01.07.2021 - 16:56 Uhr
Deutschland & Welt

"Pinocchio" auf der Luisenburg: Wenn Holz Gefühle entwickelt

Vor 140 Jahren hat Carlo Collodi eine legendäre Kinderbuchfigur geschaffen. Seit Donnerstag ist „Pinocchio“ bei den Luisenburg-Festspielen unterwegs – in Form eines fetzigen Familienmusicals mit viel Tanz und unterschiedlichen Musikstilen

Der naive und leichtsinnige Pinocchio ist in die Falle getappt.
von Holger Stiegler (STG)Profil

„Endlich wieder Theater!“, formuliert es der Zirkusdirektor in dem Stück auf der Bühne – und meint damit natürlich auch die Rückkehr des Theatergeschehens auf die große Luisenburg-Bühne im Fels. Coronakonform waren es etwa 1100 Zuschauer, vor allem Kindergärten und Schulklassen, die am Donnerstag die Wiederkehr der Festspiele nach dem Ausfall 2020 feierten. Bei „Pinocchio“ handelt es sich um die deutschsprachige Erstaufführung des Werkes von Saverio Marconi mit der Musik von Dodi Battaglia, Red Canzian und Roby Facchinetti, das bereits seit 2003 in Italien, den USA und Korea Erfolge feierte.

Der Stoff Collodis ist freilich bereits unzählige Male adaptiert worden, aber dennoch ist es ein Musical, das passgenau für die Luisenburg arrangiert ist. Regisseur Markus Pol und Choreograph Tim Zimmermann haben den richtigen Dreh gefunden, um einen ganz eigenen Charakter der Geschichte zu formen: Im Mittelpunkt steht natürlich die märchenhafte Geschichte des Tischlers Geppetto (stark: Leon von Leeuwenberg), der eine Marionette schnitzt, die zum Leben erwacht und die er auf den Namen Pinocchio tauft. Dieser Pinocchio präsentiert sich 80 Minuten lang als abenteuerlustige und neugierige, aber auch ziemlich naive und leichtsinnige Holzpuppe, die manche Probleme geradezu magisch anzieht.

Die Darstellung jeder Titelfigur eines Stückes entscheidet über Top oder Flop der Aufführung – das ist hier nicht anders: Mit Maurice Daniel Ernst, Nachwuchspreisträger des Jahres 2018, hat das Kreativ-Team einen „Parade-Pinocchio“ gefunden, der alle Facetten seiner Rolle gesanglich und schauspielerisch trefflich ausleuchtet. Egal, ob als hölzerne Puppe oder als Marionette mit Emotionen, ob als Tänzer oder als am Baum hängender Gefangener – Ernst spielt und singt sich charmant in die Herzen der Zuschauer.

Auch das Ensemble versteht es, die „Menschwerdung“ der Holzpuppe, die Gefühle entwickelt, nachzuzeichnen. „Du hast gelernt zu lieben und das alleine zählt. Das ist das Geheimnis des Lebens“, erklärt ihm die feenhafte Turchina, grandios gespielt und gesungen von Maria Mucha, am Ende des Stückes. Bis dorthin gilt es allerdings jede Menge Hürden zu überwinden – die Falle, die ihm vom bösen Traumpaar Jessica Kessler als Fuchs und Sascha Luder als Kater gestellt wird, der Auftritt als geschundener Esel im Zirkus, die wachsende Lügennase oder auch die Reise ins vermeintliche Paradies, das „Spielzeugland“ genannt wird.

Und dann ist Pinocchio auch noch eine ganz große Show mit einer Prise Glamour: Viele schwungvolle Tanzszenen, an denen praktisch das gesamte 20-köpfige Darsteller-Team beteiligt ist, sind bestens in das Bühnenbild und die natürliche Kulisse integriert. Die mit viel Liebe zum Detail gestalteten Kostüme und mimischen Akzente (verantwortlich: Sabine Lindner, Saskia Blobner) runden die gelungene Optik ab. Die Liedtexte sind allesamt gut verständlich, das Gesangsniveau lässt – quer durchs Ensemble – kaum Luft nach oben. Besonders hervorzuheben sind Sandra Maria Germann sowie Carmen Wiederstein, die in ihren Rollen als Grille und Angela Extra-Akzente setzen. Die italienischen Gesangstexte wurden von Hartmut H. Forche und Jaime Roman-Briones trefflich ins Deutsche übersetzt und halten allen Musikstilen (Musikalische Leitung: Philipp Riedel) der Inszenierung stand, egal, ob es balladenhaft, rockig, Hip-Hop-mäßig oder auch mal opernhaft wird. Viel Applaus gibt es zum Abschluss für alle Mitwirkenden.

Bühnenbild und Choreographien ergänzen sich stimmig.
Einen Prachtkerl aus Holz hat Geppetto (Leon van Leeuwenberg) geschaffen - und unterstreicht dies gesanglich mit "Ein Sohn, der perfekt ist".
Traumhafte Bösewichte: Jessica Kessler als Fuchs und Sascha Luder als Kater.
Pinocchios (Maurice Daniel Ernst) Lügennase darf natürlich auch bei der Premiere bei den Luisenburg-Festspielen nicht fehlen .
Hintergrund:

Rund um "Pinocchio"

  • Bis vorerst 15. Juli sind noch sieben weitere Vorstellungen geplant, für alle gibt es noch Tickets.
  • Nächste Aufführungen: Samstag, 3. Juli, 10 Uhr, und Sonntag, 4. Juli, 10 Uhr.
  • Weitere Termine und Platzkapazitäten gibt es Montag, 5. Juli, unter www.luisenburg-aktuell.de.
  • Festliche Eröffnung der Abendspielzeit ist Freitag, 2. Juli, um 20 Uhr mit der Premiere von „Der Name der Rose“.

 

 

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