02.03.2021 - 16:12 Uhr
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Ukraine-Hilfe unter Corona-Bedingungen

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Der Supergau von Tschernobyl spielte im Kampf gegen die WAA eine besondere Rolle: Kein Zufall, dass sich vor 30 Jahren im Landkreis Schwandorf die "Aktion Tschernobyl" gründete. Heute trotzt der Verein erschwerten Corona-Bedingungen.

Die Gesichter des Vereins: Josef und Angelika Ziegler bei der Lieferung eines Gastro- und Coloskops nach Narodytschi in der verstrahlten Zone im Jahr 2019.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Tschernobyl" ist Sinnbild für den atomaren Supergau. Die ukrainische Atomkatastrophe von 1986 ließ auch in der Oberpfalz die Stimmung gegen die geplante WAA in Wackersdorf kippen. Es war deshalb kein Zufall, dass sich vor 30 Jahren im Landkreis Schwandorf die "Aktion Tschernobyl" mit Unterstützung des damaligen Landrates und Anti-WAA-Kämpfers Hans Schuierer gründete.

Solidarität mit den Opfern einer riskanten Technologie: Am 3. März 1991 rollte der erste Hilfskonvoi unter Leitung des damaligen BRK-Kreisgeschäftsführers in Schwandorf, Alfred Braun. Mit dabei: Chefarzt Dr. Josef Ziegler, Vorsitzender des später gegründeten Vereins, Bereitschaftsführer Alois Beierlein, Sanitätsdienstleiterin Gisela Kuffer und Peter Frey.

Auslaufmodell nach 30 Jahren

24 umfangreiche Hilfskonvois später beluden wenige Mitglieder kurz vor Heiligabend 2020 den vorerst letzten Sattelzug, der vor dem orthodoxen Weihnachtsfest die Ukraine erreichen sollte: Betten, Matratzen, Klinikbedarf, aber auch ein Beatmungsgerät, ein Desinfektor, zwei neue Notfallkoffer und ein Siegelgerät zur Sterilisation medizinischen Instrumentariums waren an Bord. "Die Pandemie macht die Hilfstransporte nach 30 Jahren zum Auslaufmodell", erklärt Ziegler die gedrückte Stimmung.

Der Verein kämpft aber nicht nur gegen erschwerte Pandemie-Bedingungen. Der nach Russland zweitgrößte Staat Europas leidet unter dem gewaltsamen Konflikt mit dem mächtigen Nachbarn an der Ostgrenze und unter der Korruption, die der ehemalige Hoffnungsträger Wolodymyr Selenskyj eher noch verschlimmert hat. Auch unter dem Komiker im Amt des Präsidenten blieb die unter massivem internationalen Druck geschaffene Antikorruptionsbehörde Nabu ein zahnloser Tiger.

Gewaltige Schuldenkrise

"Die Ukraine steht heute vor einer gewaltigen Schuldenkrise", beschreibt Kassiererin Angelika Ziegler die Lage, "und ist eines der letzten Länder Europas, das gerade erst mit Impfungen begonnen hat." Die Frau des Vorsitzenden verhehlt die eigene Enttäuschung nicht: "Unser Dolmetscher hält uns über die Situation drüben am Laufenden - die Bevölkerung leidet unter immer schlechteren Bedingungen." Das marode Gesundheitssystem ist der Pandemie kaum gewachsen.

Der Verein versucht in dieser Situation zu helfen, so gut es unter Corona-Bedingungen eben geht: "Das Risiko für die Mitarbeiter ist zu groß", sagt Josef Ziegler. Stattdessen unterstützt der bald 80-jährige Chefarzt a.D. die ukrainischen Kliniken mit dem Kauf von dringend benötigten medizinischen Geräten. "Wir fragen unsere Kontaktpersonen in den Krankenhäusern, was sie brauchen - und wir finanzieren das soweit möglich."

Neues Spendenmodell

Bereits mit Beginn der Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine im Jahr 2014 begann der Verein umzudenken: "Wir erschlossen neue Wege für die Hilfslieferungen, um die Menschen im Konvoi nicht zu gefährden", sagt Ziegler. So verließ im April 2015 die erste Lieferung per Spedition die Oberpfalz. 14 weitere Sattelzüge folgten bis Ende 2020. "Der Verein erhielt mehrere Großspenden und konnte Ende 2019 zwei generalüberholte Krankentransportfahrzeuge mit kompletter Notfallausrüstung an die Kliniken in Blahovishtchenske und Yahotyn übergeben." Der neue Ansatz bewährt sich nun: "Unsere Aktiven sind alle in einem Alter, das zur Risikogruppe zählt."

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Unter diesem Motto konnte der Verein immer garantieren, dass Geld nicht in dunklen Kanälen versickerte. Das gilt auch für das neue Spendenmodell: "Die Kliniken in Blahovishtchenske und Yahotyn haben uns für ein Diesel-Aggregat und zwei Sauerstoff-Geräte einen Kostenvoranschlag und die genaue Typenbezeichnung geschickt", erklärt Ziegler. "Wir haben das genau prüfen lassen und dann erst dann die Kosten übernommen."

Weltweites Gedächtnis an den Supergau

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Hintergrund:

Leuchtturmprojekte der Aktion Tschernobyl Pfreimd

24 Hilfskonvois mit bis zu 10 Sattelzügen und 40 Personen Besatzung machten sich auf die 4000 Kilometer lange Reise über Buckelpisten und bei Eisglätte.

  • Renovierung der Kinderstation und der Station für infektiös erkrankte Kinder im Krankenhaus von Narodytschi am Rande der verstrahlten Zone
  • Ausrüstung für die Neurochirurgische Kinderklinik in Kiew
  • Sterilisatoren vom Bundesamt für Zivilschutz und dem Oberpfälzer Hersteller MMM für Yahotyn, Kiew und Gaiworon
  • Auf Einladung des Vereins kamen Sanitäter, Laborantinnen, Techniker und Ärzte zu Ausbildungszwecken in die Oberpfalz
  • Zwischen 1991-1996 kamen jeweils fast 100 Mädchen und Jungen aus verstrahlten Gebieten der Ukraine zur Erholung in die Oberpfalz
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