16.04.2021 - 14:17 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Wörter mit Fingerspitzengefühl wählen

Die Wirkung, die Sprache und Bilder entfalten, ist nicht zu unterschätzen. Die Wortwahl lenkt die Wahrnehmung des Lesers. Wörter, die die Meinung beeinflussen, sollten in nachrichtlichen Texten vermieden werden.

Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen Ende August 2020 auf den Stufen zum Reichstagsgebäude in Berlin, Reichsflaggen sind dabei zu sehen.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

"Bayerns Verfassungsschutz beobachtet Teile der Querdenker-Bewegung", so war ein Beitrag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) überschrieben, der auf einer Politik-Seite der gedruckten Ausgabe erschien. Ein Leser äußerte sich dazu kritisch: "Wie kommt dieser Artikel so in unsere Zeitung? Er beginnt mit: ,In Berlin stürmten sie den Reichstag, auch in anderen Städten gehen sie seit Monaten gegen die Corona-Auflagen auf die Straße'. Was haben sich die verantwortlichen Redakteure gedacht, als sie diese dpa-Meldung so übernahmen? Oder wurde der Bericht in Weiden so aufgepeppt?"

Vor den Augen des Lesers, schrieb mir der Amberger, entstünden nun "Bilder wie vom Sturm auf die Bastille oder zumindest wie jüngst auf das Weiße Haus, geführt von finsteren Mächten". Im Zusammenhang mit dem "Sturm" suggeriere das "auch" im zweiten Halbsatz "(gewaltsame?, gesetzwidrige?) Ausschreitungen".

Wer im Sommer des vergangenen Jahres die Berichterstattung im Fernsehen verfolgte, der habe damals ein buntes Völkchen gesehen, "das auf der Treppe des Reichstags keine Waffen abfeuerte, sondern Selfies schoss". Initiatorin der kurzen "Reichstagstreppenbesetzung", so der Leser weiter, sei seines Wissens nach eine "esoterisch bewegte Frau" gewesen und "nicht die Veranstalter der Demo". Im Übrigen gingen sie nicht auf die Straße, wie im dpa-Artikel formuliert, sondern nähmen ihr Grundrecht Versammlungsfreiheit wahr.

Wer bis zum Ende des Beitrages durchhalte, erfahre "erstaunt", dass nicht die Querdenker-Bewegung beobachtet werde, sondern einzelne Personen, die ihr zugerechnet werden. Das Fazit des Lesers aus Amberg: "eine Halbwahrheit in der Schlagzeile und ein irreführender (manipulativer?) erster Satz".

Ich antwortete wie folgt: "Der Einstieg in den Artikel wurde nicht aufgepeppt, sondern stammt so von der dpa. Ich stimme mit Ihnen überein, dass ,stürmen' hier das falsche Wort ist und sich durch die Redaktion durch eine andere Formulierung ersetzt gehört hätte, die das wiedergibt, was damals tatsächlich geschehen ist. Denn eine Erstürmung war es sicherlich nicht.

Mit ,gehen (...) auf die Straße' habe ich indes kein Problem, das bedeutet protestieren, demonstrieren, es ist ein Ausdruck, den ich nicht negativ besetzt sehe. Aus der Überschrift geht meines Erachtens deutlich hervor, dass ,Teile der Querdenker-Bewegung' beobachtet werden. Darauf wird auch im ersten Satz des Textes hingewiesen."

Abschließend möchte ich noch anmerken: Leserinnen und Leser können durchaus erwarten, dass Nachrichten und Berichte, also Texte, die keine Meinungsbeiträge sind, von wertenden und damit kommentierenden Wörtern frei bleiben, wenn diese nicht selbst Teil der Nachricht sind.

Hier die Online-Version des Artikels, den der Leser in Teilen kritisiert hat

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Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute

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