11.10.2018 - 15:43 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Auf der Suche nach Freiheit

"Die Möwe" in einem ganz neuen Gewand: In der Aufführung am Nürnberger Staatstheater hebt sie in Richtung Komödie ab. Das Stück setzt nicht nur schauspielerisch zu Höhenflügen an.

Kostja (Cem Lukas Yeginer, rechts) hat nur einen Wunsch: Schriftsteller werden. Nina, seine Angebetete (Pauline Kästner, links) übernimmt in seinem Theaterstück die Hauptrolle - viel Anerkennung bekommen die beiden für ihre moderne Performance allerdings nicht.
von Günter KuschProfil

"Wenig Handlung, viele Gespräche über Literatur und ein Pud Liebe", so umschrieb Tschechow sein Sinnsucher- und Liebeskummerstück "Die Möwe". In Nürnberg müsste man hinzufügen: ein wenig Überzeichnung, etwas Klamauk und Absurditäten kommen hinzu. Wirken aktuelle Aufführungen oft beklemmend, so mischt die neue Haus-Regisseurin Anne Lenk in Nürnberg eine gute Prise Unbeschwertheit in die Tschechow'schen Diskurse über Kunst, Erlösung und Lebensziele. Dafür gibt es bei der Premiere im Staatstheater gebührenden Applaus.

Das Bühnenbild von Judith Oswald passt zum Thema dieses Abends: Der Mensch, der sich sehnt nach Freiheit und Selbstverwirklichung, aber nicht loskommt von seiner Abhängigkeit. Einfach nur sein, gesehen und geliebt zu werden, vieles davon bleibt ein Wunsch. Oswald lässt die Schauspieler deshalb in einem hellen, leeren Kasten auf der Bühne agieren - sie sind gefangen in klinisch reinen Existenzräumen.

Wie Marionetten

Die Idee ist nicht ganz unbekannt. Doch was heißt agieren? Bewegung gibt es nur, sobald ihr Einsatz gefragt ist. Meist stehen sämtliche Protagonisten steif wie Marionetten auf einem Fleck. Keiner ist am Anderen interessiert, das Schicksal des Nächsten lässt sie kalt. In der Version des Deutschen Theaters Berlin sitzen die Darsteller auf einer Bank und beobachten das Lebensspiel der Anderen äußerst aufmerksam. Regisseur Jürgen Gosch verdeutlicht damit, dass es im Theater um Kunst und ihre Wahrnehmung geht.

Neben- statt miteinander

In Nürnberg wird eher neben- statt miteinander gespielt. Dies aber mit großem schauspielerischen Können. Da zeigt Amadeus Köhli als Schriftsteller Boris Alexejewitsch mit Gitarre sensible "Saiten", Raphael Rubino gibt als Arzt Jewgeni Sergejewitsch den selbstverliebten Herzensbrecher und Cem Lukas Yeginer, der als Nachwuchsautor Konstantin auf moderne Theaterkunst setzt, fordert seine Erzeugerin Irina Nikolajewna (Ulrike Arnold) regelmäßig zum Schrei-Stampf-Duell auf. Den damit angedeuteten Mutter-Sohn-Konflikt löst er auf rotzige Weise: "Du hast ja nur Angst, ins Mutterfach abzurutschen."

Dass Tschechow sein Werk bewusst als "Komödie" bezeichnete, ist also im Balzac'schen Sinne zu verstehen. Die "Comédie Humaine" sollte zum Nachdenken über letzte Dinge und große Fragen der Menschheit anregen. Oft sind es dann philosophisch erhabene Momente, die schneller als gedacht ins Lächerliche kippen. Die Nürnberger "Möwe" hebt in Richtung Komödie ab, indem sie wütenden Wort-Gewittern und Slapstick-Blitzen ausgesetzt wird. Weite Flüge sind da nicht möglich. Das Stück bleibt an der Oberfläche und ohne großen Tiefgang.

Statt vielschichtiger Dialoge oder psychologisch faszinierenden Figurenzeichnungen aber ein vergnüglicher Abend? Man kann Tschechows Anspruch auch so verstehen: "Wir beschreiben das Leben so wie es ist und weiter weder piep noch pub."

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