08.05.2019 - 15:08 Uhr
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Schritt für Schritt zur Selbstbestimmung

Nicht nur im Leben, auch beim Tanz muss Mann seinen Mann stehen. Wie, das zeigt Goyo Montero in seiner Choreographie „M“, bei der neun Männer Themen wie „Gewalt“, „Aggressivität“ oder „Sieger sein“ in Szene setzen.
von Günter KuschProfil

Am Anfang ist die Geburt. Die Tänzer gleiten über eine riesige Rutsche auf den Spielplatz, der sich Leben nennt. Zugleich purzeln sie hinein in Rollenbilder und Klischees. Die Frage stellt sich: Wann und wie entwickelt sich Mann oder Frau? Und was ist typisch männlich oder weiblich? Goyo Montero nähert sich dem Thema mit seiner Choreographie "M", bei der neun Männer "typisch männliche Energien" in Szene setzen. Aber auch die Beiträge von Tanzlegende Jiri Kylián und Marco Goecke widmen sich der aktuellen Gender-Debatte.

Die von Goyo Montero 2011 in Nürnberg eingeführten "triple bill"-Abende mit Werken zeitgenössischer Choreographen sind eine echte Bereicherung für das Staatstheater. Den Anfang macht diesmal der immer noch als "junger Wilder" umworbene Marco Goecke mit seinem aufwühlenden Stück "Thin Skin". Die Tänzer, deren Haut mit zahllosen Tattoos übersät ist, bewegen sich zwischen menschlicher Verletzlichkeit und Stärke, wirken dünnhäutig, empfindsam und zerbrechlich, ohne aber in der Brüchigkeit ihrer Existenz unterzugehen. Mit kräftigen Bewegung lassen sie Traumwelten entstehen, in die sie flüchten können und wo sie Schutzräume finden.

Acht Frauen tanzen in Jiri Kyliáns "Falling Angels" zu stetig stärker und lauter werdenden Trommel-Rhythmen des Minimalisten Steve Reich. Uraufführung war im November 1989 mit dem "Nederlands Dans Theatre I." Grelles Licht teilt die Bühne in geometrische Abschnitte und bestimmt, wo die unterschiedlichen Gruppentänze und Soli über die Bühne gehen. Vibrationsbewegungen assoziieren das Fliegen-Wollen, immer wieder brechen einzelne Tänzerinnen aus der gleich geschalteten Masse aus, um dann doch wieder zurückzukehren und eine neue synchrone Gruppe zu bilden. Selbstbestimmung oder Fremdbestimmung, so lautet hier die überaus exakt getanzte Frage.

Auch Monteros abstraktes Werk "M" ist eine physische Herausforderung für die neun männlichen Tänzer. Als "Reise vom Kind zu Mann" will der Ballettchef sein diffiziles Rollenbilder-Wechsel-Kraftspiel verstehen. Durchdrungen wird es von Stereotypen, Klischeebildern und "typisch männlichen" Figuren wie dem "Boxer", "Rugby-Spieler" oder "Stierkämpfer". Gesellschaftliche Muster zwingen die Tänzer in die Enge, rauben ihnen den Atem, ermutigen aber zu schöpferischen Suchbewegungen nach Freiheit und Identität. Es ist der Song von Lou Reed, der den Drang von Mann und Frau, ja des Menschen, letztlich auf den Punkt bringt: "Looking for a Kiss" - es ist und bleibt die Sehnsucht nach Liebe.Um Rollenbilder und Klischees geht es bei dem Ballettabend "Kylián/Goecke/Montero" am Staatstheater Nürnberg

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