06.02.2020 - 19:45 Uhr
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Oberpfälzer Lehrer sind vom Kultusministerium schwer enttäuscht

Grund- und Mittelschullehrer sollen den Lehrermangel richten: Sie müssen mehr Teilzeit arbeiten und dürfen später in Ruhestand gehen. Dazu sagt Katja Meidenbauer vom Bayerischen Lehrerverband: "Das ist ein riesiger Schlag für die Kollegen."

Besonders ältere Lehrer an Grund- und Mittelschulen sind von den Maßnahmen des Kultusministeriums betroffen.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Seit dem 7. Januar steht für Grund- und Mittelschulen fest: Die Pädagogen müssen künftig statt 28 Wochenstunden 29 arbeiten, die Anzahl der Teilzeitstunden erhöht sich auf 24 und sie können erst mit 65 in den Ruhestand gehen. Die Art und Weise, wie viele Lehrer davon erfahren mussten, sorgt bei den Betroffenen allerdings für Kopfschütteln.

Eine Grundschullehrerin, die hier aus Angst vor negativen Konsequenzen seitens des Kultusministeriums nicht namentlich genannt werden will, sagt: "Bevor uns überhaupt etwas mitgeteilt wurde, habe ich davon in der Zeitung gelesen." Dazu möchte Katja Meidenbauer, die Vorsitzende des Oberpfälzer Lehrerverbandes (BLLV), anmerken: "Uns geht es nicht um die eine Stunde in der Woche mehr, die wir arbeiten sollen." Arbeit über die bisherigen 28 Wochenstunden in der Schule hinaus, sei sowieso Alltag für die Lehrer.

Problematisch sieht der BLLV Folgendes: Die Notmaßnahmen, die unter der Federführung des Bayerischen Kultusministers Michael Piazolo beschlossen wurden, treffen vor allem ältere Lehrer und deren Teilzeitmodelle.

Meidenbauer spricht von "Daumenschrauben", die den Kollegen angelegt würden. Einige der älteren Lehrerinnen seien "einfach nicht mehr so fit." Sie hätten sich damit arrangiert, 16 Stunden die Woche in der Schule zu arbeiten. "Wenn die Mindestzahl der Teilzeit jetzt auf 24 steigt, dann bedeutet das, dass die Kolleginnen auf einen Schlag noch mal die Hälfte mehr arbeiten müssen."

Meidenbauer betont, dass 24 Schulstunden nicht einfach 24 Stunden die Woche Arbeiten bedeutet: "Die Kolleginnen müssen jede Stunde planen, sie vor- und nachbereiten, Elterngespräche führen und Zeugnisse schreiben." Die Grundschullehrerin berichtet: "Es gibt Kolleginnen, die ihre Eltern pflegen und deshalb ihre Stunden reduziert haben." Bei einem Teilzeitminimum von 24 Stunden könnten manche ihren Beruf nicht mehr mit ihrem Privatleben vereinen. Meidenbauer: "Das ist ein starker Eingriff in die Lebensplanung." Vor allem die Lebensplanung der Lehrer dürfte von den Beschlüssen betroffen sein, die kommendes Schuljahr mit 64 in den Ruhestand gehen wollten.

Uns geht es nicht um die eine Stunde in der Woche mehr, die wir arbeiten sollen.

Katja Meidenbauer, Vorsitzende des Bayerischen Lehrerverbands in der Oberpfalz

Katja Meidenbauer, Vorsitzende des Bayerischen Lehrerverbands in der Oberpfalz

"Klarer Vertrauensbruch"

Im Schreiben des Kultusministers an die betroffenen Lehrer heißt es: "Anträge auf einen Beginn des Antragsruhestands vor Vollendung des 65. Lebensjahres werden bei einer Einzelfallabwägung wegen des hohen Stellenwerts der dienstlichen Belange auch unter Berücksichtigung der persönlichen Situation in der Regel abzulehnen sein." Meidenbauer zufolge trifft das zumeist Lehrerinnen, die "schon 40 bis 43 Dienstjahre geleistet und sich voll reingehängt" haben. Für sie stellt der Beschluss des Kultusministeriums einen "klaren Vertrauensbruch" dar.

