17.02.2021 - 18:48 Uhr
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Prager Dauerlauf durch den Lockdown

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Die Nachbarn quälen sich durch einen ewigen Corona-Lockdown, der nichts bringt. Nur noch mehr Resignation, Wut und Auflehnung. Prager Proteste in Berlin wegen der Grenzkontrollen bleiben aus. Tschechien hat schlicht zu schlechte Karten.

Andrej Babis, Ministerpräsident von Tschechien, spricht bei einer Pressekonferenz im Anschluss einer außerordentlichen Regierungssitzung zur Lage in der Corona-Pandemie.
von Autor SHJProfil

Kilometerlange Schlangen von Lastkraftwagen und Autos voller Pendler, viele Stunden Wartezeit, verärgerte Lenker - so das Bild vor den tschechischen Autobahnübergängen nach Bayern und Sachsen seit Sonntag. Deutschland hat Tschechien - wie Tirol - zum Mutationsgebiet erklärt, aus Sorge, dass die gefährliche britische Variante des Virus über die Grenze schwappt. In Tschechien beträgt deren Anteil in Tests schon bis zu 70 Prozent.

So sehr sich die Betroffenen in den Autos aufregen und in Facebook-Gruppen "Vergeltung" fordern - von der politischen Führung in Prag hört man, anders als von der in Österreich, keinerlei Protest. Womit sollten die Tschechen den auch begründen? Das Land hat dafür denkbar schlechte Karten, gehört - selbst verschuldet - zu den größten Mutations-Hotspots in Mitteleuropa.

Inzidenzwerte von über 1000

Die Regierung hat selbst schon vor Tagen die drei am meisten betroffenen Gebiete in ihrem Land abgeriegelt. Nur wer da wohnt, darf sich dort aufhalten. Dort ist die Inzidenz höher als 1000. Und das, obwohl sich Tschechien de facto seit dem 5. Oktober lange Monate im zweiten großen Lockdown befindet. Der hat nichts gebracht. Außer massiv "schlechter Laune".

Ein Begriff, der auf den früheren Präsidenten Václav Havel zurückgeht. Der hatte 1997 in einer Brandrede zum Ende der Ära von Václav Klaus als Premier den Gemütszustand seiner Landeskinder mit diesen Worten beschrieben.

Nunmehr hat Corona den Leuten die Laune so richtig verhagelt. Eigentlich nicht das Virus, sondern die Art, wie die Regierung damit umgeht. Die Tschechen sind es müde, Erklärungen der Politiker zu hören. Zumal die sich ständig widersprechen. Gesundheitsminister Jan Blatný äußert sich heute so, morgen so. Jüngst lehnte er es noch ab, Patienten aus dem überforderten Krankenhaus von Cheb (Eger) auf kurzem Weg nach Deutschland zu schicken. "Das würde so aussehen, als wäre die Tschechische Republik nicht in der Lage, sich selbst um seine Bürger zu kümmern." Blatný spendierte stattdessen lieber einen Notfall-Hubschrauber und lässt Patienten im künstlichen Koma in Sanitätswagen verlegen, die dann im Konvoi Hunderte Kilometer durch das Land karren, um Kliniken zu finden, die noch Reserven haben. Als der ministerielle Anfall von übertriebenem Nationalstolz vorbei war, kam Blatný plötzlich mit einer Art Offenbarungseid um die Ecke: "Unsere Maßnahmen funktionieren nicht mehr". Was soll man da noch glauben, fragen die Menschen.

Ebenso absurd: In Prag wird derzeit ein Notkrankenhaus wieder abgebaut, das man angesichts der Mutationen womöglich noch gut hätte brauchen können. Es war auf 500 Betten ausgelegt, wurde aber wegen Personalmangels keinen Tag genutzt. Dabei gäbe es jetzt auch das Personal: Die Mitarbeiter der Gesundheitswesens sind durchgeimpft. Der wahre Grund für das Ende der Notklinik liegt bei den Finanzen. Bei der Anmietung der riesigen Halle auf dem Prager Messegelände hatte niemand so genau auf den monatlichen Mietpreis geachtet. Der übersteigt jetzt die Möglichkeiten des Staates, heißt es.

