17.03.2021 - 17:47 Uhr
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Manuel Meier über seine Essstörung: "Im Rausch aß ich gefrorene Kücheln und Tomatenmark"

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Der Musiker Manuel Meier (Ohrange) litt an einer Essstörung, die er in seinem Podcast "Magerquark & Birne" thematisiert. Im Interview spricht der 31-Jährige über die verlorene Lust aufs Essen, Kühlschrankplünderungen und was ihm half.

Meier in seiner Wohnung in Regensburg. "Das Musik-Ding ist mein Leben", sagt er.
von Julian Trager Kontakt Profil

ONETZ: Schmecken Ihnen Magerquark und Birne noch?

Manuel Meier: (lacht) Das geht tatsächlich noch. Ich esse das jetzt nicht mehr als Mahlzeit. Aber wenn ich mir eine Birne ins Müsli schneide, ist das voll okay. Beim Harzer Käse ist das anders. Der besteht ja nur aus Eiweiß, den habe ich gegessen wie einen Snack. Voll abartig. Kann ich gar nicht mehr sehen. Wenn ich den rieche, denke ich sofort an meine "Abfuckphase" zurück. Komischerweise ist das bei Magerquark und Birne nicht der Fall.

ONETZ: In Ihrer "Abfuckphase", die dreieinhalb Jahre mit einer Essstörung, waren Magerquark und Birne Ihr Hauptnahrungsmittel. Warum?

Manuel Meier: Weil das billig war und ich wusste, dass es nicht "böse" ist, also nicht dick macht. Das ist voll spannend, weil ich nie abnehmen wollte, ich war nie dick, alles war eigentlich cool.

ONETZ: Wie machte sich Ihre Essstörung noch bemerkbar?

Manuel Meier: Ich hatte kein Bulimie, zum Glück. Ein großer Punkt war bei mir das reduzierte Essen. Ich habe nur zwei Mal am Tag etwas gegessen, in der Früh und am Abend. Meistens nur Magerquark und Birne. Okay, manchmal gab's einen Salat oder so.

ONETZ: Und dann war da das Thema mit dem Kontrollverlust.

Manuel Meier: Ja, voll Psycho irgendwie. Ich habe das Essen auf Low-Level heruntergefahren, hatte dann aber auch diese unkontrollierten Fressattacken, wenn ich Alkohol getrunken hatte. Da haben bei mir schon ein paar Bier gereicht, um mir mein Bewusstsein auszuknipsen. Der Körper hat sich dann geholt, was er brauchte. Das war sauunangenehm.

ONETZ: Sie erzählen in Ihrem Podcast auch von Ihrem Sparzwang, der auch eine Rolle spielt.

Manuel Meier: Das mit dem Geld habe ich mir selbst auferlegt. Ich bin mit meiner Mum aufgewachsen, und da war das immer Thema. Wir hatten halt keine Kohle. Beim Einkaufen im Supermarkt haben wir immer gerechnet, damit am Ende das Geld an der Kasse langt. Das habe ich so krass verinnerlicht, dass ich anfing, das auch selber zu machen, als ich alleine wohnte. Obwohl ich wusste, dass mir das Geld reicht.

ONETZ: Ihre Mutter zog nach Pforzheim, als Sie 18 Jahre alt waren. Sie lebten dann zum ersten Mal alleine in einer Wohnung. Hatten Sie Angst oder Zweifel, damit nicht fertig zu werden?

Manuel Meier: Eigentlich nicht. Aber mich hat es dann trotzdem von der Rolle geschmissen. Den einen Ursprung gibt es bei mir nicht, es war eine Mischung aus vielen Punkten.

ONETZ: Die Krankheit hat sich bei Ihnen langsam aufgebaut.

Manuel Meier: Das erste halbe Jahr habe ich das gar nicht so gemerkt, da habe ich auch noch etwas anderes gegessen. So richtig los ging es mit dem Einkaufen, als ich auf einmal anfing, Kalorien zu zählen. Es gab kein Produkt, bei dem ich nicht auf die Werte auf der Verpackung geschaut habe. Das war damals normal für mich. Der Einkauf dauerte dann natürlich länger. Das hat mich innerlich auch wahnsinnig gemacht, wenn du merkst, dass du jetzt seit zehn Minuten auf demselben Fleck im Supermarkt stehst. Meine Kumpels waren da schon zwei mal durch, und ich konnte mich immer noch nicht entscheiden, was ich will.

