06.09.2019 - 12:30 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Die junge Metropole Mährens: Brünn - ein Stadtportrait

Bernhard Setzwein durchstreifte vier Wochen lang die mährische Hauptstadt Brünn, führte Gespräche mit Kulturschaffenden und Studenten und erlebte eine faszinierende, quicklebendige Metropole. Ein Stadtportrait.

Jede Stadt hat ihre gute Stube. In München ist es der Marienplatz, in Wien die Gassen rund um den Stephansdom und in Prag der Altstädter Ring, mit Teynkirche und historischem Rathaus. Die gute Stube von Brünn ist eindeutig der Krautmarkt. Schon sein Name macht deutlich: Die mährische Hauptstadt hat sich etwas Bäurisches bewahrt. Alle Tage bis auf Sonntag schlagen hier die Bauern des Umlandes ihre Stände auf, das Angebot ist – ganz anders als zum Beispiel am Münchner Viktualienmarkt – sehr bodenständig und regional. Pyramiden von Kohlköpfen türmen sich da, jede Menge Paprika, Knoblauch, Zwiebel, aber auch Wal- und Haselnüsse. Früher scheinen die Marktschreiereien noch viel lebhafter gewesen zu sein. Leoš Janáček soll den Platz und sein Treiben besonders geliebt haben und sich die „Sprachmelodien“ der Markfrauen in musikalischer Notation aufnotiert haben. Der große mährische Komponist ging hier nicht nur als Schüler ins Augustinerstift und studierte an der „K.u.k. slawischen Lehreranstalt“, sondern kehrte nach Wanderjahren in Prag, Leipzig und Wien nach Brünn zurück, um als 27-Jähriger die Leitung der neu gegründeten Orgelschule zu übernehmen.

80000 Studenten

Im 19. Jahrhundert, als Mähren noch zum Habsburger Reich des Wiener Kaisers Franz Joseph gehörte, sprach man von Brünn als dem „Manchester des Ostens“. Hier ratterten die Webstühle, Traktoren schraubte man ebenso zusammen wie allerlei Kriegsgerät in den österreichisch-ungarischen Artilleriewerken, einer Zweigstelle des Wiener Arsenals. Doch dieses proletarische Stadtbild gehört weitestgehend der Vergangenheit an. Heute ist Brünn eher Forschungszentrum und Messestadt, vor allem aber auch eine sehr junge, studentische Metropole. Bildungseinrichtungen gibt es zuhauf. Sechs staatliche Hochschulen mit insgesamt 30 Fakultäten sind hier beheimatet, dazu noch etliche Privatschulen. Kein Wunder also, dass, wo man auch hinkommt, das Straßenbild von jungen Leuten dominiert wird. 80000 Studenten wohnen hier, das ist ein Fünftel der Gesamteinwohnerzahl.

Fulminanter Erfolg

„Studenten machen immer ein gutes Publikum, bei jeder Lesung oder Diskussion“, sagt Prof. Tomáš Kubíček, Direktor der Mährischen Landesbibliothek und gleichzeitig einer der Programmmacher des Gastlandauftrittes, für den die Tschechische Republik bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse Ende März gesorgt hat. So erklärt er sich auch den fulminanten Erfolg, den zum Beispiel ein Literatur-Festival vorweisen kann, das ziemlich einzigartig auf dem ganzen Kontinent sein dürfte. Es heißt „Monat der Autorenlesungen“ und funktioniert so: Jedes Jahr im Juli wird Tag für Tag ein neues Autoren-Duo auf Lesereise losgeschickt, so dass zum Schluss 31 Literaten-Paare unterwegs sind. Startpunkt ist Brünn, dann folgen Košice, Lemberg, Ostrava und Breslau. Der eine Teil des Tandems ist stets ein tschechischer Autor, der andere kommt aus dem jeweiligen Gastland, zuletzt war das die Türkei. 2019 folgte Rumänien.

