19.08.2020 - 08:48 Uhr
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Christian F. hat Maria Baumer vergraben

Paukenschlag im Mordprozess um Maria Baumer: Am 13. Verhandlungstag hat der Angeklagte Christian F. über seinen Verteidiger eingeräumt, dass er seine damalige Verlobte im Wald vergraben hat. Mit ihrem Tod habe er aber nichts zu tun.

Der Angeklagte (Mitte) mit seinen Pflichtverteidigern (von rechts) Michael Haizmann und Johannes Büttner sowie seinem Wahlverteidiger Michael Euler (hinten, links).
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Vor dem Landgericht Regensburg hatte sich am Dienstagmorgen eine Traube von Menschen gebildet, die alle einen der durch Corona reduzierten Besucherplätze im Sitzungssaal 104 ergattern wollten. Die Spannung vor der von F.s Anwalt Michael Euler angekündigten Stellungnahme war groß. Bislang hatte der 35-jährige F. geschwiegen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Maria Baumer mit einem Medikamentenmix ermordet und im Wald verscharrt zu haben.

Letzteres gab F. nun erstmals zu. Über eine Erklärung, die Euler vorlas, gestand er, dass er Marias Körper in der Nacht vom 26. auf 27. Mai 2012 in einem Waldstück bei Bernhardswald (Kreis Regensburg) vergrub. Er habe seine damals 26-jährige Verlobte aber nicht vorsätzlich getötet, sondern sie am Morgen leblos im Bett vorgefunden. Neben ihr seien auf dem Nachttisch Tabletten gelegen.

Den Abend zuvor hätten Maria und er auf dem Reiterhof seines Bruders in Bernhardswald verbracht. Gegen Mitternacht seien sie zurück in der Regensburger Wohnung gewesen. Maria habe vor dem Schlafengehen über Bauch- und Rückenschmerzen geklagt und Medikamente genommen. Am nächsten Morgen sei ihm aufgefallen, dass Maria sehr blass im Bett lag. Sie habe sich kalt angefühlt. Einen Puls habe er nicht mehr fühlen können.

Kurzschlussreaktion

Was dann angeblich folgte, sei eine „Kurzschlussreaktion“ gewesen, sagte Anwalt Euler. Christian F., der als Krankenpfleger arbeitete und Medizin studierte, sei sich im Klaren gewesen, dass es für ihn Konsequenzen hätte, wenn herauskäme, dass er die Tabletten aus dem Bezirksklinikum Regensburg, wo er arbeitete, gestohlen hatte. Seit Beginn des Jahres 2012 habe er Maria mit Medikamenten aus dem Bezirksklinikum versorgt, mit Tramadol gegen Regelschmerzen und Lorazepam gegen depressive Verstimmungen. Er habe Angst gehabt, seinen Job zu verlieren.

Um Marias Verschwinden zu erklären, sei es ihm am plausibelsten erschienen, vorzugeben, dass seine Verlobte eine Auszeit nehmen wolle. Anrufe und Facebook-Nachrichten von Maria, in denen sie erklärte, auf dem Weg nach Hamburg zu sein, habe er gegenüber Marias Familie vorgetäuscht. Als es dunkel wurde, habe er sie, in eine Decke gewickelt, zum Auto vor der Wohnung gebracht. Gegen 23 Uhr sei er zum Kreuther Forst gefahren, habe in einer Lichtung ein Loch gegraben, Marias Nachthemd ausgezogen, ihren Verlobungsring abgestreift, sie in die Grube gelegt und Zement über die Leiche geschüttet. Im Wald vergessen habe er am Ende den Spaten, den er benutzt hatte.

Über Anwalt Euler entschuldigte sich F. bei Marias Familie. Die Eltern und die Zwillingsschwester von Maria Baumer, die im Prozess als Nebenkläger auftreten, nahmen die Stellungnahme regungslos zur Kenntnis, die Mutter wischte sich einmal über die Augen. Einige Zuhörer schüttelten den Kopf. Staatsanwalt Thomas Rauscher zeigte sich empört. Es sei „grenzenlos pietätlos“, Maria Baumer die Schuld für ihren Tod zuzuschieben. Anwältin Ricarda Lang, die die Familie Baumer vertritt, sagte, die Beweisaufnahme habe das Gegenteil von dem ergeben, was Euler vortrug.

Unter anderem belastet den Angeklagten, dass er kurz vor Marias Verschwinden nach verschiedenen Tötungsmethoden gegoogelt hatte, darunter „Lorazepam letale Dosis“. Genau dieses Medikament wurde später in den sterblichen Überresten von Maria Baumer festgestellt. Anwalt Euler erklärte die Google-Suchen mit einem Interesse des Angeklagten für Kriminalromane. Außerdem habe er sich bei der Arbeit am Bezirksklinikum damit beschäftigt, dass Patienten sich mit Medikamenten das Leben nehmen könnten. Den Spaten, den er in der Woche vor Marias Verschwinden kaufte, habe er für Gartenarbeiten gebraucht.

"Moralisch verwerflich, strafrechtlich nicht relevant"

Gegenüber Journalisten sagte Euler nach der Verhandlung, was F. getan habe, sei moralisch sehr verwerflich, aber strafrechtlich nicht relevant. Er strebe weiterhin einen Freispruch an. In seiner Einlassung hatte Euler angekündigt, dass F. bereit sei, weitere Fragen des Gerichts schriftlich zu beantworten. Außerdem stelle er sich einer Befragung der psychiatrischen Sachverständigen, die ein Gutachten über ihn erstellen soll. Bislang hatte er das verweigert. Aufhorchen ließ ein Satz am Ende der Einlassung: F. werde nicht darauf antworten, wer ihm beim Vergraben der Leiche geholfen habe, sagte Euler. Dass er dabei Hilfe gehabt haben könnte, war bislang nicht Thema in der mündlichen Verhandlung.

Weitere Zeugenbefragungen ergaben am Dienstag, dass F. nicht nur am Tag von Marias Verschwinden Nachrichten im Internet manipuliert hat. Ein früherer Bekannter, wie F. ein ehemaliger Gymnasiast der Domspatzen, trat als Zeuge auf. F. war 2016 verurteilt worden, weil er den deutlich jüngeren Domspatz mehrfach missbraucht hatte. Das heute 27-jährige Opfer erklärte, er habe in einem Online-Spiel regelmäßig mit F. und zwei Mädchen gechattet. Dabei sei es auch um das Thema Sex gegangen. Später habe sich herausgestellt, dass es die beiden Mädchen gar nicht gab und F. ihre Nachrichten erstellt hatte.

Und noch ein weiteres Opfer erhielt gefälschte Nachrichten von dem Krankenpfleger. Die Patientin des Bezirksklinikums, in die sich F. verliebt hatte – und deretwegen er aus Sicht der Staatsanwaltschaft Maria Baumer umgebracht hat – chattete über Monate hinweg auf Englisch mit „Matt“ aus New York. Auch hinter diesem Chatpartner verbarg sich F., wie die Polizei feststellte.

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