09.08.2018 - 13:54 Uhr
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Anja Wolbergs stellt ihren Roman über Regensburger Korrputionsaffäre vor

Die Regensburger Korruptionsaffäre als Romanvorlage: Die Frau des suspendierten Oberbürgermeister, Anja Wolbergs, erzählt ihre Version, verpackt in eine Liebesgeschichte.

Vor 100 Besuchern las Anja Wolbergs aus ihrem Roman vor.

(gib) Ein verhafteter Oberbürgermeister, Immobilien-Millionäre unter Bestechungsverdacht, Spekulationen und Gerüchte überall in der Stadt: Die Regensburger Korruptionsaffäre um Joachim Wolbergs hat das Zeug zum Krimi. Nun ist tatsächlich ein Roman über den Politskandal erschienen. Allerdings ist es eher eine Liebesgeschichte - geschrieben von Wolbergs' Frau Anja. Bei der Buchvorstellung gab es stehende Ovationen.

Es ist eine erstaunliche Wandlung. Anja Wolbergs drängte nie ins Rampenlicht. Ihren Mann begleitete sie selten zu offiziellen Anlässen. Die Familie mit den beiden Kindern, die Halbtagsstelle bei der Bank, das Haus, der Garten, die Freunde - das war und ist ihr wichtig. "Ich habe versucht, mein Privatleben aus der Öffentlichkeit herauszuhalten", sagte sie am Mittwoch bei der Vorstellung ihres Romans "In Liebe, Jana!" in der Buchhandlung Dombrowsky. Umso bemerkenswerter ist ihr Buch, in dem sie tief in ihre Gefühlswelt blicken lässt - erzählt als fiktive Geschichte von "Jana und Jonas Wolters". Auch wenn die Namen geändert sind, ist klar, dass es sich hier um Anja und Joachim Wolbergs handelt. Ein paar Handlungsstränge hat die Neu-Autorin hinzugefügt - "damit ein Spannungsbogen entsteht".

Ein Vorzeigepaar

Der Roman setzt ein bei der Trennung des Vorzeigepaars im Herbst 2015. "Ich kann nicht mehr mit dir leben", gesteht der Oberbürgermeister seiner Ehefrau zwischen zwei Terminen. "Ihr Magen drehte sich um. Am liebsten hätte sie laut geschrien", schreibt Anja Wolbergs über Jana Wolters. Ihre verletzten Gefühle, die Sorge um die beiden Kinder, die neue Frau an der Seite ihres Mannes, die Blicke der anderen Leute: die nächsten Monate sind für sie ein "absolutes Emotionschaos".

Und es kommt noch schlimmer: Während sie es schafft, mit ihrem Mann ein einigermaßen freundschaftliches Verhältnis aufrecht zu erhalten, werden plötzlich staatsanwaltliche Ermittlungen gegen ihn bekannt. Bestechungsvorwürfe, Hausdurchsuchungen, der tiefe Fall eines beliebten Stadtoberhaupts - Jana erlebt alles aus nächster Nähe mit.

Und dann der 18. Januar 2017: Der Oberbürgermeister kommt in Untersuchungshaft, die Stadt steht still. Eindringlich und detailgenau beschreibt Anja Wolbergs, was Jana beziehungsweise sie selbst in den Morgenstunden dieses Albtraum-Tages erlebte: Der Anruf der Kripo in der Arbeit, eine weitere Hausdurchsuchung, die Nachricht, dass ihr Mann zur Untersuchungshaft in die JVA Straubing gebracht worden war. Ihr Handy klingelte pausenlos. Freunde, Kollegen, Medienvertreter versuchten sie zu erreichen. Doch sie ging nicht ans Telefon und nicht an die Haustüre. Auch in den nächsten Wochen igelte sich ein.

Der erste Besuch bei ihrem Mann in der JVA vier Tage nach der Verhaftung: Er stand ihr in Häftlingskleidung gegenüber, schien um Jahre gealtert - "was für eine absurde Situation". Diese Episoden, die Anja Wolbergs selbst erlebt hat, sind die Stärken des Buchs. Ein zweiter Erzählstrang beleuchtet die Geschehnisse in der Stadt aus der Sicht eines Reporters, der kurz vor dem Ruhestand steht, aber in der Korruptionsaffäre nochmal spannende Geschichten liefern soll. Die Passagen wirken teils aufgesetzt. Anja Wolbergs räumte bei der Buchvorstellung selbst ein, dass sie sich mit diesen Kapiteln schwergetan habe. Sie habe sie aus dramaturgischen Gründen eingefügt. Für das Buch hatte sie sich ein Schreibcoaching geben lassen.

Eineinhalb Monate vor Beginn des "Wolbergs-Prozesses" bleibt die Frage nach der Motivation für das Buch nicht aus. Will Anja Wolbergs ihrem Mann - die beiden sind weiterhin verheiratet - einen Vorteil verschaffen? "Der Erscheinungstermin ist komplett unabhängig vom Prozesstermin", sagte die Autorin bei der Buchvorstellung. Der Verlag hätte sich gewünscht, dass der Roman zur Sommer-Urlaubszeit herauskommt, in der viel gelesen werde. Danach hätte sie sich gerichtet.

"Leben geht weiter"

"Das Buch war wie eine Therapie für mich", sagte Anja Wolbergs vor knapp 100 geladenen Gästen. Sie habe während der vergangenen zwei Jahre Tagebuch geführt. Basierend auf diesen Aufzeichnungen sei der Roman entstanden. Sie wolle anderen Menschen in schwierigen Lebensphasen mit dem Buch Mut machen. "Das Leben geht weiter." Eine Botschaft geht aber auch an Teile der Medien und Kommentatoren in sozialen Netzwerken: "Bitte überlegen Sie, bevor Sie urteilen. Wer am Boden liegt, auf den muss man nicht noch drauftreten."

Nicht zuletzt will Anja Wolbergs "den Spekulationen und Gerüchten meine Seite entgegenstellen". Das ist nicht wenig brisant, wenn man bedenkt, dass sie selbst im anstehenden Prozess aussagen wird. "Es mag sein, dass ich mit dem Buch etwas riskiere, aber ich habe dadurch meinen Frieden gefunden, das ist mir mehr wert", sagte sie. Das Publikum am Mittwochabend war ihr jedenfalls sehr wohlgesonnen. Nach der Vorstellung gab es stehende Ovationen und viel Lob für die "Stärke und die positive Grundhaltung" der OB-Gattin. Unter den Zuhörern waren Alt-Oberbürgermeisterin Christa Meier (SPD), der frühere SPD-Landtagsfraktionschef Albert Schmid und dritter Bürgermeister Jürgen Huber. Die meisten Besucher kauften sich im Anschluss den Roman und ließen ihn signieren. Eine weitere Lesung soll am 21. August im Leeren Beutel stattfinden.

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