05.03.2021 - 12:10 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Die Pandemie-Erkenntnis: Den Lesern war zu viel Corona im Blatt - oder auch zu wenig

Es gab Leser, die glaubten, dass in den Redaktionen Memos hängen, wie Corona-Berichterstattung zu sein hat. Ein Blick ins Pandemie-Archiv eines Leseranwalts.

Protest gegen „die Medien“ bei einer Demo von Corona-Leugnern und Kritikern der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Es war der 15. März vergangenen Jahres. Ein Sonntag. Um 19.21 Uhr erreichte mich, den Leseranwalt von Oberpfalz-Medien, die erste - ich nenne sie mal so - "Corona-Mail". Verfasst von Paul H. aus dem Landkreis Neustadt. "Da ich mit 69 Jahren auch zur Risikogruppe gehöre, betrifft mich diese Situation sehr", schickte er voraus. Er sei schon der Ansicht, es werde "sehr viel Panik produziert, wenn man selbst kleine Veranstaltungen verbietet". Paul H. konnte zum Beispiel nicht verstehen, "dass vor allem bei Kaufhäusern keine Desinfektions-Automaten angebracht werden". Denn dort würden "mit den Einkaufswagen und der Geldbewegung so viele Bakterien und Viren umgesetzt, wie nirgends sonst". Vorsorgemaßnahmen, meinte Paul H., wären "doch wesentlich besser, als die Geschäfte zu schließen". Eventuell, schrieb mir Herr H. weiter, "wissen Sie, wo man diese Vorsorgemaßnahmen in die Wege leiten kann".

Es waren die Tage im März vor einem Jahr, als die Pandemie irgendwie noch in den Kinderschuhen steckte. Der ersten Mail folgten viele weitere, ich habe sie nie gezählt, aber es waren eine ganze Menge. Paul H. empfand am 15. März 2020 Veranstaltungsverbote als Panikmache. Er und sehr viele Leser baten uns um Hilfe und Antworten auf ihre Fragen. Zunächst waren wir eher die "Guten". Mittlerweile sind wir öfter die "Bösen". Zum Beispiel in den Augen von Theodor S., der vor wenigen Wochen, am 4. Januar, erbost mitteilte: "Hiermit kündige ich mein NT-Abo fristgerecht zum 31.01.2021. Wie viele andere Menschen kann ich diese Art der Berichterstattung nicht mehr ertragen! Der Umfang hat sich extrem reduziert - und der Rest ist ja nur noch reine Panikmache! Alte Menschen sterben an Vereinsamung und fehlender menschlicher Wärme, unsere Kinder darben in eiskalten Schulzimmern, die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft werden total unterdrückt. Selbst die Weltgesundheitsbehörde WHO hat Corona auf die Stufe einer mittelschweren Grippe eingestuft."

Die Wirkung eines Fotos

Mittelschwere Grippe? Dass das Corona-Virus den Menschen gefährlich werden kann, dürfte längst feststehen. Doch auch schon zu Beginn der Pandemie zweifelte mancher an dem, was er las oder auf Fotos sah. In der Ausgabe der Amberger Zeitung vom 28. März bewegte einen Leser das Bild zu dem Artikel "Minister Herrmann besorgt: Nördliche Oberpfalz ist Bayerns Corona-Hotspot". Stephan P. aus Amberg fiel auf, dass alle Menschen auf diesem Bild, auch die Vertreter der Presse, einen Mund-Nasen-Schutz trugen. Obwohl das Robert-Koch-Institut, wie er herausgefunden hatte, doch noch vor nicht allzu langer Zeit geäußert habe: "Hingegen gibt es keine hinreichende Evidenz dafür, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes das Risiko einer Ansteckung für eine gesunde Person, die ihn trägt, signifikant verringert. Nach Angaben der WHO kann das Tragen einer Maske in Situationen, in denen dies nicht empfohlen ist, ein falsches Sicherheitsgefühl erzeugen, durch das zentrale Hygienemaßnamen wie eine gute Händehygiene vernachlässigt werden können."

