08.08.2018 - 20:54 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Bayerische Lehrer: Statt in den Urlaub zur Arbeitsagentur

Bayerns Schüler und Lehrer genießen die Sommerferien. Für Tausende Lehrkräfte im Freistaat ist es aber auch eine Zeit des Bangens: Ihre befristeten Verträge liefen zum Schuljahresende aus, eine Neuanstellung können sie erst wieder zum neuen Schuljahr finden.

SPD-Landtagsabgeordnete Margit Wild (von links) sowie Anna Forstner und Sandro Fleischmann, Lehrer und GEW-Vertreter, riefen in Regensburg dazu auf, Lehrkräfte im Sommer nicht mehr in die Arbeitslosigkeit zu schicken.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

(gib) Die Zwischenzeit müssen sie mit Arbeitslosengeld oder Hartz IV überbrücken. „Das ist unanständig und falsch“, kritisierte die Regensburger SPD-Landtagsabgeordnete und Bildungspolitikerin Margit Wild am Dienstag bei einem Pressegespräch.

Der Freistaat wisse genau, dass er alle verfügbaren Lehrkräfte auch im kommenden Schuljahr dringend benötigt. Über 7000 Lehrkräfte seien 2016 in Bayern nur befristet angestellt gewesen – und das in Zeiten von gefüllten Steuerkassen, bemängelte Wild. An Grund- und Mittelschulen sei die Zahl der befristeten Verträge von 2012 auf 2016 um knapp 50 Prozent auf 1480 angestiegen ist. An Realschulen habe es sogar eine Steigerung um 69 Prozent auf 1332 gegeben. Die befristet angestellten Lehrer hätten auch monetär das Nachsehen: „Locker 800 Euro brutto“ weniger würden sie gegenüber ihren verbeamteten Kollegen pro Monat verdienen.

Für berittene Polizeistaffeln finde Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Geld, für eine Pflichtaufgabe wie die Vorhaltung von angemessen bezahlten Lehrkräften aber nicht, ärgert sich Wild. „Es geht nicht an, dass man die Lehrer für einen Monat auf der Straße stehen lässt.“ Wenn die Lehrer nur elf Monate angestellt waren, reiche es noch nicht einmal für einen Anspruch auf Arbeitslosengeld, der ab zwölf Monaten beginnt. Die Lehrkräfte hätten zuvor eine mehrjährige, hochwertige und teure Ausbildung durchlaufen. Im schlimmsten Fall würden sie sich nach Jahren der Kettenbefristung einen anderen Beruf suchen. Leidtragende seien letztlich die Schüler. Die Klassen seien schon heute zu groß, der Unterrichtsausfall eklatant hoch, sagte Wild.

Immer mehr Lehrer könnten aufgrund der hohen Arbeitsbelastung nicht bis ins Ruhestandsalter unterrichten. Nun stehe auch noch die Babyboomer-Generation kurz vor der Pensionierung. Gleichzeitig steige in Bayern die Schülerzahl. Auch die Aufgaben in den Schulen würden durch Inklusion, Integration und besondere Herausforderungen wie verhaltensauffällige Kinder wachsen. Der Freistaat daher brauche in den nächsten Jahren dringend zusätzliche Lehrer, betonte Wild.

Diese Argumente hatte die SPD-Fraktion bereits im Juli in einem Dringlichkeitsantrag vorgetragen, der von der CSU-Mehrheit im Landtag aber abgelehnt wurde. Ende September werde das Thema im Ausschuss für den öffentlichen Dienst nochmals behandelt. Auch eine Online-Petition habe die SPD gestartet.

Als Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bayern bestätigten Anna Forstner (FOS/BOS Straubing) und Sandro Fleischmann (FOS/BOS Weiden) die Probleme an den Schulen. Sie kennen etliche Kollegen, die sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln. Sein Leben zu planen, vielleicht eine Familie zu gründen, werde dadurch deutlich erschwert, sagte Forstner. Gerade auch die Fach- und Berufsoberschulen seien stark betroffen. Ein Achtel des Kollegiums sei dort in der Regel befristet angestellt. „Zum Schuljahresende werden 13 Kollegen verabschiedet, im nächsten Jahr kommen 15 neue“, beschrieb Forstner die Situation. Sie kennt eine Kollegin, die 14 befristete Verträge hatte – weil immer wieder ein neuer Befristungsgrund gefunden wurde. Über ihre Probleme öffentlich sprechen würden die Betroffenen ungern, bat Forstner für Verständnis. „Sie haben Angst, dass es dann erst recht nichts wird mit der Festanstellung.“

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