19.11.2021 - 17:28 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Der „Ölprinz“ aus dem Stiftland: Oberpfälzer soll Millionen-Betrüger sein

Ein 31-jähriger Nordoberpfälzer soll mit mehreren Millionen Euro von tausenden Anlegern verschwunden sein. Es geht um mutmaßlichen Bitcoin-Betrug. Betroffene aus dem Kreis Tirschenreuth erzählen, wie sie auf den Mann hereingefallen sind.

Bitcoins, Champagner, Kokain und jede Menge Geld: Das ist die Geschichte eines 31-Jährigen aus der Oberpfalz, der tausende Menschen um mehrere Millionen Euro betrogen haben und sich nun auf Mallorca verstecken soll.
von Julian Trager Kontakt Profil

Sie kannten ihn doch. Über Freunde. Vom Fußball. Er kam aus derselben Gegend wie sie, dem Kreis Tirschenreuth. Redete Dialekt wie sie. Er, der in diesem Text Tobias C. heißen soll, war doch einer von ihnen. Und als sie sahen, was er in Berlin aufgezogen hatte, verflogen auch die letzten Zweifel. Die große Show in der Hauptstadt, sie überwältigte die Gäste aus der Nordoberpfalz. „Da waren dann alle überzeugt“, erinnert sich ein Mann, der im Februar 2020 mit dabei war. Der Traum vom schnellen Geld schien wahr zu werden.

Hoch über den Dächern Berlins, im obersten Stockwerk, saßen die Oberpfälzer im Publikum, mit ihnen etwa 200 weitere Zuhörer. Auf der Bühne, so erzählen sie, standen Tobias C. und sechs andere Männer. Sie sprachen über Investments in Bitcoins. In der ersten Reihe saßen Männer und Frauen, Headset auf dem Kopf. An der Seite Glaskabinen, in denen Dolmetscher übersetzten. Danach Party. Tänzerinnen, Champagner. Tim Bendzko aus den Boxen. „Wir gehen immer weiter hoch hinaus“, sang er und alle grölten mit. „Das war alles ein bisschen Gehirnwäsche“, erinnert sich eine Oberpfälzerin. „Dann hat man alles geglaubt.“

Die vier Oberpfälzer, die uns ihre Geschichte erzählt haben, investierten insgesamt 3500 Euro. Das meiste davon ist jetzt weg. Nach monatelangen Recherchen von Oberpfalz-Medien kann man allerdings davon ausgehen, dass es sich bei diesem Betrag um „Peanuts“ handelt.

Es ist ein Thriller, der da erzählt wird. Es geht um Drohungen, die Mafia und extrem viel Geld. Im Mittelpunkt der 31-jährige Tobias C. Für diese Geschichte hat Oberpfalz-Medien C.s digitale Spuren verfolgt und viele Gespräche geführt. Mit mehreren mutmaßlichen Opfern, Bekannten der Familie und ehemaligen Fußballkameraden von C. Mit einem Online-Blogger, der seit Jahren vor der Szene warnt. Mit einem früheren „Top-Leader“ von C., der eng mit ihm zusammenarbeitete.

Von Bildfläche verschwunden

Die Justiz geht der Frage nach, ob Tobias C. ein Betrüger ist. Im Netz wird er verdächtigt, tausende Menschen auf der ganzen Welt mit seiner Firma betrogen zu haben. Es soll um jede Menge Geld gehen. Zwischen acht und zwölf Millionen Euro schätzen Leute, die ihm nahe standen oder die sich mit seinem System auskennen. Grob gesagt funktionierte es so: Menschen investieren über die Firma Geld in Bitcoins, Immobilien oder andere Unternehmen, wie bei einer Börse. Von den steigenden Kursen und Werten sollen sie dann profitieren und ordentlich Rendite kassieren – bis zu fünf Prozent pro Woche. Wer weitere Leute anwarb, bekam Provision. Am Anfang gab es tatsächlich "Rendite", die Anleger bekamen Geld, sollten es aber am besten sofort wieder investieren.

Das lief, bis der Sommer 2020 kam. Plötzlich zahlte die Firma nichts mehr aus. Tobias C. verschwand von der Bildfläche, in den sozialen Medien war nichts mehr zu sehen und zu lesen von ihm und seinem Unternehmen. Keine Bilder mehr für die Öffentlichkeit von der Sonne Mallorcas, von Champagnerflaschen oder teuren Autos, wie in den Wochen und Monaten zuvor. Keine Webinare für die Anleger mehr, wie in den Wochen und Monaten davor.