Anordnungen missachten

Das Problem der Virus-Mutationen wird dagegen heruntergespielt. Der frühere Gesundheitsminister und jetzige Berater des Premiers, Roman Prymula, beruhigt: "Wer geimpft ist, dem droht keine schwere Erkrankung an einer Virus-Mutation. Er muss damit auch nicht ins Krankenhaus." Eine wirkliche Perspektive sieht anders aus.

Die Tschechen reagieren auf ihre Art. Zunehmend renitent ignorieren sie die staatlichen Anweisungen. Ein Drittel von ihnen achtet einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge nicht mal mehr auf die grundlegenden Anforderungen – Masken tragen, Hände waschen, Kontakte vermeiden. 46 Prozent derer, die Anzeichen einer Covid-Erkrankung spüren, fahren weiter zu Arbeit, weil sie nicht in schlechter bezahlte Quarantäne wollen - oder aus Geldmangel können. Aus diesem Grund lassen sie sich auch nicht testen.

Die Regierung wird massiv ausgetrickst. Kneipen, die zugesperrt gehören, öffnen jetzt zu Versammlungen "politischer Zellen". Oder zu "Karaoke". Derlei ist nicht verboten. Im Grunde aber wird dort nur Bier in die durstige Kehle geschüttet. Die Polizei soll jetzt Leute aufspüren, die wiederholt die Regeln brechen. Doch die Polizisten gehören in ihrer Freizeit selbst häufig genug zu den Stammgästen der Kneipen. Da werden sie wohl kaum jemanden aufschreiben, grinsen die Regel-Verweigerer.

Ausflug nach Südböhmen

Die verweisen darauf, dass sich die Politiker schließlich auch nicht an die Regeln halten. Letzter Fall: Der Minister für Industrie und Verkehr twitterte Fotos von einem Familienausflug nach Südböhmen. Obwohl es dringende Bitten an die normalen Leute gab, nicht zu verreisen. "Die Regierung wirft sich ständig selbst Knüppel zwischen die Beine", lamentierte eine große Prager Zeitung.

Bleiben die Impfungen als letzte Rettung. Aber dort hakt es ebenso. Premier Babis machte sich jetzt beim ungarischen Premier Viktor Orbán schlau darüber, wie dessen Land mit dem russischen Impfstoff umgeht. Dabei hatte sich Prag in letzter Zeit politisch zunehmend von Budapest entfernt. Jetzt schweißt beide offenkundig das Versagen der EU-Kommission bei der Impfstoffbeschaffung wieder zusammen.

Am vergangenen Donnerstag dann das Desaster an sich: Die Minderheitsregierung aus liberaler ANO von Babis und den Sozialdemokraten scheiterte im Abgeordnetenhaus mit dem Antrag zur Verlängerung des Notstands. Die Kommunisten, die die Regierung bisher tolerieren, erinnerten sich daran, dass in acht Monaten gewählt wird. Da schien es den Genossen geraten, sich erstmals von der Regierung abzusetzen.

Muss Babis nach der Wahl gehen?

Die demokratische bürgerliche Opposition gönnt dem Premier eh nicht das Schwarze unter den Fingernägeln, will Babis bei erwähntem Urnengang in die Wüste schicken. Für Babis war das das Ende seines Traums, das Land ebenso zu regieren wie eine große Firma. Damit hat der Dollar-Multimilliardär als Konzernchef Übung gehabt; er konnte Tschechien tatsächlich "durchregieren", weil er sich auf die Kommunisten verlassen konnte. Er hat diesen Komfort nur schlecht genutzt.

Am Wochenende haben sich Regierung und die Verwaltungsbezirke des Landes auf eine Verlängerung des Notstands geeinigt, damit nicht das totale Chaos ausbricht. Doch die Chefs der Bezirke wollen jetzt Erfolge sehen, etwa die Schüler wieder in den Schulen. Die Kinder sollen jetzt nach österreichischem Vorbild getestet werden. Und die Regierung will gute Stimmung machen: kleine Geschäfte sollen ab kommender Woche wieder öffnen. Ob das angesichts der Horrorzahlen bei den Infizierten so ideal ist, muss abgewartet werden.

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