03.06.2021 - 18:08 Uhr
Weiden in der OberpfalzOTon

Hodenkrebs mit 24: Die ignorierte Gefahr der jungen Männer

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Eher durch Zufall kommt Matthias zur Krebsvorsorge. Obwohl er nie etwas gemerkt hat, wird dort ein Tumor im Hoden festgestellt. Noch immer wird das Thema Hodenkrebs von jüngeren Männern ignoriert – dabei betrifft es gerade sie.

"Damit dir Hodenkrebs nicht auf den Sack geht": Die Deutsche Gesellschaft für Urologie ruft unter anderem mit Aufklebern zum "Hodencheck" auf.
von Julian Trager Kontakt Profil

Nachdem der Doktor die schlechte Nachricht überbracht hatte, musste Matthias erst mal an den Scherz des Vater seiner Freundin denken. „Meine erste Frage war, ob der Schwiegervater angerufen hat“, erzählt Matthias. Am Tag vor der Untersuchung hatte der Papa seiner Freundin nämlich noch gewitzelt, er werde beim Arzt anrufen, damit der eine schlechte Diagnose ausstellt. Es war ein Spaß, die beiden hatten gescherzt, sich gegenseitig aufgezogen, wie so oft. Keiner von ihnen hätte erwartet, dass bei dem Vorsorgetermin tatsächlich etwas Schlimmes herauskommen könnte. Matthias ist doch erst 24.

Matthias kommt aus dem Landkreis Schwandorf, woher genau möchte er jedoch nicht veröffentlicht sehen, in Wirklichkeit heißt er auch anders. Aber er möchte seine Geschichte erzählen – um auf etwas aufmerksam zu machen, das von vielen jungen Männern ignoriert wird. Matthias möchte auch warnen. Er weiß ja, wovon er spricht.

„Das ist purer Ernst“

Dass der 24-Jährige überhaupt zur Vorsorge beim Urologen ging, war ein Zusammenspiel von mehreren Zufällen. Seine Freundin hatte Bakterien. Er selbst hatte vor Wochen ein paar Tage lang heftige Kopfschmerzen. Ob das ausschlaggebend war, weiß er heute selbst nicht mehr, aber komisch war es damals im Februar schon. „Ich habe sonst eigentlich nur Kopfschmerzen, wenn ich furt war“, sagt er und lacht. Ansonsten ging es ihm gut, er hatte keine Probleme in der Leistengegend, nie. „Aber ich habe mir gedacht, meldest dich halt mal beim Urologen und lässt dich durchchecken.“ Kann ja nicht schaden. Im Februar gab er Urin ab, im Mai war die Untersuchung.

Nach einem Vorgespräch, so erzählt es Matthias, ab auf die Liege, der Arzt tastete die Hoden ab, links und rechts, es fiel ihm nichts auf. Der Ultraschall deckte es dann auf. Ein Tumor im linken Hoden. Und nein, der Vater der Freundin hatte nichts damit zu tun, hatte vorher nicht angerufen. „Das ist purer Ernst“, sagte der Arzt. Zack, auf einmal war er da, der Krebs. Bis dahin hatte sich Matthias damit noch nicht beschäftigt. Krebs war ganz weit weg, eine Krankheit für ältere Menschen.

Während viele junge Frauen einmal jährlich zur Krebsvorsorge gehen, befassen sich die wenigsten jungen Männer mit dem Thema – wie eine Umfrage unter jungen Oberpfälzern im Alter zwischen 20 und 35 zeigt. Die Frage: Warst du schon mal bei einer Vorsorgeuntersuchung beim Urologen?

„Nope, weil ich keine Anzeichen spüre und mir noch überhaupt keine Gedanken gemacht habe, ob ich Krebs haben könnte.“

„Nein, weil ich mich noch gar nicht damit beschäftigt habe und es aktuell auch keinen Anlass gibt, mich mit so etwas zu beschäftigen, weil ich in der Hinsicht noch nie Probleme hatte.“

„Bisher noch nicht. Habe keine Abneigung dagegen, aber hab’s bisher einfach noch nicht gemacht.“

„Nein, war ich noch nie, aber würde bestimmt nicht schaden.“

„War ich noch nicht, wollte da aber in den nächsten ein bis zwei Jahren mal hingehen. Generell ist es in meinem Alter sehr unwahrscheinlich, betroffen zu sein. Aber eigentlich ist es dumm, nicht hinzugehen. Kostet nichts oder wenig und bringt viel, falls man betroffen ist. Es gibt also eigentlich keinen rationalen Grund, nicht hinzugehen.“

Zehn Patienten pro Jahr in der Oberpfalz

Hodenkrebs tritt eher selten auf, von 100.000 Männern erkranken pro Jahr etwa 10 bis 15 daran, sagt Prof. Dr. Theodor Klotz, Chefarzt der Urologie am Klinikum Weiden. In der Oberpfalz sei das ähnlich. „Wir sehen pro Jahr um die zehn Patienten mit einem Hodentumor.“ Aber in den vergangenen Jahren sei die Zahl leicht gestiegen, in der Oberpfalz, in ganz Europa. Das Besondere an Hodenkrebs ist, dass er – im Gegensatz zu fast allen anderen Krebsarten – vor allem Jüngere betrifft. „In den meisten Fälle sind es junge Männer zwischen 20 und 40“, sagt der Weidener Urologe. Woran das liegt, meint Klotz, „weiß man, ehrlich gesagt, nicht.“ Da sei noch vieles unklar – genau wie bei vielen Männern, die glauben, zu jung zu sein, um an Hodenkrebs zu erkranken.

