02.10.2026 - 08:32 Uhr

„Die paar Schritte haben mein Leben gerettet“

Leon Weintraub (100) überlebte den Holocaust. Er ist einer der wenigen Zeitzeugen, die heute noch von den Verbrechen berichten können. Ein Dokumentarfilm erzählt seine Geschichte.

Das mit der Fliege, wird Leon Weintraub (100) gleich erzählen, ist eine ganz bewusste Entscheidung. Jahrelang habe er zerschlissene Kleidung tragen müssen. „Da habe ich nach dem Krieg gut erscheinen wollen“, sagt Weintraub. Er ist relativ klein und zart, aber wenn er anfängt zu erzählen, dann erzählt er von einem ganzen Jahrhundert und dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. 

Weintraub ist einer der wenigen verbliebenen Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben und heute noch davon erzählen können. Wie die Deutschen ihn und seine Familie im polnischen Lodz damals ins Ghetto zwangen und die Familie später ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau abtransportierten. 

Während des Transports habe er keine Stimmen gehört, keine Proteste und keinen Aufschrei, erzählt Weintraub in dem neuen Dokumentarfilm „L'dor Vador - Von Generation zu Generation“, der am Mittwoch bei Welt TV läuft (21.10 Uhr). Der Sender zeigt ihn zum Jahrestag des Terroranschlags der islamistischen Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023. 

Weintraub erzählt, wie die Nationalsozialisten die Menschen damals in Zugwaggons wegbrachten. Sie seien wie gelähmt gewesen. „Bis heute höre ich das Schweigen in der Luft.“ Seiner Mutter habe er nach der Ankunft noch von Weitem zugewinkt. „Mama, wir sehen uns drinnen.“ Doch dazu kam es nie. Weintraubs Mutter wurde kurz darauf in den Gaskammern ermordet, er selbst entkam dem Tod nur knapp. 

Er habe damals eine Gruppe nackter Männer gesehen, denen Häftlingsnummern tätowiert wurden und die auf Kleidung warteten, um zur Arbeit gebracht zu werden, schildert er im Film. Ohne zu überlegen, habe er seine Kleidung abgeworfen und sich in die Gruppe gedrängt. „Die paar Schritte haben mein Leben gerettet.“ Denn einige Tage später seien die Insassen des Blocks, dem er eigentlich zugeordnet war, als „arbeitsunfähig“ ermordet worden. 

Bei der Befreiung wog er noch 35 Kilogramm 

Weintraub berichtet von den Gräueltaten der Nationalsozialisten, vom Geruch verbrannten Fleisches neben dem Krematorium. Er wurde noch in mehrere andere Konzentrationslager verlegt. Als er im April 1945 befreit wurde, war er 19 Jahre alt und habe nur noch 35 Kilogramm gewogen, heißt es im Film. Nun ist er Anfang des Jahres 100 Jahre alt geworden. 

Wenn man ihn in Berlin zum Interview trifft, begegnet man einem Mann, der noch immer unermüdlich erzählt und viele Dokumente aufbewahrt, etwa den Ausweis, den er damals im Ghetto bekam. Und man trifft einen Mann mit feinem Humor, der bekannte Denker zitiert und im hohen Alter noch fit ist. Er habe ja Tag und Nacht einen guten Arzt bei sich, sagt er - sich selbst. 

Nach dem Krieg nämlich ging Weintraub nach Göttingen, um Medizin zu studieren. Er entschied sich für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, seinen vielen Erfahrungen mit dem Tod wollte er etwas entgegensetzen. Später zog er zurück nach Polen, erlebte erneut Antisemitismus und wanderte schließlich nach Schweden aus. Dort lebt er bis heute. 

Als Weintraub zum 80. Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz sprach, saßen bei der Gedenkfeier auch der britische König Charles III., Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Publikum. In Weintraubs Familie überlebten nur 16 von 80 Familienangehörigen den Holocaust. 

Wie es sich für ihn anfühlt, heute nach Deutschland zu kommen? „Ich fühle mich zu Hause hier“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur, so wie überall in der Welt, wo ihm freundlich gesinnte Menschen begegneten. Nach dem Krieg habe es Momente gegeben, da sei er im Zug zusammengezuckt, weil er unter Deutschen gewesen sei. „Aber das ist vorbei.“ 

Wahlergebnis für die AfD besorgt ihn 

Er fühle sich in Deutschland frei, ungezwungen und auch sicher, erzählt Weintraub. Die politischen Entwicklungen aber, das Wahlergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt, sind für ihn nach eigenen Worten unfassbar. Er spricht sich für ein Verbot der Partei aus. Er nennt sie die „(keine) AfD“, wie er erzählt, für ihn sei sie keine Alternative für Deutschland. 

Für ihren Film „L'dor Vador“ begleiteten die Brüder Dean und David Körzdörfer Weintraub zurück an Orte seiner Vergangenheit, sie zeigen auch historische Aufnahmen und sprechen mit Weintraubs Kindern. Ihr Film wird zum Jahrestag des Terroranschlags der Hamas auf Israel gezeigt. Weintraub war damals selbst in Israel. Er habe sich wieder in den Krieg zurückversetzt gefühlt, erzählt er. 

Der Film erzählt nicht nur von Weintraubs Geschichte, sondern setzt sich auch mit den intergenerationalen Folgen des Holocausts auseinander und wirft die Frage auf, wie die Geschichten in Zukunft weitergegeben werden können, wenn die letzten Zeitzeugen irgendwann nicht mehr da sind. 

Weintraub, mit Fliege und Jackett, berichtet auch mit 100 Jahren noch von seiner Geschichte. Körperlich sei der Verschleiß zwar deutlich zu merken, scherzt er. Aber er tröste sich, dass „Lamborghini, Jaguar, Rolls-Royce“ in seinem Alter bei täglicher Anwendung in einem schlimmeren Zustand wären. Nach dem Interview in einem Berliner Hotel geht es für ihn kurz auf sein Zimmer. Ihm bleiben 15 Minuten. Dann muss er los zum nächsten Termin.

© dpa-infocom, dpa:261002-930-778281/1

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.