26.02.2019 - 15:30 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Zu Mozart übers Handy wischen

Staatsintendant Jens-Daniel Herzog inszeniert die Verwechslungkomödie "Così fan tutte" am Nürnberger Opernhaus als TV-Spektakel

Zwei rassige Rapper buhlen um die Herzen der eigenen Frauen - kein Wunder, dass sie in diesen Kostümen nicht erkannt werden - oder doch? Im Bild (v.li.n.re.): Julia Grüter (Fiordiligi), Martin Platz (Ferrando), Andromahi Raptis (Despina), Amira Elmadfa (Dorabella), Denis Milo (Guglielmo)
von Günter KuschProfil

Das glaubt doch kein Mensch: zwei Freunde baggern die Braut des anderen an, ohne dass die Damen ihre Verehrer erkennen. Solch banale Blindheit gibt es wohl nur im Theater oder eben in Mozarts Verwechslungskomödie "Così fan tutte". Wobei es dem "Kind europäischer Aufklärung" gar nicht so sehr um die Story geht. An erster Stelle steht die Musik, und die ist prächtig. Erst danach kommt der "Verhaltensforscher" ins Spiel. Seine Botschaft: Nichts ist für die Ewigkeit, selbst die Liebe nicht. Glücklich ist der Mensch, der trotz allem die Ruhe bewahrt. Die Neuinszenierung von Staatsintendant Jens-Daniel Herzog als TV-Container-Show erhält in Nürnberg begeisterten Beifall.

Es sind nur drei Worte, hinter denen sich eine große Frage verbirgt: "Così fan tutte", so machen es alle. Gemeint sind hier zuerst einmal die Frauen, die angeblich zur Untreue neigen. Doch wie sich im Verlauf des Stückes zeigt, ist auf die Männer auch nicht immer Verlass. Vor allem, wenn es um die Liebe geht. Warum sonst setzen Guglielmo (Denis Milo) und Ferrando (Martin Platz) sogar ihre Freundschaft aufs Spiel, um - wegen einer Wette - zu beweisen, dass allein die Treue zählt. Wer hält hier eigentlich zu wem? Auf wen ist wirklich Verlass? Am Ende zeigt sich, dass ungezähmte Lust nicht unbedingt als Geschlechter-Frage taugt.

Jens Daniel Herzog, der die 1790 uraufgeführte Oper bereits zum dritten Mal inszeniert und laut eigenen Aussagen "einfach nicht genug davon haben kann", führt das Publikum in die Abgründe eines dämonischen Spiels. Wie bei "Big Brother" oder anderen TV-Container-Serien werden Zuschauer zu Voyeuren, die im Blick auf menschliche Abgründe gespannt glotzen, obwohl sich das ja eigentlich nicht gehört.

Selbst der Chor lacht sich angesichts des absurden Geschehens immer wieder ins Fäustchen oder filmt das Ganze mit Handy, um es danach in die Welt hinaus zu posten. Das Leben wird zur Show, die Show ist das Leben. Mathis Neidhardt hat für diesen medialen Wahnsinn das passende Bühnenbild gezaubert. Man blickt durch eine Art Tablet auf den "Testfall Treue", das sich - in einem weiteren Kasten steckend - immer wieder bedrohlich nach vorne bewegt.

Dreieinhalb Stunden vergehen hier wie im Flug. Das liegt einerseits an den witzigen Einfällen, die an mancher Stelle überzogen wirken, aber stets für Überraschungen sorgen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass man zu Mozarts Melodien rhythmisch passend über Handy-Displays wischen, leckere Käse-Toasts schmieren oder übers Parkett rappen kann? Und wo hat man schon einmal eine Despina (wunderbar agil: Andromahi Raptis) erlebt, die nicht nur beim Rad-Schlagen, sondern auch stimmlich akrobatische Höchstleistungen präsentiert?

Überhaupt die Sänger, es ist eine Wonne, diesem jugendlichen Vokalgenuss zu lauschen. Vor allem, wenn sie von einer Staatsphilharmonie unter der Leitung von Lutz de Veer begleitet werden, die mit Wohllautfülle verwöhnt - klangsinnlich und tiefsinnig, nuancenreich und fein differenzierend zugleich.

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