06.11.2019 - 16:25 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Schmutzige Wäsche waschen

Selen Kara bringt die deutschsprachige Erstaufführung von „I love you, Turkey!“ auf die Bühne der Nürnberger Kammerspiele. In einem Waschsalon begegnen sich fünf junge Leute, die die Sorge um politische Zustände in ihrer Heimat umtreibt.

Die Türkei als Waschsalon und Gefängniszelle - in Ceren Ercans „I love you, Turkey!“ entfalten sich selbst an solchen Orten wieder Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung. Im Bild (v.li.n.re.): Lisa Mies, Amadeus Köhli, Lea Sophie Salfeld, Nicolas Frederick Djuren, Süheyla Ünlü
von Günter KuschProfil

In Zeiten der Repression gedeihen die Künste. Allein in Istanbul soll es im vergangenen Jahr mehr als 230 Theater-Premieren gegeben haben. Das Bakırköy Belediye Tiyatrosu (BBT) ist eines der wenigen staatlich geförderten Theater der Türkei. Auch hier, in einem Istanbuler Arbeitervorort, werden immer wieder autokratische Unterdrückungsmechanismen thematisiert. Ceren Ercans Stück „I Love you, Turkey!“ gehört dazu – eine bittere Liebeserklärung mit kritischem Unterton. Die deutschsprachige Erstaufführung in den Nürnberger Kammerspielen schaltete jedoch eher in den Schonwaschgang.

In einem Waschsalon mitten in Istanbul treffen sich drei Frauen und ein Mann, um schmutzige Wäsche zu waschen. Während ihre T-Shirts, Hosen und Socken kräftig im Kreis wirbeln, drehen sich ihre Gespräche um aktuelle politische und gesellschaftliche Zustände. Gibt es eine Zukunft für unser Land? Sollen wir die Türkei verlassen oder in der Heimat gegen Unterdrückung zu kämpfen? Sie ahnen nicht, dass in diesem Reinigungsraum kontrolliert wird, wer eine weiße Weste hat. Der Salonbesitzer, ein ehemaliger Manager, versperrt die Türen und geht ihnen buchstäblich „an die Wäsche“. Mit verbissener Miene zieht er ein Oberteil mit der Aufschrift „Help“ aus der Trommel – wenn das nicht verdächtig ist?

Die Vier haben sich gegen den Brain Drain entschieden. 2017 verließen mehr als 250.000 Menschen die Türkei, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Nein, Flucht ist keine Lösung, so denken der homosexuelle Radiomoderator, die arbeitslose Wissenschaftlerin, eine Übersetzerin und eine entlassene Journalistin, die derzeit im Mutterschutz ist. Das Wasser in ihren Wohnungen wurde abgestellt, damit sie in den Waschsalon gehen müssen – wahrscheinlich eine staatliche Maßnahme. Es zeigt sich, dass ihre Möglichkeiten zum Protest gering sind. Immerhin: „Seit 92 Tagen dusche ich nicht“, verdeutlicht die Journalistin ihren persönlichen Widerstand.

Regisseurin Selen Kara setzt die emotionale und politische Situation ihres Landes mit viel Lust am Theatralen in Szene. Der rotierende Käfig mit den neun Waschmaschinen auf der Vorderseite bildet das Pendant zur Bar auf der Rückseite, wo trotz Repression echte Partystimmung herrscht (ein tolles Bühnenbild von Lydia Merkel). Da wird getrunken, gefeiert und gestritten. Fließt schon hier eine Menge Wasser über Köpfe und Körper, werden die „Inhaftierten“ schließlich zu übermütigen Schaumschlägern. Sie reißen die Türen der Waschtrommeln auf, schöpfen aus dem Vollen, bespritzen sich mit dem reinigenden Nass, waschen Altes ab, um einen Neuanfang zu wagen.

Während diese Badeszene auf Dauer überzogen und albern wirkt, geht eine andere Szene unter die Haut: Als Flüchtende stehen unsere vier Protagonisten an der Bühnenrampe und preisen ihre Vorzüge. Lauthals schreiend, fast wie auf einem Marktplatz, konkurrieren sie im Blick auf ihre Rettung. Mit Sätzen wie „Ich habe helle Haut“ und „keine extremen Ansichten vorhanden“ oder „mein Schweiß stinkt nicht“ und „Ich kann Fremdsprachen“ biedern sie sich an. Dass diese Flucht mit einem Zitat von Rainer Werner Fassbinder verbunden wird, „Ich hab auch Angst, aber ich hab das Gefühl, dass ich nicht weg kann“, bringt noch einmal das Dilemma auf den Punkt: Bleiben oder gehen?

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