Kultusminister Michael Piazolo verspricht Entlastungen für Lehrer

München

Entschluss "unanständig"

Die Grundschullehrerin ist davon direkt betroffen. Sie ist über 60 Jahre alt und hatte lange geplant, mit 64 in den Ruhestand zu gehen. Das ist nun nicht mehr möglich. "Da passiert was im Kopf." Den Entschluss aus dem Kultusministerium bezeichnet sie als "unanständig", wenngleich sie betont, dass sie "immer leidenschaftlich gerne Lehrerin" war.

"Seit ich 60 geworden bin, brauche ich jeden Tag nach der Schule ein paar Stunden, bevor ich überhaupt wieder ansprechbar bin." Der Job sei eine enorme Belastung für Augen und Ohren. "Viele Kollegen spüren es in den Knochen", sagt sie.

Die Notmaßnahmen seien die Folge von Piazolos Versprechen, dass zum Schuljahresbeginn vor jeder Klasse ein Lehrer stehen wird, erklärt Meidenbauer. Das Problem Lehrermangel lasse sich aber nicht mit mehr Wochenstunden für Voll- und Teilzeit lösen.

"Es braucht einfach mehr Köpfe", erklärt die Vorsitzende des Oberpfälzer Lehrerverbandes. Mit der neuen Regel könne es zum Beispiel sein, dass Lehrer, die an einer kleinen Schule unterrichten, künftig zusätzlich an andere fahren müssen, um dort mit Stunden zu unterstützten. "Dort sind die Kollegen nicht eingebunden. Das sind Änderungen, die man nicht unterschätzen darf", sagt sie.

Signal der Wertschätzung

Die Grundschullehrerin erzählt, es gebe mittlerweile Kolleginnen, die von der Realschule auf die Grundschule gewechselt hatten und nun überlegen, wieder zurück zu gehen. Dort hätten sie weniger Arbeit, gleichzeitig aber deutlich mehr Gehalt.

Der BLLV fordert ein anders Signal vom Kultusministerium: "Die Kollegen brauchen Entlastung", fordert Meidenbauer. Wenn das nicht möglich sei, sollten die Lehrer an Grund und Mittelschulen ihr zufolge zumindest besser bezahlt werden. "Bezahlung heißt Wertschätzung", zeigt sich Meidenbauer überzeugt.

Info:

"So nicht!": Protestaktionen des BLLV in der Oberpfalz

Der BLLV möchte die neuen Notmaßnahmen des Kultusministeriums nicht einfach so hinnehmen. Deshalb veranstaltet der Oberpfälzer Lehrerverband am heutigen Freitag einen Aktionstag in den verschiedenen Landkreisen unter dem Motto „Lehrermangel: So nicht!“

  • Kreis Amberg-Sulzbach: Um 13.30 Uhr treffen sich die Lehrer an der Schule in Hahnbach und sammeln Protest-Postkarten für den Kultusminister. Schulleiter, Grundschullehrer, Mittelschullehrer, Fachlehrer sowie Förderlehrer und Eltern halten Vorträge.
  • Stadt Weiden und Kreis Neustadt/WN: Die Lehrervertreter treffen sich um 13.30 Uhr zu einem Krisengespräch mit Landtagsabgeordneten Stephan Oetzinger in dessen Büro.
  • Stadt und Kreis Regensburg: Um 14 Uhr sammeln sich die BLLV-Vertreter im Gasthaus Krieger in Mariaort, wo sie Protest-Postkarten sammeln und eine Politikerrunde veranstalten. Dazu kommt die Landtagsabgeordnete Margit Wild (SPD), die stellvertretende Landrätin Maria Scharfenberg (Die Grünen), Claudia Wiest (ÖDP), Benedikt Suttner (ÖDP), die Kreisrätin Eva Schropp (Die Grünen), Helmut Sammüller (FW) und Bezirks- sowie Kreisrat Thomas Gabler (CSU).
  • Landkreis Tirschenreuth: Der VLLV sammelt vor verschiedenen Schulen die Protest-Postkarten.
  • Kreis Neumarkt: Der BLLV trifft sich zu einem Krisengespräch mit dem bayerischen Finanzminister Albert Füracker.
  • Cham, Falkenstein und Roding: Der BLLV veranstaltet eine Kundgebung und sammelt Protest-Postkarten.
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