Drohungen im Netz

Markus und Stefanie M. sitzen in ihrer heimischen Werkstatt und lachen. Mittlerweile können sie darüber lachen. „Wir fühlen uns verarscht“, sagt Stefanie. „Aber am meisten ärgern wir uns über unsere eigene Doofheit.“ 2500 Euro haben sie an Tobias C. verloren, sagen sie. Beweisen können sie nichts. Es gibt keine Papiere, keine Belege, nichts. „Wir hatten nie etwas Schriftliches“, erzählt Markus. Seit mehr als einem Jahr wartet das Paar aus dem Kreis Tirschenreuth auf sein Geld, vergeblich. Viel zu oft wurde es vertröstet, auf nächste Woche, auf die übernächste. Dann hörten die beiden gar nichts mehr von Tobias.

Schon bei der großen Show im Berliner Hochhaus hatte Stefanie Zweifel. „Was mich da skeptisch gemacht hat“, sagt sie, „war, dass es da vor allem darum ging, wie wir Leute anwerben können“, Freunde, Familie. Sie selbst hätten, zum Glück, nur eine weitere Person angeworben. Dass die beiden dann trotz der leichten Zweifel investierten, lag an Tobias C., mit dem Stefanie in Berlin persönlich gesprochen hatte. Wenn sie niemanden anwerben möchte, dann sei das auch kein Problem, dann könne sie trotzdem investieren, meinte er und überzeugte sie. Stefanies Zweifel waren weg.

Heute sehen die beiden, die wie alle anderen in dieser Geschichte in Wirklichkeit anders heißen, das natürlich nicht mehr so. Das Paar möchte anonym bleiben, aus Sorge um die Familie. „Wir trauen ihm alles zu.“

Im Internet überschlagen sich die Gerüchte und Vorwürfe. In einem Forum, das mittlerweile geschlossen ist, veröffentlichte jemand private Details des 31-Jährigen. Andere beschimpften ihn dort aufs Übelste, drohten ihm. „Du bist nicht mehr sicher“ war da noch harmlos. Auch in der Nordoberpfalz wird viel erzählt. Vor seinem Elternhaus sollen sich immer wieder „dubiose Gestalten“ aufhalten, die Mafia soll vorbeigeschaut haben. Nachbarn der Eltern ist aber nichts dergleichen aufgefallen.

Kritik an Ermittlern

Die Ermittler beschäftigt der Fall schon seit mehr als einem Jahr. Zahlreiche Anzeigen sind eingegangen, es gibt viele Geschädigte, noch immer sind nicht alle Zeugen vernommen, teilt die Staatsanwaltschaft Hof auf Nachfrage mit. Wenn es sein muss, arbeite man auch mit den Stellen im Ausland zusammen. Mehr möchten die Behörden nicht sagen. Der mutmaßliche Betrüger befindet sich derzeit wohl auf Mallorca. Dort soll er leben „wie Gott in Frankreich“, sagt einer, der ihn seit längerem kennt. Für viele ist das unverständlich, die Kritik an Polizei und Staatsanwaltschaft wächst. Der 31-Jährige sei doch ein „richtig dicker Fisch“, einer, der in der Szene bereits bekannt ist.

Im Internet wird auf mehreren Seiten vor Tobias C. und seiner Firma gewarnt. "Der ist mir vor drei, vier Jahren schon mit anderen Unternehmungen aufgefallen“, sagt ein Blogger, der sich seit Jahren mit betrügerischen Internetfirmen beschäftigt. „Er bietet Systeme an, die nicht funktionieren." Die versprochene Rendite von bis zu fünf Prozent pro Woche – „das ist völlig unrealistisch“, meint der Mann, der anonym bleiben will. "Da kommt man schnell darauf, dass das mit dem Gesetz nicht so ganz konform geht."

Das System braucht ständig mehr Leute, die angeworben werden müssen. "Eine Art Schneeballsystem." Die Masche läuft ein paar Monate – und dann wird nichts mehr ausgezahlt. Die Firma verschwindet, und mit ihr das Geld der Investoren. "Exit Scam" nennen das Experten, Ausstiegsbetrug. Bei C. sieht alles danach aus, meint der Blogger aus Süddeutschland, nach einem großen Ding. „Es gab Seminare, es gab viele Leute, die für ihn geworben haben. So wie das aufgezogen war, kann das bei ihm tatsächlich in die Millionen reingehen."

