27.12.2019 - 16:38 Uhr
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Weihnachten, die Zeit der psychischen Ausnahmezustände

Enttäuschung und Zweifel am Sinn der eigenen Existenz. Für manche Oberpfälzer bedeutet Weihnachten Leid. Doch woran liegt es, dass sich Personen scheinbar besonders während des "Fests der Liebe" in psychischen Ausnahmesituationen befinden?

Nicht für alle ist Weihnachten eine besinnliche Zeit. Für einige Menschen in der Oberpfalz bedeutet das Fest auch, einem enormen psychischen Druck ausgesetzt zu sein.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Am zweiten Weihnachtsfeiertag löst ein psychisch auffälliger Waffenbesitzer in Waldthurn (Kreis Neustadt/WN) einen SEK Einsatz aus. Der Mann wird in eine psychiatrische Klinik gebracht.

Jürgen Meyer, der Leiter der Integrierten Leitstelle Nordoberpfalz (ILS) bestätigt, dass es besonders die "dunklen Feiertage" wie Weihnachten oder Allerheiligen sind, an denen sich Menschen wegen psychischer Probleme auch an die ILS wenden. Häufig am späten Heiligabend. Doch warum ist es gerade das "Fest der Liebe", das Menschen scheinbar oft verzweifeln lässt und in psychische Ausnahmesituationen versetzt?

Einsamkeit und Erwartung

Friedrich Dechant ist Leiter der Telefonseelsorge für die nördliche Oberpfalz. Er kennt das Phänomen. Ihm zufolge rufen rund um Weihnachten zwar nicht mehr Menschen als üblich an, aber ihre Probleme verändern sich. "Es gibt vermehrt Einsamkeitsanrufe, die häufiger suizidale Tendenzen ausweisen", sagt er. Anders als sonst klingle das Telefon auch häufiger in der Nacht.

Ein möglicher Grund dafür: In der Weihnachtszeit vermitteln Gesellschaft und Medien das Bild vom Fest der Liebe, der Familie und des Friedens. Auch Menschen im eigenen Umfeld wirkten dann besonders glücklich. Dechant: "Für Menschen, die das nicht haben, kann das schwer zu ertragen sein. Manchmal ist es auch der Gedanke an das, was sie einmal hatten und mittlerweile zerbrochen ist." Für Betroffene stelle sich die Frage nach dem eigenen Sinn des Lebens nocheinmal anders. "Die eigene existenzielle Verzweiflung verstärkt sich", sagt Dechant. Laut ihm gibt es neben dem Ideal, das Medien und Werbung von der heilen Welt an Weihnachten beschwören, eine weiteren Faktor, der das Leid der Menschen in der Zeit verstärken kann.

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Amberg

Der Telefonseelsorge-Leiter nennt überhöhte Erwartung an das Fest als persönlich besonders glückliche Zeit. "Je höher der Druck ist, den ich mir mache, desto leichter werde ich enttäuscht." Unglück verspüren Dechant zufolge aber nicht nur diejenigen, die an Weihnachten nicht bei ihren Angehörigen sind. "Es gibt auch Menschen, die sich im Kreis der Familie alleine fühlen. Sie fühlen sich unverstanden oder ungeliebt. Manchmal brechen an den Feiertagen alte Verletzungen wieder auf", beschreibt er.

Unglücklich trotz Gewohnheit

Ein weiteres Problem sei, dass nicht alle Menschen dazu in der Lage sind, einen Bezug zu ihrem realen Alltag herzustellen. "Früher war es ganz normal, dass manche Menschen erst am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag Besuch bekommen haben. Sie haben sich darauf eingestellt. Das war kein Problem." Manchen Personen, die eigentlich daran gewöhnt seien, häufig allein zu sein, bereite das in der Weihnachtszeit aber Schwierigkeiten.

Kaltes Klima in der Oberpfalz

Dechant betont, dass er kein Gesamtbild der Oberpfälzer Gesellschaft geben kann. "Die Menschen, denen es gut geht, rufen ja nicht bei uns an", sagt er. Er hat aber den Eindruck, dass sich das gesellschaftliche Klima in den vergangenen Jahren abgekühlt hat. "Früher hätte ich gesagt, dass in der Oberpfalz alles in Ordnung ist. Aufgrund der ländlichen Struktur haben die sozialen Kontakte gegriffen." Heute nimmt Dechant die Menschen in der Region zunehmend als "isolierter" wahr.

Dieser Trend sei deutschlandweit zu beobachten. "Meine Kollegen aus dem Ruhrgebiet haben mir davon schon vor längerer Zeit berichtet. Es hat nur etwas länger gedauert, bis es auch die Oberpfalz erreicht hat", sagt er abschließend.

Info:

Einsätze an Weihnachten

400 mal musste die Polizei oberpfalzweit an den Weihnachtsfeiertagen ran. Wie die Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Oberpfalz, Franziska Meinl mitteilte, handelte es sich dabei überwiegend um Ruhestörungen, Streitigkeiten oder Verkehrsunfälle. Genauere Details wollte die Polizei auf Anfrage dazu aber nicht mitteilen. Auch die Integrierte Leitstelle Nordoberpfalz musste an Weihnachten zu insgesamt 177 Rettungseinsätzen ausrücken. 7- mal wurden die Einsatzkräfte außerdem bei Bränden zur Hilfe gerufen. Zudem baten in dieser Zeit 17 Menschen per Telefon um psychologische Beratung.

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