ONETZ: Sie bezeichneten das als "Gedankenkrieg".

Manuel Meier: Ja. Das war von Anfang bis Ende eine der Hauptbelastungen, dass sich wirklich alles um das Thema dreht. Du kannst da an nichts anderes mehr denken, weil das immer so präsent ist. Ich habe immer an Essen gedacht, aber an das, was ich nicht essen will und darf. Ich habe mich komplett selbst eingeschränkt, meinen Körper ausgequetscht wie einen Gefangenen in Guantanamo Bay.

ONETZ: Wie war es beim Essen?

Manuel Meier: Mir ist total die Lust am Essen vergangen. Früher war mir das gemeinsame Essen mit meiner Mum heilig. Selbst beim Skaten bin ich damals immer heim, habe mit ihr gegessen und bin dann wieder zurück. Alleine war das dann halt wurscht. Mir machte es keinen Spaß, alleine zu kochen oder zu essen.

ONETZ: Wie haben Sie sich in dieser Zeit gefühlt?

Manuel Meier: Minderwertig. Gerade als die ersten unangenehmen Aktionen kamen, die Kühlschrankplünderungen. Das ist natürlich kacke, da fühlt man sich total mies. Das pusht das Ego jetzt nicht.

ONETZ: Ihrem Körper tat das auch nicht gut.

Manuel Meier: Ich wurde natürlich auch körperlich immer weniger. Irgendwann wog ich nur noch 49 Kilo – bei einer Größe von 1,82 Metern. Da hast halt alles gesehen. Ich hatte Stangerlarme, keine Muskeln. Zu dem Zeitpunkt war mir bewusst, dass das nicht mehr normal ist, aber im selben Moment war es mir auch wurscht.

ONETZ: Warum war Ihnen das egal?

Manuel Meier: Ich habe das körperlich nicht gemerkt. Ich habe mich komischerweise nicht schwach gefühlt. Ich habe damals auch sauviel Sport gemacht. Das war für mich auch immer eine Ausrede, zu sagen: Passt ja alles, mein Körper macht ja mit. Die Leute sagten mir immer, dass ich bekifft wirke. Mir fehlte halt total der Punkt, an dem ich Hunger spürte. Dass ich jetzt was brauche, weil ich am abkacken bin. Das habe ich damals aber nicht gemerkt, weil das Gefühl bei mir Standard war.

ONETZ: Erzählen Sie von Ihren Fressattacken.

Manuel Meier: Das waren auf jeden Fall die Tiefpunkte. Die tauchten dann unkontrolliert auf, wenn ich woanders war, bei einem Kumpel, auf Konzerten, bei denen wir vor Ort übernachteten. Im Rausch plünderte ich die Kühlschränke, aß Süßigkeiten, gefrorene Kücheln oder Tomatenmark. Am nächsten Tag hatte ich Schuldgefühle, auch meinem Körper gegenüber. Ich musste dann raus, laufen, alles wieder loswerden.

ONETZ: Sie sprechen auch über das Phänomen "Chewing and Spitting". Wenn man Lebensmittel nur kaut und dann ausspuckt.

Manuel Meier: Es ist etwas, dass ich heute selber nicht verstehen kann. Dass ich die Süßigkeiten, die Schokolade gekauft habe, in dem Wissen, dass ich sie nicht herunter schlucken werde. Das ging dann total weg von meinem Sparzwang – ich hätte das Geld ja auch fürs Fenster raus werfen können. Man hat ja auch nichts davon, nur diesen einen Kick. Der hat sich aber wie ein Feuerwerk im Mund angefühlt. Da habe ich Sachen geschmeckt, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr geschmeckt habe.

ONETZ: Aber ...

