16.08.2019 - 11:18 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Die Sprache von Bildern

Boris Johnson ist dafür bekannt, dass er der politischen Korrektheit mit einer gewissen Ignoranz begegnet. Ist es dann tatsächlich eine "subtile Herabsetzung" seiner Person, ihn Eis schleckend zu zeigen?

Union Jack im Miniformat in der Kugel, Schoko und vermutlich Vanille in der Waffel: Boris Johnson isst ein Eis. Ein Foto, das in kleiner Variante unlängst auf der Seite eins unserer Zeitung zu sehen war. So eine Aufnahme zu bringen, schimpfte ein Leser, sei „übler Journalismus“:
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Über den Johnson mit der Eistüte hat sich ein Leser aus Tirschenreuth geärgert: "Wieder einmal wird auf der Titelseite ein sehr unvorteilhaftes Bild eines Politikers gebracht. Man mag über Boris Johnson denken, wie man will, aber es sollte ein ,neutrales' Bild von ihm gezeigt werden. Ein negatives Foto ist für mich eine subtile Herabsetzung der Person."

Wenn man die Handlungen, die Ansichten einer Person nicht gut findet, fährt der Leser fort, könne man diese Handlungen beschreiben und eventuell kommentieren. "Aber mit Personenfotos eine Person unterschwellig und unterbewusst herabsetzen, ist für mich übler Journalismus", lautet seine Meinung. Wenn dpa dieses Bild anbiete, "ist ,Der neue Tag' hoffentlich so unabhängig, dass er auch ein anderes Bild bringen kann". Abschließend schreibt der Leser: "Bei Frau Merkel werden und wurden immer wieder unvorteilhafte Bilder gezeigt, bei Herrn Seehofer erinnere ich mich an keine. Wahrscheinlich schaut Herr Seehofer für die bayerischen Medien immer vorteilhaft?"

So tickt Johnson

Letztere Anmerkungen will ich so nicht unterschreiben, man kann es auch anders sehen. Eingangs vielleicht etwas, das uns zeigt, wer dieser Boris Johnson ist. Der Fernsehmoderator Jeremy Clarkson brachte die Boris-Methode vor Jahren auf den Punkt. "Die meisten Politiker", eröffnete Clarkson ein Interview mit Johnson, "sind ziemlich inkompetent und legen dann eine dünne Schicht an Kompetenz auf. Sie scheinen das andersherum zu machen." Johnson antwortete trocken: "Sie können nicht die Möglichkeit ausschließen, dass hinter der sorgfältig konstruierten Fassade eines Vollidioten auch ein Vollidiot lauert."

Eine Meinung, das will ich nicht bestreiten, kann man natürlich mit der Bildauswahl ausdrücken. Allerdings denke ich, dass der Leser in das Johnson-Bild doch etwas zu viel hineininterpretiert hat. Bei Politikern, so finde ich, ist es nicht ganz unwichtig, mit den Bildern, die von ihnen veröffentlicht werden, auf deren Persönlichkeit hinzuweisen. In meinen Augen ist das nichts Verwerfliches.

Boris Johnson ist eine der schillerndsten Gestalten der Weltpolitik, wer im dpa-Fotoarchiv sucht, findet eine Reihe von teils skurrilen Aufnahmen: Boris Johnson beim Scheren eines Schafes, Boris Johnson in der Kluft eines Straßenbauarbeiters, Boris Johnson mit einem Huhn in den Händen, Boris Johnson in der Blümchen-Bermuda, Boris Johnson Gitarre spielend, Boris Johnson mit einer Kette aus Würsten um den Hals. In den meisten Fällen, darauf deutet vieles hin, wollte Johnson genau so fotografiert werden.

Wer entscheidet über die Fotos, die in eine Zeitungsausgabe gelangen? Die Redaktion, als letzte Instanz der Chefredakteur. Der Bildauswahl gehen redaktionelle Abwägungen, nicht selten ausgiebige Diskussionen voraus, ob ein Foto tatsächlich geeignet ist, man es lieber weglassen oder ein anderes Motiv nehmen sollte. Ethische Überlegungen können hier auch eine Rolle spielen. Und logischerweise persönlichen Einstellungen. Was den einen Kollegen begeistert, muss dem anderen nicht gefallen. Es ist denn auch belebend, wenn eine Redaktion nicht einer Meinung ist. Und es ist für die tägliche Arbeit wichtig, dass es unterschiedliche Meinungen gibt.

Welches Bild nimmt man?

Ich persönlich hatte mit dem Eis schleckenden Johnson auf der Seite eins unserer Zeitung kein Problem. Ich kann aber durchaus nachvollziehen, dass es Leser gibt, denen dieses Motiv missfallen hat. Es gibt gute Argumente dafür, dass ein "seriöseres" Foto in diesem Fall die bessere Wahl gewesen wäre, schließlich ging es darum, zu vermelden, dass der ehemalige britische Außenminister das Rennen um die Nachfolge von Theresa May gewonnen hat, nun Chef der Konservativen Partei ist und neuer Premierminister wird. Und es hätte sicherlich nicht geschadet, darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Archivbild handelte und nicht um ein aktuelles Foto von der innerparteilichen Wahl Johnsons.

Es gibt aber auch ein gutes Argument für den "Eis-Johnson": Es unterstreicht, dass er ein Politiker ist, der aus dem üblichen Rahmen fällt und in der Öffentlichkeit den besonderen Auftritt geradezu sucht.

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