Stephan P. stellte sich die Frage: "Wurde der Mund-Nasen-Schutz extra für das Pressefoto getragen, um die dramatische Situation zu betonen?" Oder sei es "am nicht eingehaltenen Sicherheitsabstand" gelegen, der "für Politiker und Presse anscheinend nicht gilt?" Bei der Betrachtung des Fotos, dieser Gedanke trieb Stephan P. damals um, könnte bei vielen Bürgern "der Eindruck entstehen, dass sie sich, entsprechend dem politischen/medialen Vorbild, persönlich in der Öffentlichkeit mit Masken, Handschuhen etc. schützen müssen". Deshalb würden sie " trotz fachlich gegenteiliger Empfehlung" trotzdem "mehr oder weniger sinnvoll" vorbauen und Schutzmasken, Handschuhe oder Desinfektionsmittel hamstern.

Heute, im März 2021, sind wir in der Öffentlichkeit mit FFP2-Masken unterwegs. Was auch nicht jeden begeistert, aber die meisten (er)tragen sie, weil es so gewollt ist.

Unterschiedliches Leser-Empfinden

Unsere Berichterstattung immer wieder eine reine Panikmache? Nicht selten erreichte mich auch der gegenteilige Vorwurf, wir würden verharmlosen. So empörte sich Anfang April 2020 Rainer F.: "In der heutigen Ausgabe ist für mich das Maß des Erträglichen deutlich überschritten. Wie kann man schreiben, dass der Landkreis Tirschenreuth als einer der Corona-Hotspots in Bayern gelte? Unser Landkreis ist nicht einer der Hotspots in Bayern, sondern der Hotspot in Deutschland! Wer hier noch beschwichtigt und verharmlost, wie im Artikel geschehen, verstößt meines Erachtens grob gegen journalistische Grundsätze. Es geht nicht um Meinungen, sondern um Fakten." Beate B. aus Amberg hingegen äußerte sich wie folgt: "Für die sachliche und weitgehend unaufgeregte Berichterstattung in diesen Wochen möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Viele Berichte und Kommentare der letzten Zeit haben mich sehr berührt, besonders die Interviews mit stark betroffenen Menschen. Danke auch, dass Sie die Anregung, auf Chancen und Potenziale dieser Krise zu schauen, auf unterschiedliche Weise aufgegriffen und ihr nachgespürt haben."

Durchaus schwierig, es allen recht zu machen (was ohnehin nie gelingt). Lesern war zu viel Corona im Blatt - oder auch zu wenig. Stellvertretend dafür sei aus einer Zuschrift von Heinz N. zitiert: "Liebe Redaktionsmitglieder, wenn Sie in den vergangenen Tagen ganz bewusst darauf verzichtet haben, über die Coronaentwicklung in Amberg zu berichten, dann haben Sie damit meiner Familie und zahlreichen AZ-Lesern aus meinem Bekanntenkreis einen Bärendienst erwiesen. Solange das Coronageschehen unseren Alltag prägt und in den Medien täglich über Neuinfektionen und Todesfälle berichtet wird, ist eine tägliche aktualisierte Berichterstattung über die Entwicklung in unserer engeren Heimat für uns Leser von besonderem Interesse. No news are good news!"

"Wir Eslarner schämen uns"

Und dann begannen auch bei uns die Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen. In dem Bericht über eine Demo in Weiden wurde auch Helmut B. aus Eslarn erwähnt, weil er ebenfalls eine Protestaktion organisieren wollte. Ein Leser störte sich ungemein an der Ortsangabe. "Wir Eslarner schämen uns für die Worte und Taten" von Helmut B., der in dem Markt nicht einmal geboren worden sei, ließ Daniel B. die Redaktion wissen und richtete an sie die Frage: "Muss es sein, dass unser Ort so durch den Dreck gezogen wird?" Der neue Tag betreibe hier "Imageschaden für einen gesamten Ort". Der Reporterchef der Lokalredaktion Weiden/Neustadt/Eschenbach, Ralph Gammanick, sah "überhaupt kein Problem in der Nennung des Ortsnamens, weil meiner Meinung nach die persönliche Haltung eines einzelnen Bürgers nicht auf seinen Wohnort zurückfällt". Wäre der Organisator ein Mann aus München gewesen, "hätten wir das auch genannt", ergänzte Reporterchefin Simone Baumgärtner. Auch nach meiner Auffassung besteht ein legitimes Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht nur an einer Veranstaltung, über die berichtet wird, sondern auch an der Identität der daran maßgeblich beteiligten Personen.

