21.05.2019 - 08:02 Uhr
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Azubi-Mindestlohn: Verdi fordert deutlich mehr

Azubi-Mindestlohn und Dokumentation für Arbeitszeit: Die jüngsten arbeitsrechtlichen Themen lassen Arbeitgeber kalt. Würde sich der Oberpfälzer Verdi-Boss mit seinen Plänen zum Mindestlohn durchsetzen, wäre das wohl anders.

Kaminkehrer-Azubis verdienen laut BIBB-Tabelle derzeit noch 450 Euro im ersten Lehrjahr. Bald sollen es mindestens 515 sein.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Die Ruhe findet Alexander Gröbner verdächtig. Zwei arbeitsrechtliche Entscheidungen in den vergangenen Tagen, doch weder der "Mindestlohn" für Azubis noch die Erfassungspflicht für Arbeitszeit hat zu hörbaren Klagen bei Arbeitgebern geführt. Für den Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Oberpfalz bedeutet das: "Die Regelungen bilden die Realität nicht ab." Grundsätzliche begrüße er die Mindestvergütung für Azubis ebenso wie die Dokumentationspflicht, allerdings seien die festgelegten 515 Euro schlicht viel zu niedrig.

Tatsächlich zeigt ein Blick in die Tabelle des Bundesinstituts für berufliche Bildung, dass in Westdeutschland nur drei Ausbildungsberufe im ersten Lehrjahr weniger zahlen: Kaminkehrer (450 Euro), Friseure und Raumausstatter (je 498 Euro). Auch Arbeitgeber in diesen Berufen sind wenig geschockt: "Die meisten Azubis bekommen doch ohnehin etwas extra", sagt Kaminkehrermeister Reinhard Fütterer aus Windischeschenbach. Auch bei Auszubildenden gelte längst: Wer gute Mitarbeiter will, muss etwas bieten. Wenn er künftig den Azubis auch laut Gesetz 65 Euro mehr zahlen muss, ändert das für ihn nichts.

Ganz ähnlich sieht es Claudia Rubenbauer. Sie betreibt in Kümmersbruck den Salon Hairfresh und ist Innungsmeisterin der Friseurinnung Amberg-Sulzbach. "Die Differenz ist ja nicht groß", sagt sie. "Auch Auszubildende sind wichtige Mitarbeiter, die gut entlohnt werden sollen", sagt Rubenbauer weiter, deshalb habe sie nichts gegen etwas Aufstockung.

Auch die Dokumentationspflicht kann beide Arbeitgeber nicht schocken: "Das machen wir doch schon so", sagen sowohl Rubenbauer als auch Fütterer. Auch das Parksteiner Unternehmen Witron ist unaufgeregt: "Weder hat uns das Urteil überrascht, noch ändert sich dadurch etwas an unserem Tagesgeschäft, da wir ohnehin die Arbeitszeiten aller Mitarbeiter elektronisch erfassen", erklärt Sprecher Thomas Gajewski.

Spätestens seit es den allgemeinen Mindestlohn gibt werde genau kontrolliert. Neben der Gewerbeaufsicht überprüfe der Zoll, dass die Arbeitszeit genau erfasst wird. "Es wird mehr kontrolliert als früher, auch die Bürokratie hat zugenommen", sagt Rubenbauer. Das bestätigt eine Gastronomin aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Arbeitszeiterfassung und Bürokratie nehme ihrem Betrieb jede Flexibilität und sorge für lange Nächte im Büro. Ihr Gasthof nehme keine Hochzeiten mehr an, weil dafür die Personalplanung zu kompliziert ist. Nur: Das war bereits vor dem Urteil des Europäischen Gerichtshof so.

Neue Grauzonen

Mehr Kontrollen

Alexander Gröbner ist bewusst, dass das Urteil die deutsche Praxis bestätigt, das sei gut so. Allerdings gebe es neue Grauzonen, die kaum überwacht sind. Gröbner nennt vor allem Arbeit im Digital- und Technologiesektor. "Es ist schön, wenn man seine Arbeit vom Café aus erledigen kann, aber das sorge auch dafür, dass Arbeits- und Freizeit verschwimmen. "Hier wird genaue Dokumentation umso wichtiger." Der Oberpfälzer Verdi-Boss nennt das Konstrukt der Vertrauensarbeitszeit. "Da muss man manchen jungen Arbeitnehmer auch vor sich selbst schützen."

Und auch bei der Mindestvergütung für Azubis wird Gröbner konkreter: Die Untergrenze sei gut, müsse nur viel höher liegen. Wenn man bedenke, dass gerade Azubis in der Oberpfalz oft ein Auto brauchen, um zum Arbeitsplatz kommen. 900 bis 1000 Euro wären als Untergrenze passender als die beschlossenen 515.

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