06.01.2020 - 21:45 Uhr
PfreimdDeutschland & Welt

Pikanter Spaß unter diesem Anschluss

Nicht jugendfrei. Für Kinder nicht geeignet. Die Hinweise zum neuen Ovigo-Stück "Eine ganz heiße Nummer" sind eindeutig und angemessen. Doch mit dem speziellen, teils expliziten Wortschatz der Komödie haben auch andere Schwierigkeiten.

Bürgermeisterfrau Oberbauer (Petra Sommer-Stark, von links) ist den „Telefonistinnen“ (Julia Gitter, Stephanie Most und Ilona Glück) auf der Spur. Ihre Tochter (Lena Biegerl, hinten) hält sich aus gutem Grund zurück.
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Bei der Premiere am Samstag in Pfreimd wird humorvoll deutlich: Im Stück sind es die längst volljährigen Protagonisten, die noch ziemlich naiv in Sachen Sex (und Liebe) sind.

Der Hintergrund: Die "Hütt'n" ist dicht, der Ort pleite. Auch der kleine Lebensmittelladen von Waltraud (Ilona Glück), Maria (Stephanie Most) und Lena (Julia Gitter) steht kurz vor dem Ende. Ein Ökobauer und Ex-Pornostar (Junaid Bajauri) gibt ungewollt den Tipp zur Lösung ihrer Probleme: eine Sex-Hotline.

Die Bühnenfassung von Andrea Sixts kultig verfilmtem Stoff ist unterhaltsam und anrührend zugleich. Es ist liebenswert-komisch wie "Maja" ("wie die Biene, nur heißer"), "Madame Sarah" und "Lolita" mit einem Schnellkurs in Porno-Literatur ungelenk schmutzige Wörter und Stöhnlaute üben. Aberwitzig ergänzt dabei wie an anderen Stellen eine skurrile parallele Bild-im-Bild-Spielebene die Szene.

Die drei dauer-angeschickerten Damen am Hörer lernen aber schnell: Wenn Maria einem Hühnerliebhaber einen "gackert", das frömmelnde "Dorfflittchen" Lena zwischen pathologischen Gebetsposen trocken anzügliche Sprüche herauslässt oder die patente Waltraud Liebeskugeln prüft, können sich die knapp 200 Zuschauer in der Turnhalle der Landgraf-Ulrich-Schule vor Lachen kaum halten.

Das Motiv "Menschen in finanziellen Nöten greifen zu verzweifelten Mitteln" ist nicht neu und in ähnlichen Varianten bekannt. Der Charme dieser Geschichte, den Florian Weins warmherzige Inszenierung perfekt aufnimmt, liegt darin dass die Figuren trotz vordergründigem derben Humor nie zotig wirken. Insbesondere das spielfreudige Frauentrio erhält Raum, seine Charaktere zu vertiefen. Allen voran glänzt Stephanie Most als unglückliche Maria, die in eingefahrenen Alltagsbahnen schließlich den Mut findet, Grenzen zu überschreiten.

Wie bei Ovigo gewohnt, überwältigt in der schwungvollen Bearbeitung die Liebe zum Detail. Jede Nebenfigur bekommt ihre Lacher und auch die musikalischen Auflockerer wie "Wen interessiert schon, was die sagen", kreiert von Sabrina Niebling-Gau, gefallen. Und in den wenigen ruhigen Momenten können die Zuschauer suchbildartig die Kulissen im herrlichen Clipart-Design von Anna Klepser nach kleinen pikanten Bonmots absuchen.

Während die Hotline boomt, rotten sich die besorgten Bürger um die Bürgermeistergattin Gerti Oberbauer (überzeugend biestig: Petra Sommer-Stark) gegen die Sex-Dienstleister zusammen. Mit der Zeit verschiebt sich aber die moralische Überlegenheit der ach so sauberen Dorfbewohner (eine tolle Ensembleleistung) aber in Richtung der drei "sündigen" Frauen. Denn spitz wie Pfarrers (urkomischer Papp-Hund) Lumpi sind andere.

Selbst das behütete Bürgermeistertöchterchen (stark: Lena Biegerl) hat unschöne Leichen im Keller. Und über den Nebenjob der seltsamen Ministranten (gruselig gut: Clockwork-Orange-Bösewicht Daniel Adler und Benedikt Fröhlich) will man eh besser nichts Näheres wissen. Der Plot kippt, als sich alle zufällig in einem Sex-Shop treffen. Am Ende ist es die bürgerliche Bigotterie, die am Pranger steht. Restkarten für die Aufführung in Regenstauf (18. Januar) und Schwarzenfeld (31. Januar) gibt es unter www.ntticket.de

Auch Putzen kann erotisch sein.
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