„Junge Männer interessieren sich nicht für die Krebsvorsorge“, sagt Klotz. Eine standardisierte Vorsorge für den jungen Mann gebe es nicht. „Aber das wäre sinnvoll“, meint der Urologe. Nicht nur wegen Krebs, sondern auch wegen Blutdruck, Übergewicht, Unfruchtbarkeit, Glatzen. „Es gibt tausend Sachen, die junge Männer belasten können“, sagt Klotz. „Wenn man ab 25, 30 zum Urologen geht, macht das schon Sinn.“ Und einmal im Monat sollte jeder seine Hoden selbst untersuchen. „Da muss man nicht zum Urologen rennen“, meint der Chefarzt. „Man kann sich selber abtasten – oder es der Freundin machen lassen.“

Nach seiner Diagnose schrieb Matthias erst mal seiner Freundin. „Die hat gefragt, ob ich sie verarschen will“, erinnert er sich. Nachdem er ihr die Einweisung ins Krankenhaus gezeigt hatte, „hat es bei ihr den Schalter umgelegt“. Am Abend schaute er ins Internet, googelte Hodenkrebs – und schloss das Fenster gleich wieder. „Macht dich bloß verrückt.“ Seine Schwester begann zu weinen, als sie am nächsten Tag von den schlechten Nachrichten erfuhr. „Da musste ich mich auch zusammenreißen.“ Als er es dann seinem Chef erzählte, konnte auch Matthias nicht mehr. „Da habe ich das Wasser raus lassen müssen.“ Der Chef besänftigte, sagte, dass er nicht alleine sei.

Auf was man bei der Untersuchung achten sollte

Spermien in Amberg eingefroren

Trotz der Tränen war Matthias von Anfang an positiv, sagt er. Die Heilungschancen bei Hodenkrebs stehen sehr gut. Sein Tumor war noch klein. Aber trotzdem, so eine Sache könnte auch schlimm enden, die Sorge vor der Unfruchtbarkeit war schon da. Drei Tage nach der Diagnose fuhr Matthias nach Amberg, ließ sich dort in der Kinderwunschklinik Spermien einfrieren. „Ich will ja auf jeden Fall Kinder“, sagt er. Auf den Vorschlag der Oma seiner Freundin ging er nicht ein. „Macht’s halt jetzt noch schnell eins“, hatte die Oma gesagt. Matthias lacht, als er die Anekdote erzählt. Die Geschichte ging ja gut aus für ihn.

Die Operation dauerte zwei Stunden. An der Leiste wurde er aufgeschnitten, der kleine Tumor entfernt. Dann stellte der Pathologe fest, ob der Tumor gut- oder bösartig ist. Ist er bösartig, muss der ganze Hoden raus. Mit den Ärzten hatte Matthias bereits über mögliche Implantate gesprochen. „Als ich nach der OP aufgewacht bin, war das erste, was ich gefragt habe, ob noch alles dran ist.“ Alles, was da sein sollte, war noch da. Nur der Tumor war weg, er war gutartig.

Heute, gut zwei Wochen später, hat Matthias noch leichte Schmerzen von der OP, aber sonst geht es ihm gut. Er arbeitet wieder. Für ein Jahr muss er nun alle drei Monate zur Kontrolle zum Arzt. Und danach will er jedes Jahr zur Vorsorge gehen. „Die Untersuchung dauert eine Viertelstunde.“ Und sie bringt etwas, das weiß er nur zu genau. „Die Vorsorge war ein Glückstreffer von mir.“

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Hintergrund:

Zahlen und Fakten zu Hodenkrebs

  • Eher selten: 10 bis 15 Männer von 100.000 erkranken pro Jahr, 2017 waren es laut Robert-Koch-Institut 4059 in Deutschland. Tendenz steigend.
  • Meistens Jüngere: Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Rund 80 Prozent aller Patienten ist unter 50.
  • Gute Heilungschancen: Die Heilungschancen liegen bei weit über 95 Prozent, wenn man ihn frühzeitig erkennt, sagt Prof. Dr. Klotz, Urologe am Klinikum Weiden. Vor 30, 40 Jahren war Hodenkrebs nicht heilbar, nun ist er es sehr gut. „Eine der wenigen Krebsarten, die man heilen kann, ohne das was übrig bleibt und ohne langfristigen Schäden.“ Wenn der Tumor streut, ist er mit einer Chemotherapie gut zu behandeln. „Die Chemo ist in diesem Fall segensreich“, sagt Klotz.
  • Symptome: Die Tumore tun nicht weh, erklärt der Weidener Chefarzt. Wenn sich etwas am Hoden verändert, sollte man zum Urologen. In der Regel wird der Hoden in seiner Konsistenz härter und größer. „So wie eine Kastanie“, sagt Klotz, „das ist relativ typisch.“

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