Manuel Meier: ... dann spuckte ich das Zeug in einen Eimer. Das ist saukacke. Da verlierst du auch die Achtung vor dir selbst. Da registrierst du, dass du echt ein Problem hast. Aber du machst es immer wieder. Das ist ja das Tragische. Manchen geht das schon seit 15, 20 Jahren so. Da habe ich es mit meinen dreieinhalb Jahren noch gut erwischt.

ONETZ: Der Wendepunkt war eine Fressattacke bei Ihrem besten Kumpel und Bandkollegen. Was war da anders?

Manuel Meier: Basti wohnte damals mit seiner Oma in einem Haus. Er oben, sie unten. Ich habe dann den Kühlschrank von der Oma geplündert. Ich hinterließ eine Spur der Verwüstung. Basti sagte dann, dass es so nicht mehr geht, dass er es nicht mehr packt. Er brauchte Abstand, sagte die nächsten Konzerte ab. Das war der wichtigste Moment, um zu checken: Jetzt muss ich was ändern. Ich hatte Angst, meinen besten Kumpel, meine Band, die Musik zu verlieren. Klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber das Musik-Ding ist halt mein Leben. Und das stand da auf der Kippe. Ich weiß nicht, wie es dann mit mir weitergelaufen wäre.

ONETZ: Dann haben Sie "Essstörung Regensburg" gegoogelt?

Manuel Meier: Und die Beratungsstelle "Waagnis" gefunden. Meine Therapeutin war ein Glücksfall. Die Gespräche mit ihr haben mir so viel gebracht. Alleine, dass du es jemanden sagst, den du nicht kennst, der dir aber auch Sachen zurückwirft. Der Weg zurück in die Normalität dauerte aber. Ich bekam Hausaufgaben, musste Schritt für Schritt lernen, wieder zu essen. Statt drei Löffel Müsli nahm ich dann fünf, einen Tag später sieben.

ONETZ: Wie geht es Ihnen heute?

Manuel Meier: Gut. Ich ernähre mich wieder wie vorher. Ich schaue schon noch darauf, was ich esse, denke aber nicht mehr viel darüber nach. Und wenn es ab und zu eine Pizza gibt, ist das voll okay. Früher hätte ich stundenlang darüber nachgedacht. Jetzt wird das einfach gegessen.

Mehr zur "Waagnis", Beratungsstelle für Essstörungen

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Verlosung:

Wir verlosen ein "Manuel Meier"-Fan-Paket mit einer Schallplatte seiner Band Ohrange und die CD "Wave" seines Soloprojekts. Rufen Sie an unter 01378/803210* und nennen das Stichwort "Ohrange" + Ihren Namen, Adresse und Ihre Telefonnummer, oder schicken Sie eine SMS an 32223** mit dem Stichwort "Ohrange" + Lösungswort, Ihrem Namen, Adresse und Telefonnummer. Beginn ist Donnerstag, Teilnahmeschluss ist Montag, 22. März 2021, um 9.00 Uhr. Der Gewinner wird von uns benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

*Telemedia Interactive GmbH; pro Anruf 50 ct aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunk teurer.

**SMS an die Kurzwahl 3223 (Telemedia Interactive GmbH); 49 ct/SMS, TD1 inkl. Transportkosten. / Datenschutz unter www.onetz.de/teilnahmebedingungen.

Zur Person:

Manuel Meier

  • Aufgewachsen in Bad Abbach, lebt seit vielen Jahren in Regensburg, wo er auch als Erzieher arbeitet
  • Gründete 2009 mit seinem besten Kumpel Sebastian "Basti" Schierlinger die Band Ohrange; Meier schreibt Songs, singt und spielt Gitarre
  • 2020 startet er sein englischsprachiges Solo-Projekt "Mnl"
  • Moderiert einmal im Monat bei dem lokalen Online-Radio Ghost-Town
  • Produziert seit Ende 2020 den Podcast "Magerquark & Birne" über seine Essstörung. Mittlerweile gibt es 13 Folgen, mehr als 3000 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hören zu. In vielen Zuschriften wird er um Rat gefragt
  • Im März 2021 brachte er seinen eigenen Kaffee heraus: "El Mundo" entstand mit der Regensburger Rösterei Rehorik

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