Erfunden hat des Ganze zusammen mit Mitstreiter Petr Minařík, Inhaber des Windmühlen Verlages, der im Herzen der Stadt am Dominikanerplatz beheimatet ist. Sein guter Freund Tomáš Kubíček hat ihn gewarnt. „Ich hab gesagt, Petr, du bist verrückt. Mitten im Sommer so eine Veranstaltungsreihe. Da sitzen doch alle auf ihren Ferien-Datschen.“ Stimmt aber nicht. Im Theater „Divadlo u stolu“ am Krautmarkt finden sich immer wieder zu diesen literarischen Festivaltagen bis zu hundert Leute ein. Und lauschen aufmerksam Autoren, die ihnen größtenteils unbekannt sind. Wie zum Beispiel die 31 türkischen Autor*innen letztes Jahr. Es war wohl auch die tagespolitische Aktualität, die das Publikum in Scharen anzog. Natürlich war Erdogan und sein autokratischer Herrschaftsstil in aller Munde, und gerade die jungen Brünner Leute zogen Parallelen nicht nur zu Vorgängen in ihrem eigenen Land – Stichwort Korruptionsverdacht gegen Ministerpräsident Andrej Babiš –, sondern auch zur polnischen und ungarischen „Lage der Nation“.

Und die gefällt jungen, weltoffenen Leuten nicht unbedingt. Letzten November, am Jahrestag der Samtenen Revolution, demonstrierten beispielsweise 20.000 Menschen in Prag gegen Ministerpräsident Babiš. Ihr Unmut richtete sich nicht nur gegen dessen dubiose Geldgeschäfte, sondern auch gegen seine Europapolitik. Wie junge Menschen darüber denken, durfte ich bei einem Besuch im „Deutschen Debattierclub“ erleben. Das ist eine wöchentliche Zusammenkunft von Studenten, die alle Deutsch lernen und studieren und in diesem Konversationskurs auch anwenden wollen. Es war ein erstaunlich offenes Gespräch, in dem einer der Teilnehmer meinte, das Verhalten Tschechiens in der Frage der Verteilung von Flüchtlingen auf sämtliche EU-Länder sei nichts anderes als eine Schande. „Man hat von der EU so viel Unterstützung erhalten all die Jahre, nun wäre es an der Zeit, etwas zurückzugeben.“

In solchen jungen, couragierten Stimmen wird ein anderes Tschechien hör- und sichtbar als das der alten Männer, zum Beispiel vom Schlage eines Miloš Zeman. Seine erneute Wahl zum Staatspräsidenten letztes Jahr im Alter von 74 Jahren hat viele maßlos enttäuscht, weil es ein Zeichen war, dass es mit dem Aufbruch einfach nicht klappt. So sieht das auch die 39-jährige Kateřina Tučková, die zu den derzeit populärsten Schriftstellerinnen des Landes gehört. Sie ist nicht nur eine gebürtige Brünnerin, Geschichte und Schicksal „ihrer“ Stadt liegen ihr auch eminent am Herzen. Mit anderen zusammen rief sie das Kunst- und Kulturfestival „Meeting Brno“ ins Leben, dort werden immer auch wieder geschichtliche Tabuthemen behandelt. Das am meisten totgeschwiegene Kapitel der jüngeren Stadtgeschichte hat sie aber selber in einem Aufsehen erregenden Roman behandelt, der seit einigen Monaten auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Sein Titel: „Gerta. Das deutsche Mädchen“ (Klak Verlag, Berlin, 546 S., 19,90 €). In Tschechien wurde er 2009 ein Riesen-Erfolg, ausgezeichnet mit dem wichtigen Magnesia-Litera-Preis.

Thema ist der „Brünner Todesmarsch“, bei dem Ende Mai 1945 28.000 Menschen vom Sammelplatz, dem Brünner Augustinerkloster, Richtung österreichische Grenze getrieben wurden, gewissermaßen ein Racheakt für das, was die Deutschen in den Jahren des Protektorats in Böhmen und Mähren an Gräueltaten begangen hatten. Wahrscheinlich gab es dabei 5000 Tote zu beklagen, Frauen und Kinder, alte Männer, gestorben an Entkräftung, aber auch erschlagen von den tschechischen und russischen Soldaten, die den Weg säumten.

