Jazz-Metropole. In seinen Memoiren resümiert Schätzlein: "Wir wurden für unsere Arbeit reichlich entlohnt mit unvergesslichen musikalischen Erlebnissen, wie sie nur der Jazz bieten kann".

Musik aus einem Guss

Unter dem Etikett "Contemporary Modern Jazz" stehen mit dem "Geoff Goodman Quintett" zum Jubiläum hochkarätige Namen der aktuellen Szene im auf der Bühne. Geoff Goodman und Billy Elgart sind zwei Amerikaner, die schon vor Jahrzehnten München zu ihrer Wahlheimat machten und die dortige Szene nachhaltig geprägt haben. Der geborene Nürnberger Rudi Mahall gilt als Verwalter des Erbes von Eric Dolphy und hat sich durch seine Zusammenarbeit mit Alexander von Schlippenbach und Aki Takase einen Namen gemacht. Dazu kommen Matthieu Bordenave und Andreas Kurz als Vertreter einer jüngeren Generation.

Unerhört und lebendig

Die Musik des Quintetts ist aus einem Guss und steht in der Tradition von Thelonious Monk, Eric Dolphy, Ornette Coleman oder Albert Ayler. Nicht oberflächlicher Wohlklang oder gefällige Kopien sind angesagt, kreativer Umgang mit den Errungenschaften des modernen Jazz und des Free Jazz werden zu einer eigenständigen, unvergleichlichen Melange: Spannungsgeladen und lebendig, unvorhersehbar und unerhört. Da ist Rudi Mahall mit seinen originellen Melodielinien und bewusst unkonventioneller Artikulation auf der Bassklarinette. Sein beißender, schriller Ton auf der Klarinette kontrastiert zum sonoren Klang des Tenorsaxofons von Matthieu Bordenave. Dazu kommt Geoff Goodmans wandelbarer Klang auf der Gitarre, mal sanft im Hintergrund schwebend, dann wieder mit verzerrten Klangorgien, mit Zitaten von Jimi Hendrix oder Miles Davis. Seine Ansagen sind ein Mix aus Amerikanisch und Deutsch, angereichert mit hintergründigem Humor.

Dazu: Bill Elgart, ein Schlagzeuger, der äußerst musikalisch agiert. Er trommelt mit viel Gefühl für Nuancen und unterstützt die Melodien optimal. Gelegentlich setzt er mit harten Schlägen energische Akzente. Sein Spiel erinnert an den unvergesslichen Max Roach. Andreas Kurz mit seinem Kontrabass liefert ein solides Fundament und steuert auch einige solistische Glanzlichter bei. Ein Klangerlebnis der besonderen Art ist die Neuinterpretation von George Shearings Klassiker "Lullaby of Birdland", dargeboten im Trio mit Klarinette, Saxofon und Gitarre. Ein Hörerlebnis mit Tiefgang.

Mehr Informationen und das Programm des "Jazz Studio Nürnberg" im Internet unter: www.jazzstudio.de

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.