Bitcoin ist die bekannteste Kryptowährung, der hohe Kurs hat zuletzt zu einer Goldgräberstimmung geführt. Im Netz versprechen viele Leute das schnelle Geld. Der Handel mit Bitcoins ist zu einem gigantischen Geschäft geworden – der Betrug mit der digitalen Währung allerdings auch, der Schaden liegt im Milliardenbereich. Allein im vergangenen Jahr ergaunerten Kriminelle laut den Analysten von „Chainalysis“ 2,6 Milliarden Dollar mit Betrugsmaschen.

Gerne hätte man erfahren, was Tobias C. zu den Vorwürfen sagt. Auf mehrere Anfragen von Oberpfalz-Medien reagierte er nicht.

"Da hat es dann auch geschneit"

Robert A. war einer der „Top-Leader“ von C. Einer, der ihm jede Menge Leute und Geld geliefert haben soll. „Ich habe Hunderte angeworben“, sagt Robert, „habe ihm mehr als zwei Millionen Dollar Umsatz gebracht.“ Er traf sich mit dem 31-Jährigen auf Mallorca, in Villen, auf Partys, mit anderen dieser „Top-Leader“. „Da hat es dann auch mal geschneit“, erzählt Robert und meint damit nicht das, was im Winter vom Himmel fällt. „Da waren schnell mal 35.000 Euro an einem Abend weg.“

Dass Robert jetzt seine Geschichte erzählt, liegt daran, dass er nicht wusste, was sein Chef da trieb. Das behauptet er zumindest. Nicht jeder glaubt ihm. „Ich habe praktisch Leute für ihn beschissen. Mir ist das nur leider zu spät aufgefallen“, sagt Robert. „Ich Rindvieh hab halt alle Gewinne immer wieder reinvestiert.“ Immerhin habe er einen Bitcoin auf seine Seite ziehen können. Der ist momentan rund 53.000 Euro wert. Damit wäre Robert leicht im Plus, aber eigentlich müsste er viel, viel mehr bekommen. Ihm gehörten 27 Bitcoins, sagt er. Die seien aber weg. Richtig Kohle hätten nur bestimmte Leute gemacht, ganz wenige. C.s Firma, so der ehemalige „Top-Leader“, hatte weltweit rund 25.000 reelle Accounts, also echte Menschen, die investiert hatten.

Die Oberpfälzer, die ihr Geld verloren haben, werden oft von Bekannten gefragt, warum sie gerade bei C.s Firma eingestiegen sind. Der 31-Jährige scheint schon vor dieser Geschichte nicht den besten Ruf im Kreis Tirschenreuth gehabt zu haben. Die, die ihn von früher kennen, sagen alle dasselbe: War schon immer ein Blender, einer, der auf „Ölprinz“ gemacht hat. Wie sie auf ihn reinfallen konnten? Nun ja, man sei halt naiv gewesen, sagen sie heute. Geschehe nie wieder.

In der Nordoberpfalz ist Tobias C. seit mehr als einem Jahr ein Geist, niemand hat etwas von ihm gehört oder hat ihn gesehen. Im Internet ist er allerdings vor kurzem wieder aufgetaucht, nach langer Zeit ohne Veröffentlichung in den sozialen Medien. Auf Facebook stellte er ein Bild online, seine Füße im Swimming-Pool, strahlender Sonnenschein. Der „Ölprinz“ scheint wieder da zu sein. Kurz darauf ein Bild von ihm für seine Freunde. Er, lächelnd, mit Mikro. „On Stage again …! soon“, schrieb er dazu. Zurück auf der Bühne, bald.

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Hintergrund:

Betrug mit Bitcoin

  • Bitcoin ist eine digitale Währung, hinter der aber echtes Geld steckt.
  • Der Bitcoin-Höhenflug hat zu einem Hype um Kryptowährung geführt. Diese Goldgräberstimmung nutzen allerdings auch viele Betrüger und unseriöse Anbieter, warnt die Verbraucherzentrale.
  • Die Angebote sind dabei oft völlig intransparent, die Geschäftsmodelle unverständlich. Die Anbieter haben oft ihren Sitz im Ausland.
  • Hinter vielen Angeboten scheinen verbotene Schneeballsysteme zu stecken. Sie versprechen Anlegern gerne hohe und übertriebene Renditen, brauchen aber eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern. Diese Konstrukte brechen zwangsläufig zusammen.
  • Auch Betrug ist nicht auszuschließen: Wenn der Anbieter eine größere Summe von gutgläubigen Investoren eingesammelt hat, verschwindet er.
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