Trauriger Rest

Die Titelheldin des Romans, Gerta Schnirch, wird aus der Todeskolonne herausgefischt und zu Ernteeinsätzen in einem mährischen Dorf vergattert. Erst anschließend darf sie wieder zurück nach Brünn. Der Grund: Sie stammt aus einer

Mischehe, Vater Deutscher, Mutter Tschechin. Solche Fälle gab es, wenige Deutsche durften bleiben, zum Beispiel auch, wenn sie dezidierte Antifaschisten gewesen waren oder für die Produktion besonders wichtige Berufe ausübten. Ein angenehmes Leben hatten sie nicht, lebten vielmehr in ständiger Angst, durften in der Öffentlichkeit kein deutsches Wort hören lassen.

Sie waren der traurige Rest des einst bedeutenden Anteils deutscher Kultur am Stadtleben. Um 1900 machten die Deutschstämmigen noch über 60 Prozent der Bevölkerung aus. Dazu kamen zirka 12000 jüdische Mitbürger – von ihnen überlebten nur ein paar Handvoll den Völkermord der Nazis. Und doch war es so, dass diese drei Bevölkerungsanteile – Tschechen, Deutsche, Juden – samt ein paar kleineren Minderheiten vor dem Krieg in Summe das Brünner Stadtleben ausgemacht hatten. Da gab es ganz eigene Ausprägungen dieser Symbiose, zum Beispiel den Brünner Stadtdialekt „Hantec“, der eine Mischung aus Tschechisch, Jidisch und Wienerisch angehauchtem Deutsch war. Manche sagen, der Hantec sei ausgestorben, weil eben zwei Träger dieser Sprache nicht mehr vorhanden seien. Aber andere bestreiten das, wie der Direktor des Brünner Stadttheaters, Stanislav Moša. Er sagt, Hantec lebt. Freilich mit neuen Einflüssen wie russischen oder englischen Wörtern. Seine Adaption des „My fair lady“-Stoffes fürs Stadttheater jedenfalls, erzählt Moša, habe er ganz bewusst in der Hantec-Sprache verfasst und sie sei ein Riesen-Erfolg gewesen.

Und so gibt es also viele Gründe, der mährischen Hauptstadt einmal einen Besuch abzustatten. Das bunte Kulturleben mit seinen Theatern und Museen, Musikaufführungen und Literatur-Acts ist ein gutes Argument. An außergewöhnlicher Architektur Interessierte wird es unweigerlich zur Villa Tugendhat ziehen, das Paradebeispiel eines funktionalistischen Wohnbaus, entworfen von Mies von der Rohe … der Andrang ist so groß, dass man sich für die sehr informativen Führung vorab anmelden muss. Die Festung Spielberg sollte man besuchen, in ihren ältesten Teilen geht sie bis aufs 13. Jahrhundert zurück. Die schauerlichen Kasematten im Berg unter der Festung hatten den Beinamen „Völkerkerker“, weil hier die Habsburgerherrscher aufmüpfige serbische, ungarische oder sonstige Rebellen bei lebendigem Leib verfaulen ließen. Nach so viel dunkler Historie geht’s wieder hinunter in die bunte Innenstadt mit ihren zahllosen Bierstuben und Cafés, viele davon rund um den Krautmarkt angesiedelt, die gute Stube der mährischen Hauptstadt Brünn.

„Ahoj Leipzig Brno“:

Der in Cham lebende Autor Bernhard Setzwein hielt sich in der mährischen Hauptstadt Brünn auf und berichtete von dort in einem täglichen Internet-Blog.

Als einer von fünf deutschsprachigen Autoren wurde er ausgewählt, am Austauschprogramm „Ahoj Leipzig Brno“ teilzunehmen, das im Zusammenhang mit dem Gastlandauftritt Tschechiens auf der Leipziger Buchmesse stand. Organisiert wurde das Programm von der Mährischen Landesbibliothek, der Stadt Brünn, der Leipziger Buchmesse und des Goetheinstituts in Tschechien. Nähere Informationen gibt es unter www.ahojleipzig.de.

Das Austauschprogramm will vor allem gegenseitiges Kennen- und Verstehenlernen anregen. Für Bernhard Setzwein bedeutete dies unter anderem Begegnungen mit Brünner Kulturschaffenden sowie Lesungen an der Universität. Zum Abschluss wurden sich alle zehn Stipendiaten miteinander im März auf der Leipziger Buchmesse bei einer gemeinsamen Veranstaltung präsentiert. Bernhard Setzweins Internet-Blog „Ein Brünner Monat“ ist über seine Homepage www.bernhardsetzwein.de aufrufbar.

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