20.07.2021 - 17:38 Uhr
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Beschwerdestellen für psychisch Kranke

In der Oberpfalz sollen im Oktober zwei unabhängige psychiatrische Beschwerdestellen entstehen, in Regensburg und Weiden. Damit soll eine Lücke geschlossen werden.

Ein Mann sitzt im Gang einer psychiatrischen Notaufnahme (Symbolbild). Wer in der Psychiatrie schlechte Erfahrungen gemacht hat oder mit seiner Behandlung unzufrieden ist, kann sich bald an Beschwerdestellen wenden,
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Der Regensburger Psychiatrie-Erfahrenen-Verein „Irren ist menschlich“ will die beiden Stellen eröffnen. Der Verein reagiert damit auf eine Ausschreibung des bayerischen Gesundheitsministeriums, das unabhängige Beschwerdestellen flächendeckend einrichten will. Bislang gibt es das Angebot vor allem in Oberbayern, sagt Klaus Nuißl vom Vorstand des Vereins „Irren ist menschlich“.

Räumlichkeiten sind bereits gefunden. In Regensburg soll die Beschwerdestelle in den Vereinsräumen in der Wollwirkergasse 4 eingerichtet werden, in Weiden in Räumen der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) in der Parksteiner Straße 15. In Regensburg sind bereits vier ehrenamtliche Mitarbeiter an Bord. In Weiden sucht Eva-Maria Schlicht, die die Beratungsstelle in der nördlichen Oberpfalz angestoßen hat, noch Mitstreiter.

Offenes Ohr für alle Probleme

Voraussetzung für die Mitarbeit ist ein Bezug zu dem Thema psychische Erkrankungen. Idealerweise wird eine unabhängige Beschwerdestelle trialogisch mit Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonal im Ruhestand besetzt, erklärt Nuißl. Nicht geeignet sind Menschen, die aktuell in einer psychiatrischen Einrichtung arbeiten. Vergütet wird die Arbeit mit einer Ehrenamtspauschale. Die Mitarbeiter erhalten Schulungen.

Die Beschwerdestellen werden voraussichtlich zwei Mal pro Woche Sprechzeiten anbieten und sollen darüber hinaus per Telefon, Mail und Post erreichbar sein, sagt Nuißl, der in diesen Tagen die notwendigen Anträge nach München verschickt. Wenn die Anträge bewilligt werden, unterstützt das Gesundheitsministerium die Stellen mit jeweils 10 000 Euro pro Jahr für Miete und laufende Kosten.

Welche Art von Beschwerden könnten bei den Stellen künftig eingehen? Nuißl, der einen Einblick in bereits bestehende psychiatrische Beschwerdestellen hat, geht von einer breiten Bandbreite aus. Hilfe suchen könnten Patienten, die sich gegen eine Zwangsunterbringung in einer psychiatrischen Klinik wehren, aber auch Menschen im ambulanten Wohnen, die sich über eine aus ihrer Sicht mangelnde Betreuung beschweren, sich nicht wertgeschätzt fühlen. Manchmal gehe es auch um banale Dinge, wie dass Bewohner lieber Semmeln als Brot zum Frühstück hätten. Wenn der Konflikt nicht in der Einrichtung selbst gelöst werden kann, könne die Beschwerdestelle helfen.

Nicht gegen Einrichtungen arbeiten

Wichtig sei es, immer auch die andere Seite zu hören. Wenn ein Patient sich beschwert hat, nimmt die Beschwerdestelle Kontakt mit der jeweiligen Einrichtung auf, um zu vermitteln – wenn der Betroffene das will. Bei gravierenden Problemen, die über längere Zeit bestehen, könne auch der Kostenträger einer Einrichtung kontaktiert werden. Nuißl hat auch schon erlebt, dass den Patienten bereits geholfen ist, „wenn sie sich einfach mal Luft machen können“. Es sei auch möglich, anonym Beschwerden einzureichen.

Nuißl betont: „Die Beschwerdestellen arbeiten nicht gegen die psychiatrischen Einrichtungen, sondern wollen für Qualität miteinstehen.“ Er wünsche sich eine gute Zusammenarbeit mit den Einrichtungen vor Ort. Man wolle sich Vertrauen verdienen. Wie viele Beschwerden bearbeitet werden müssen, kann Nuißl nicht vorhersehen. In Oberbayern habe sich gezeigt, dass etwa 50 bis 70 Beschwerden pro Jahr in einer Stelle eingehen. Anfangs könnten es etwas mehr sein, weil sich über die Jahre etwas angestaut hat.

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Regensburg
Klaus Nuißl gehört dem Vorstand des Regensburger Vereins „Irren ist menschlich“ an.
Eva-Maria Schlicht hat den Aufbau der Beschwerdestelle in Weiden angestoßen. Sie sucht noch Mitstreiter.
Hintergrund:

Verein "Irren ist menschlich"

  • Der Verein "Irren ist menschlich" wurde 1997 in Regensburg gegründet.
  • Laut Verein gab es in den 90er-Jahren vielfältige Probleme, die bundesweit dazu geführt haben, dass sich Psychiatrie- Erfahrene zusammengeschlossen haben, "um sich nicht mehr nur behandeln zu lassen, sondern um auch selbst zu handeln".
  • Zu den Vereinszielen gehört der Abbau von Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen, die Vernetzung mit ähnlichen Organisationen und die Etablierung von Psychiatrie-Erfahrenen als Experten in eigener Sache.
  • Kontakt per Mail an info[at]irren-ist-menschlich-ev[dot]de, weitere Informationen unter www.irren-ist-menschlich-ev.de.
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