03.06.2021 - 18:22 Uhr
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Bipolare Störung: Zwischen zwei Gefühlsextremen

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Peter Harrer ist ein geselliger Endfünfziger, Versicherungsmakler und Familienmensch. Dass er mit einer schweren psychischen Erkrankung lebt, wissen nicht viele. Halt gibt ihm die Selbsthilfegruppe „Bipolar Regensburg“.

In den depressiven Phasen sind Betroffene teils so antriebslos, dass sie es morgens nicht alleine aus dem Bett schaffen. Auch Suizidgedanken sind typisch.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Als bei ihm eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, war Peter Harrer 50 Jahre alt. Dass mit ihm etwas nicht stimmte, hat er selbst kaum gemerkt, erzählt Harrer, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will und eigentlich anders heißt. Es war seine Familie – seine Ehefrau und die zwei erwachsenen Kinder – die ihn auf sein ungewöhnliches Verhalten aufmerksam machten. „Es war ein extrem großes Auf und Ab“, erzählt Harrer. „Meine Gefühlslage konnte sich von himmelhochjauchzend zu tiefst betrübt ändern, und zwar von einer Minute zur anderen.“

Seine Frau und Tochter bearbeiteten ihn, zum Arzt zu gehen. Es folgten 30 Stunden Psychotherapie und Besuche beim Heilpraktiker – beides mit wenig Erfolg. Erst eine Nervenärztin verwies Harrer, der in Niederbayern lebt, an das Bezirksklinikum Mainkofen, wo 2013 die bipolare Störung festgestellt wurde. Seitdem nimmt Harrer täglich mehrere Medikamente ein. Die Hochs und Tiefs hat er immer noch – „aber viel weniger schlimm“.

Trotz der medikamentösen Behandlung musste Harrer in den Folgejahren drei Mal zur stationären Behandlung ins Bezirksklinikum. Bei einem Geschwistertreffen 2017 stand er plötzlich auf und begann, wirres Zeug zu reden, keiner konnte ihn beruhigen. Ein Krankenwagen und auch die Polizei mussten kommen, weil Harrer einfach weglief. Er selbst kann sich nur mehr szenenhaft an den Vorfall erinnern. Vier Wochen verbrachte er danach im Bezirksklinikum. 2019 und 2020 folgten weitere stationäre Aufenthalte. Die Ärzte verschrieben ihm ein zusätzliches Medikament, seitdem fühlt sich Harrer gut eingestellt. Regelmäßig besucht er eine Psychotherapie und ein Gedächtnistraining.

Einzige Hilfegruppe in Ostbayern

Aufgefangen wird Harrer vor allem von seiner Familie. „Wir sind wie ein Kleeblatt, wir halten zusammen“, erzählt der 59-Jährige. Da habe er großes Glück. Seine Frau brachte ihn auch auf die Idee, sich einer Selbsthilfegruppe für bipolare Menschen anzuschließen. Die einzige Gruppe in Ostbayern für speziell diese Erkrankung fand er in Regensburg. In der Gruppe „Bipolar Regensburg“ treffen sich monatlich Betroffene zum Austausch.

Ein harter Kern von acht bis zehn Männern und Frauen kommt seit mehreren Jahren regelmäßig zusammen. „Da sind mittlerweile Freundschaften entstanden“, erzählt Harrer. Andere schließen sich der Gruppe zeitweise an. Weitere Betroffene sind stets willkommen. Für Harrer sind die Treffen wichtig, weil er merkt, dass er mit seiner Erkrankung nicht alleine ist. Den Erfahrungsaustausch, etwa darüber, wie bei wem die Medikamente wirken, findet er sehr hilfreich.

Bei den Gruppentreffen kommt jeder Teilnehmer zu Wort, berichtet, wie es ihm geht, was sich bei ihm in letzter Zeit getan hat, auf was er sich freut. Teils sind die Treffen einem bestimmten Thema gewidmet. Lange kamen die Teilnehmer in der Corona-Pandemie nur per Videokonferenz und Telefon zusammen, mittlerweile hat in einer großen Turnhalle mit reichlich Abstand zueinander wieder ein erstes persönliches Treffen stattgefunden.

Suizidgedanken

Durch die vielen Gespräche hat Harrer einen Einblick bekommen, wie stark sich die Krankheit nicht nur bei ihm, sondern auch bei anderen Betroffenen auf den Alltag auswirkt. In einer manischen Phase, die von einem extremen Hochgefühl geprägt ist, könne ein Betroffener schon mal drei Autos an einem Tag kaufen – die dann mühevoll wieder abbestellt werden müssen, berichtet Harrer. In den depressiven Phasen wiederum seien die Betroffenen teils so antriebslos, dass sie es morgens nicht alleine aus dem Bett schaffen. Auch Suizidgedanken seien typisch. Harrer selbst spielte vor seinem Krankenhaus-Aufenthalt 2020 mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Aus dem Nichts verfolgten ihn schreckliche Existenzängste. Seine Tochter musste ihm vorrechnen, dass er in seinem Beruf doch gut verdient.

Harrer wünscht sich, dass psychischen Erkrankungen enttabuisiert werden. Leider werde eine bipolare Störung nicht so einfach akzeptiert wie ein gebrochener Fuß, schildert er seine Erfahrungen. Deshalb hat der Versicherungsmakler auch nur wenigen Menschen von seiner Erkrankung erzählt. Seine Geschwister und auch seine Schafkopfrunde wissen aber von Harrers bipolarer Störung. „Seitdem sind wir näher aneinandergerückt.“

HINTERGRUND:
  • Menschen mit einer bipolaren Störung leben mit extremen Emotionen. Manische und depressive Phasen wechseln sich ab.
  • Etwa ein bis zwei Prozent der Deutschen sind von der Erkrankung betroffen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen.
  • Die Selbsthilfegruppe „Bipolar Regensburg“ trifft sich jeden dritten Montag im Monat von 18.30 bis 20 Uhr.
  • Die Gruppe will Betroffene zusammenbringen, einen Erfahrungsaustausch und gemeinsame Aktivitäten ermöglichen.
  • Kontaktaufnahme und Informationen über den Ort der Treffen per Mail an shgbipo[at]gmx[dot]de oder über die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS) Regensburg unter 0941/599388-610.

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