29.08.2021 - 17:42 Uhr
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Plötzlich weg: Wenn in der Oberpfalz Menschen spurlos verschwinden

In der Oberpfalz wurden im vergangenen Jahr fast 1000 Vermisstenfälle angezeigt. Die Oberpfälzer Polizei erzählt, wen sie noch sucht, wie sie sich in solchen Fällen verhält – und sie räumt mit Hollywood-Mythen auf.

Spurlos verschwunden in der Oberpfalz. Einer der bekanntesten Vermisstenfälle der Region ist das Verschwinden von Monika Frischholz aus Flossenbürg.
von Julian Trager Kontakt Profil

Als Anna Poddighe im Juni 2012 die gemeinsame Wohnung in Amberg verließ, um aufs Altstadtfest zu gehen, sah sie ihr damaliger Freund zum letzten Mal. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen mehr von der damals 41-Jährigen. Seitdem gilt die Ambergerin als vermisst.

Es ist einer von vielen Fällen in der Oberpfalz: Plötzlich ist sie weg, taucht er nicht mehr auf. Die Tochter, der Bruder, die Freundin, der Vater. Zur Schule gegangen, in die Disko, zum Einkaufen – und nie wieder zurückgekommen. Spurlos verschwunden. Auf der Homepage der Oberpfälzer Polizei sind noch mehrere ungelöste Vermisstenfälle aufgelistet – unter anderem der von Anna Poddighe.

An diesem Montag, dem 30. August, ist der internationale Tag der Verschwundenen. Aus diesem Anlass haben wir beim Polizeipräsidium Oberpfalz nachgefragt, wie viele Menschen aktuell im Bezirk als spurlos verschwunden gelten, wie sich die Polizei in Vermisstenfällen verhält und ob so mancher Hollywood-Mythos stimmt.

Wie viele Menschen gelten derzeit als vermisst in der Oberpfalz?

Das ist nicht ganz klar, weil nicht alle Fälle, die in der Oberpfalz gemeldet werden, auch tatsächlich im Polizeipräsidium bearbeitet werden. Zuständig sei jeweils die Dienststelle des Wohnorts, erklärt Hauptkommissar und Pressesprecher Josef Weindl. Wesentlich sei in diesem Zusammenhang, wie viele Personen auf Dauer in der Oberpfalz vermisst werden. Diese Fälle machten lediglich einen Bruchteil zu allen polizeilich gemeldeten Vermisstenfällen aus und würden schließlich von den Kriminalpolizeiinspektionen weiter bearbeitet, so Weindl. "Dies sind die Fälle, bei denen von einer Gefahr für Leib oder Leben zum Nachteil des Vermissten auszugehen ist." Gegebenenfalls auch wegen einer schweren Straftat.

In der Oberpfalz wurden dem Polizeipräsidium laut Pressesprecher im vergangenen Jahr etwa 970 Vermisstenfälle angezeigt. Die Kriminalinspektionen bearbeiteten schließlich 31 Fälle – davon seien noch drei offen.

Der Fall Monika Frischholz

Offene Vermisstenfälle in der Oberpfalz

Öffentlich fahndet die Polizei auf ihrer Homepage derzeit nach sechs Vermissten.

Seit Dezember 2018 wird in Amberg ein damals zwölfjähriges Mädchen vermisst. Thi Chung Nguyen wurde laut Fahndung zuletzt am Busbahnhof in Amberg gesehen. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich das Mädchen "bewusst aus ihrem bisherigen Wohnumfeld entfernt hat".

Der damals 66-jährige Anton Thanner aus Neukirchen b. Hl. Blut (Kreis Cham) verschwand im Dezember 2013 spurlos. Er hatte angegeben, sich in Tschechien einer Operation zu unterziehen. Ob das wirklich der Fall war, ist nicht klar.

Die Regensburgerin Kerstin Langley ist seit dem Sommer 2007 verschwunden. Die Polizei glaubt an ein Gewaltverbrechen. Das Landeskriminalamt hat eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro zum Auffinden der Vermissten ausgelobt.

Für Hinweise, die den Fall der Ambergerin Anna Poddighe aufklären, gibt es eine Belohnung von 5000 Euro. Auch in diesem Fall wird eine Gewalttat nicht ausgeschlossen.

Seit August 2011 wird der damals 59-jährige Lorenz Hornauer vermisst. Der Landwirt wurde letztmals in seinem Hof in Schorndorf (Kreis Cham) gesehen, seitdem fehlt jede Spur von ihm.

Das bisher letzte Lebenszeichen von Brigitte Neumayr gab es im Oktober 2007, als sie in der Nähe ihrer Wohnung in Regensburg gesehen wurde. Seitdem ist die damals 62-Jährige verschwunden.

Was ist der älteste aktuell registrierte Vermisstenfall der Oberpfälzer Polizei?

Der stammt aus dem Jahr 1995, erklärt Pressesprecher Josef Weindl. Der Vermisste habe sich zum Flughafen nach München fahren lassen. "Kurz darauf meldete er sich aus dem Kurzurlaub und gab an, dass er nicht mehr zurückkehren werde." Es handelt sich laut Polizei um den heute 69-jährigen vermissten Georg Bauer aus Störnstein.

