22.01.2019 - 13:56 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

"Tausende Frauen tun es heimlich"

Wieso darf er und sie nicht? Kaum verheiratet, geht er fremd. Der mondäne Ball im Savoy stellt die junge Ehe der Faublas auf die Probe und Rollenbilder auf den Kopf. In Nürnberg erhielt die verrückte und verjazzte Operette viel Beifall.

La Tangolita (Andromahi Raptis) sorgt für Verwirrung: mit einem Telegramm erinnert sie ihren Ex-Geliebten Aristide an sein Versprechen, mit ihr zu einem Galadiner zu gehen. Bekanntlich geht Liebe ja durch den Magen.
von Günter KuschProfil

Hat sie jetzt? Oder hat sie nicht? Das möchte man zu gerne wissen. Schließlich wäre ein Ehebruch ein echter Tabubruch, oder? Nicht nur 1932, als die Operette "Ball in Savoy" in Berlin uraufgeführt wurde. Auch im Nürnberger Staatstheater, wo die bunte Boulevard-Komödie erstmals zu sehen ist, sorgt das Thema für Gefühlswallungen - allerdings eher wegen der hervorragenden Mischung von Klang-Cocktail und Schauspiel-Kunst.

Hat sie nun oder nicht? Und wer ist eigentlich Er oder Sie? Wie in der Fledermaus von Johann Strauss geht es um einen Ehemann, der auf einem Ball verschwindet und um eine Ehefrau, die ihm heimlich und maskiert folgt. Während er, also Marquis Aristide, sich mit seiner Verflossenen im Séparée vergnügt, sitzt sie gleich nebenan - mit einem jungen, schüchternen Mann, der seit langem nach dem Abenteuer seines Lebens sucht. Doch Madeleine will nur eins: "Rache aus Liebe! Mein Gemahl hat mich düpiert - und ich habe mich revanchiert!"

Rollenbilder kommen ins Wanken

Rund drei Stunden dauert das Gefühlschaos, bei dem traditionelle Rollenbilder ins Wanken und gewohnte Klischees kräftig hinterfragt werden. Ein echtes Highlight ist, dass die fernsehbekannten Geschwister Pfister in den Hauptrollen zu bewundern sind - und dabei der kleine Unterschied zwischen Mann und Frau zur größten Nebensache der Welt wird. Einfach köstlich, wie Christoph Marti als temperamentvolle Jazz-Komponistin Daisy Parker quicklebendig zum "Känguru-Fox" über die Bühne steppt und den Tänzern dabei den Kopf verdreht. An seiner bzw. ihrer Seite palavert Andreja Schneider als übergewichtiger türkischer Diplomat Mustapha Bei über die Vorzüge seiner sechs Ehefrauen, die man übrigens ganz einfach wieder los wird: "Eine Null mehr auf dem Scheck, und die Frau ist weg!"

Hat sie nun oder hat sie nicht? Ja, Stefan Hubers "Ball im Savoy" hat das Zeug zum Publikumsrenner. Seine Inszenierung ist temporeich und ohne Längen. Die herrlichen Kostüme der 30er Jahre von Heike Seidler sowie das wandelbare Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter erleichtern die kurzweilige Zeitreise ins Wortwitz-Paradies. Vier fahrbare weiße Säulen mit Lampen im Bauhaus-Stil eröffnen stets neue Einblicke. Dass der Weg von Paul Abrahams Operette zum Musical nicht weit war, zeigt die Bandbreite der Melodien, mit denen die Staatsphilharmonie an diesem Abend punktgenau verwöhnt. Der ungarische Komponist beherrschte schwungvolle Walzer- und Tango-Rhythmen ebenso wie Klezmer, Ragtime und Jazz.

Tragischer König der Operette

Paul Abraham musste nach der Uraufführung seines "Balls" vor den Nazis in die USA fliehen. "Die werden doch keinen Krieg gegen die Operette führen", soll er gefragt haben. Doch genau das geschah. Die Brisanz dieser Zeit des "tragischen Königs der Operette", wie Abrahams Biograf Klaus Waller es nannte, kommt in Nürnberg nicht vor. Bei der Aufführung 2017 in Koblenz ließ Ansgar Weigner zwei Männer auftreten, die sich - im Schwarz der SS - unter die Nachtschwärmer mischen und in der Villa das Marquis im Takt der Musik zu marschieren beginnen. Abrahams schmissige Klänge mutieren zum bedrohlichen Kampflied.

Nach der Premiere in Nürnberg wird diskutiert, ob diese Ereignisse einfach unter den Tisch fallen dürfen. Indem sich Regisseur Huber dagegen entscheidet, nimmt er das Stück ernst und beim Wort. Wie Paul Abraham und seine Librettisten vor 80 Jahren blendet er die bedrohlichen Schatten des Jahres 1933 aus und setzt auf die verblüffende Leichtigkeit und den befreienden Unterhaltungswert der Geschlechterpersiflage. Hat sie nun gut unterhalten oder nicht? Diese Frage stellt sich angesichts des lang anhaltenden Beifalls jedenfalls nicht.

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