21.04.2020 - 16:57 Uhr
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Parkinson: Wenn der Körper nicht mehr will, wie man selbst

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Parkinson ist mehr als ein Zittern bei Senioren. Zwei Oberpfälzer erkranken mit 45 Jahren daran. Sie erzählen aus ihrem Alltag.

Ein Foto aus Zeiten vor der der Corona-Pandemie: Jörg Rothballer, Inge und Andreas Schulz (von links) wünschen sich, dass Parkinson in der Gesellschaft bekannter wird.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Als Inge Schulz vor einem knappen halben Jahr die Diagnose "Parkinson" erhielt, war sie im ersten Moment erleichtert. Endlich wusste sie, was mit ihr los ist, warum sie Probleme mit dem Schreiben hat, warum ihr Fuß manchmal steif wird, nicht so will, wie sie es gerne hätte. Gleichzeitig geht der Poppenrichterin (Kreis Amberg-Sulzbach) ein Gedanke durch den Kopf: "Bekomme ich meine Kinder noch groß?" Ihr wird bewusst, dass sich im Alltag mit ihrem Mann und den beiden Kindern einiges ändern wird. Schulz ist 46 Jahre alt. "Parkinson betrifft nicht nur alte Menschen", sagt sie. Sie möchte zusammen mit dem Weidener Jörg Rothballer, aufklären, dass Parkinson eine Krankheit wie jede andere ist - die jeden treffen kann.

Mehr als nur ein Zittern

Rothballer lebt seit sechs Jahren mit dem Wissen, dass er an Parkinson erkrankt ist. "Der Gedanke, man ist unheilbar krank, schwirrt einem immer wieder durch den Kopf", beschreibt er das Gefühl. Sein Wunsch wäre es, dass mehr Menschen über die Krankheit Bescheid wissen, dass es sich dabei eben nicht nur um ein Zittern zum Beispiel der Hand handelt.

Bei Jörg Rothballer wie auch bei Inge Schulz zeigt sich die Krankheit vor allem durch eine Muskelstarre. Er spricht von "Freezing", also "Einfrieren", er ist in diesem Moment nicht in der Lage, sich zu bewegen, zu reagieren. Das kann schon auch mal mitten im Getümmel einer Wanderhütte passieren. "Das ist der Horror, wenn ich eine Tiefphase habe, und nicht richtig laufen kann, werde ich angeschaut, als wäre ich betrunken." Meist geht er deswegen nur in Restaurants, in denen man ihn kennt. In denen die Leute wissen, was sie tun müssen, wenn sich seine Krankheit bemerkbar macht.

Ausgelöst wird die Muskelstarre durch das fehlende Dopamin im Körper des Parkinson-Kranken. Dopamin, das auch "Glückshormon" genannt wird, ist unter anderen für die Steuerung geistiger und körperlicher Bewegungen zuständig. Gebildet wird es von bestimmten Zellen im Gehirn, die bei Betroffenen sehr schnell absterben und dadurch weniger Dopamin produzieren.

Keine Heilung

Heilen lässt sich Parkinson nach dem aktuellen Stand der Forschung nicht. Es gibt aber Möglichkeiten, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Mit Tabletten zum Beispiel, durch die der Körper mit Dopamin versorgt wird. Bei Inge Schulz wirken diese aktuell sehr gut, sie kann relativ beschwerdefrei leben. Sie befindet sich im sogenannten Honeymoon. So werden die ersten Jahre nach Beginn der Tabletteneinnahme genannt.

Im Laufe der Zeit merkt das Gehirn jedoch, dass es mit den Tabletten ausgetrickst werden soll. Die Wirkung der Tabletten lässt nach. Der Betroffene hat immer häufiger sogenannte "Off-Phasen", in denen die Symptome deutlich werden. Jörg Rothballer hat den Honeymoon bereits hinter sich. Er hat aber gelernt, auf seinen Körper zu hören. Er Weiß, wann die Wirkung der Tabletten nachlässt und hört auf seinen Körper, wenn er Ruhe braucht. Beruflich ist er selbstständig, er richtet sich bei Terminen und Arbeitszeiten nach den Bedürfnissen seines Körpers.

Inge Schulz arbeitet in der Personalabteilung einer Bank. Ihr Arbeitsweg: 80 Kilometer. Noch kann sie die Strecke selbstständig fahren. Sollte das irgendwann nicht mehr der Fall sein, gibt es aber auch dafür schon eine Lösung. "Der Kollege, mit dem ich bereits eine Fahrgemeinschaft habe, hat angeboten, dass er künftig immer fahren wird." Auch sonst geht Schulz in der Arbeit offen mit ihrer Krankheit um, und auch ihre Kollegen haben da kein Problem. "Man muss da aber schon auch eine Portion Humor haben", sagt sie. Hat sie zum Beispiel gerade Probleme mit dem Schreiben, bekommt der Kollege seine Telefonnotiz schon einmal mit dem Kommentar "Heute wieder in der schönsten Schlaganfallschrift".

Janina Papp leidet an der seltenen Krankheit IIH

Amberg

Aktives Leben trotz Krankheit

Inge Schulz und Jörg Rothballer versuchen trotz ihrer Krankheit ein aktives Leben zu führen, Sport zu machen, soweit es geht, aber auch Unternehmungen mit Freunden und Familie. Sie merken aber auch, dass das nicht mehr so einfach ist wie früher. "Mir läuft im Alltag die Zeit davon", sagt Rothballer. Er kann viele Dinge viel langsamer erledigen als früher - muss sich auch mal ausruhen. "Wir wollten es uns, wenn die Kinder etwas älter sind, zu zweit schön machen", sagt Schulz mit Blick auf ihren Mann Andreas. Das sei nun auch nicht mehr uneingeschränkt möglich.

Schwere Situation für Angehörige

Wie schwer die Krankheit zum Teil auch für die Angehörigen ist, erzählt Andreas Schulz. Er erinnert sich an die Situation, als er seine Frau zur Kur gebracht hat: "Sie wurde gefragt, ob sie noch alleine auf die Toilette gehen kann oder Hilfe beim Anziehen braucht. Das war hart." Aus seiner bislang gesunden Frau sei in diesem Moment eine Schwerkranke geworden.

Trotz vieler Einschränkungen bleiben Inge Schulz und Jörg Rothballer positiv. "Es kann nicht sein, dass da nichts mehr kommt", sagt Jörg Rothballer in Bezug auf eine mögliche Therapie. "Es wird so viel geforscht." Schulz denkt weniger an die Zukunft: "Ich denke an heute und tue Dinge, die mir gut tun", sagt Inge Schulz. Und: "Wenn ich glücklich bin, sind meine Symptome abgeschwächt" Dieser Zusammenhang sei ihr von einer Ärztin bestätigt worden: Durch die Glücksgefühl wird das Gehirn zur Ausschüttung von Dopamin gezwungen.

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