Für sehr große Aufmerksamkeit sorgte zuletzt ein Fall aus dem Jahr 1976. Vor gut zwei Jahren versuchten Polizei und Staatsanwaltschaft mit spektakulärem Aufwand das Rätsel um die damals verschwundene Monika Frischholz aus Flossenbürg zu lösen. Die Ermittler gehen von Mord aus. Das Schicksal der Schülerin konnte allerdings nicht aufgeklärt werden.

Gab es zuletzt Hinweise in Vermisstenfällen?

Immer wieder gingen Hinweise zu aktuellen Vermisstenfällen bei den zuständigen Dienststellen ein, sagt Hauptkommissar Weindl. "Im Einzelfall handelt es sich auch um wesentliche Hinweise, wodurch die Vermissten wieder gefunden werden können." Auch nach Jahren gebe es noch Hinweise. Die zuständigen Kriminalpolizeiinspektionen nähmen auch regelmäßig Kontakt zu den Angehörigen auf, ob es neue Erkenntnisse gibt.

Wie groß ist die Hoffnung, dass die Vermissten wieder auftauchen?

Hierzu kann die Polizei keine konkreten Angaben machen, erklärt Weindl. "Ich kann jedoch versichern, dass von polizeilicher Seite alles unternommen wird, um jeden angezeigten Vermisstenfall zu klären."

In Filmen und Serien wird oft erklärt, dass Vermisste nach einer bestimmten Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr lebendig gefunden werden: Ist das wirklich so?

"Nein, hierzu gibt es keine Fristen", sagt der Oberpfälzer Polizeisprecher.

Was geschieht mit ungeklärten Vermisstenfälle?

In der Regel bleibe nur ein sehr geringer Anteil von Fällen pro Jahr übrig, die nicht geklärt werden konnten, betont Weindl. "Diese Fälle werden dann selbstverständlich wie 'Cold Cases' behandelt." Soweit sich keine neuen Erkenntnisse ergeben, gebe es eine turnusmäßige Fallbetrachtung. "Wann ein Vermisstenfall nicht mehr aktiv durch die Polizei bearbeitet wird, erfolgt in enger Abstimmung mit der zuständigen Staatsanwaltschaft."

Wie geht die Polizei vor, wenn sie eine Vermisstenmeldung erhält?

Pauschal könne er das nicht beantworten, sagt Weindl. "Allerdings legen wir Wert auf die Feststellung, dass es keine 'Wartezeit' für Suchmaßnahmen gibt." Grundsätzlich sei jeder Fall gesondert zu bewerten und deshalb werden unterschiedliche Formen von Suchmaßnahmen angewendet. Angefangen von Überprüfungen von Anlaufadressen, Informationssteuerung an Polizeidienststellen, Ausschreibung der Person im Fahndungssystem (national und international) bis hin zum Großeinsatz von Polizei- und Unterstützungskräften der Rettungsdienste in bestimmten Suchregionen. "Liegen also bereits zum Zeitpunkt der Meldung eines Vermisstenfalles – auch bei einem Erwachsenen – Anhaltspunkte dafür vor, dass Fremdgefahr – Opfer einer Straftat – oder Eigengefahr – Ankündigung eines Suizids – gegeben ist, so starten unverzüglich alle notwendigen und im Einzelfall erfolgversprechenden Suchmaßnahmen sofort." Weder Kosten für besondere Einsatzmittel wie Hubschrauber noch ein bestimmter Zeitablauf spiele in der Bewertung eine Rolle, so der Polizeisprecher, sondern ausschließlich die erkennbare Gefahr für die vermisste Person.

Rätsel um Monika Frischholz bleibt ungelöst

Flossenbürg
Hintergrund:

Was tun, wenn jemand vermisst wird?

  • Wie kann man bei der Suche helfen? Alle Erkenntnisse und Informationen über die vermisste Person zur Verfügung stellen, rät die Polizei. Dazu gehören insbesondere auch bekannte körperliche und psychische Erkrankungen, aktuelle Probleme und Sorgen der vermissten Person sowie Kontaktpersonen im Freundes- und Bekanntenkreis. Um die vermisste Person schnellstmöglich wiederzufinden, sollte keine Information verheimlicht werden.
  • Was, wenn mir nachträglich noch etwas einfällt? "Jede noch so scheinbar kleine Information kann wichtig sein", sagt die Polizei. Also nicht zögern, sich an die Polizei zu wenden.
  • Hilft ein Aufruf in den Sozialen Medien? Die Suche von vermissten Personen über Social Media, so die Polizei, kann ein wertvolles und geeignetes Instrument bei der Suche nach vermissten Personen sein. Aber es gilt, sorgsam Nutzen, Risiken und Gefahren abzuwägen.
  • Was mache ich, wenn die vermisste Person wieder da ist? Sofort die Polizeidienststelle verständigen oder den Polizeinotruf 110 anrufen.
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