Wiederholt beschwerten sich Leser darüber, dass wir über die Veranstaltungen von Gegnern der Corona-Maßnahmen berichteten. Auszug aus einer Mail von Werner S.: "Müssen Sie wirklich stets und ständig in so großer Aufmachung, ergänzt mit Bildern, über diese Leute berichten, deren ,Freiheitsrechte' angeblich stark beschnitten sind, die aber das Recht haben, an jedem (gefühlt) zweiten Tag in der Zeitung zu erscheinen?" Ich antwortete Werner S. unter anderem: "Mir geht es auch so wie Ihnen, ich kann mit diesen Leuten, die zu den Corona-Demos gehen, ebenfalls wenig anfangen. Als Journalisten kommen wir allerdings nicht umhin, darüber zu berichten. Die Frage ist natürlich, in welchem Umfang man so etwas tut. Sie haben vorgeschlagen, dass wir stattdessen über diejenigen Menschen schreiben sollten, die sich in der Corona-Zeit für andere aufopfern, über Patienten, die Schweres durchgemacht haben. Das haben wir in den zurückliegenden Wochen durchaus getan, in zum Teil sehr umfangreichen Artikeln. Das haben unsere Leser wohlwollend zur Kenntnis genommen und uns dafür nicht selten Lob ausgesprochen."

Apropos Lob. "Sehr erfreulich, die AZ lockert sich", stellte ein Leser nach etlichen Monaten Pandemie fest und merkte unter anderem an: "Vor einigen Tagen der Bericht über Einschätzungen von Prof. Streeck zu Corona, neulich ein aufgeschlossener Bericht über eine ,Hygiene-Demo' in Weiden (leider am Ende mit dem unnötigen Hinweis, dass hinten links ein stadtbekannter Rechter stand), und jetzt ein Bericht über den schwedischen Sonderweg (da sympathisiert sogar einer damit, und er wird positiv dargestellt). Und gestern auch noch der Artikel über die Isolation im Seniorenheim und der Kommentar, der endlich auch die gravierenden Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf die Ältesten und die Jüngsten thematisiert und aufzeigt, dass es vielleicht um eine Abwägung geht (mach ich wirklich alles, um Corona niederzubügeln, und was geht dafür dann kaputt?)."

Doch kein Lob ohne Einschränkung: "Zuvor gab es Wochen und Monate nur einseitige, angstmachende Berichte und Kommentare. Dabei war auch in der AZ nur das zu lesen, was auch in 98 Prozent der anderen deutschen Medien zu lesen oder hören war. Ich dachte bisher immer, für eine einseitige Berichterstattung braucht es eine Diktatur, nein, es geht anscheinend auch durch eine Art ,selbst auferlegter Zensur'. Selbst auferlegt, damit man später keine Vorwürfe bekommt, man hätte die Lage verharmlost und Menschenleben gefährdet? Besser 100 Prozent die Regierungslinie vertreten, damit der mündige Bürger ja auch sicher pariert?"

Küssende Fußballer

Und dann waren da noch die Fußballprofis, Ingrid M. im Dezember 2020 ein echter Dorn im Auge: "Jetzt muss ich mich doch einmal mit einer Frage an einen Journalisten wenden. Warum seid ihr von den Medien so nachsichtig mit dem Verhalten der Fußballprofis, wenn durch Zufall ein Tor gefallen ist? Da wird massenweise geküsst und umarmt, als ob es kein Corona gäbe. Warum schweigt ein verantwortungsvoller Journalist hierzu? Wenn ich meinem Enkelkind ein Bussi geben will, schreit alles auf."

"Sicherlich kann man die von Ihnen erwähnten Jubelszenen kritisch sehen. Doch weder Sie noch ich sind als medizinische Laien in der Lage, das objektiv zu beurteilen", schrieb ich der Leserin und schickte ihr einen Link zu einem Interview, das ich im Netz gefunden hatte. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass sich aktive Spieler auf dem Fußballplatz mit dem Covid-19-Virus anstecken, diese These verdichtet sich für Prof. Dr. Tim Meyer, den Vorsitzenden der Medizinischen Kommission des DFB und der Uefa. Während des Fußballspielens sei die Dauer der engen Kontakte so kurz, dass es eigentlich auf dem Spielfeld kaum zu Infektionen kommen könne.

Ungewöhnliche Reaktion auf die Berichterstattung über eine Demo

Amberg
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.