07.05.2020 - 09:28 Uhr
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Einfach atmen: Das Tagebuch eines Corona-Patienten

Es beginnt mit einem Kratzen im Hals und endet mit starker Atemnot in einer Lungenklinik. Jakob ist 26 Jahre alt und hatte Corona. Sein Virus-Tagebuch.

Ein Straubinger beschreibt in einem Tagebuch seinen Corona-Krankheitsverlauf. Er musste stationär behandelt werden und bekam zusätzlichen Sauerstoff mit einem Schlauch verabreicht. Im Bild ein Intensivbett der Klinik in Rostock.
von Redaktion ONETZProfil

Von Florian Wende

Samstag, 14. März

Jakob (alle Namen von der Redaktion geändert) ist bei einem Spieleabend in der WG seines Bruders. Alle Personen, die da waren, wird Jakob wenige Tage später melden müssen. Er könnte sie mit Corona angesteckt haben.

Tag 1 – Montag, 16. März

Es kratzt im Hals, Jakob bekommt Husten. Doch er denkt sich nicht viel dabei. Über den Tag wird es schlechter. Er ist verschleimt und bekommt Gliederschmerzen.

In Bayern sind die Schulen den ersten Tag geschlossen, in Deutschland gibt es gut 9 000 bestätigte Corona-Erkrankte. Jakob wird bald dazugehören.

Tag 4 – Donnerstag, 19. März

Die vergangenen Tage hat Jakob im Bett verbracht. Er isst wenig, trinkt viel Tee und fühlt sich schlapp. Nun kommt das Fieber. Es steigt auf über 39 Grad. In der Nacht schwitzt Jakob stark. Der 26-Jährige wohnt mit seiner Freundin Marie zusammen in Regensburg. Die beiden gehen auf Abstand. Schwierig in einer Wohnung, die nur 50 Quadratmeter groß ist. Jakob schläft ab sofort im Wohnzimmer.

Tag 5 – Freitag, 20. März

In der Nacht bekommt Jakob schlecht Luft: „Ich habe geschnauft, geschnauft, geschnauft. Aber es hat einfach nicht gereicht.“ Um drei Uhr steht Marie bei ihm im Wohnzimmer. Sie hat Angst, dass Jakob erstickt.

Jakob verfolgt Corona schon länger in den Medien. Er überlegt, ob er sich infiziert haben könnte. Die Symptome passen. Er möchte sich testen lassen und ruft Ärzte in Regensburg an. Sie verweisen ihn an den ärztlichen Notdienst. Dort wird er gefragt, ob er in einem Risikogebiet war oder mit einem Infizierten Kontakt hatte. Beides verneint er. Er schildert,

dass er sehr schlecht Luft bekommt. Doch Jakob wird nicht getestet. Er ist mit 26 Jahren nicht in der Risikogruppe, soll daheim bleiben und sich auskurieren. Jakob will das nicht wahrhaben, er sucht Hilfe. Ihm fällt sein früherer Hausarzt aus dem Landkreis Straubing-Bogen ein. Ohne große Hoffnung ruft er ihn an. Doch der ist bereit, Jakob zu testen.

Tag 8 – Montag, 23. März

Marie fährt Jakob am Morgen auf einen Parkplatz. Der Treffpunkt mit Jakobs früherem Hausarzt. Dieser erscheint in voller Schutzmontur und macht einen Abstrich.

Seit Samstag gelten in Bayern Ausgangsbeschränkungen,

in Deutschland gibt es über 33 000 Corona-Erkrankte.

Tag 10 – Mittwoch, 25. März

Das Ergebnis ist da und damit die Gewissheit: Jakob hat Corona. Er meldet alle Personen, mit denen er seit zwei Tagen vor seinen ersten Symptomen Kontakt hatte.

Das Atmen fällt Jakob immer schwerer, er lässt sich ins Krankenhaus bringen. Im Uniklinikum Regensburg entdecken die Ärzte, dass seine Lunge von Corona befallen ist. Sie stellen acht kleine Lungenentzündungen fest. Jakobs Sauerstoffsättigung im Blut liegt bei nur 90 Prozent. Eine Ärztin sagt ihm später, das sei das Level eines 85-Jährigen. Bei Gesunden liegt der Wert meist zwischen 97 und 100 Prozent. Von da an bekommt Jakob über einen Schlauch zusätzlichen Sauerstoff durch die Nase. Beatmet werden muss er nicht.

Gegen 21 Uhr wird Jakob nach Donaustauf gefahren. Die dortige Klinik ist auf Lungenkrankheiten spezialisiert.

Tag 11 – Donnerstag, 26. März

Jakob bekommt die ersten Tage in Donaustauf wenig mit: Er ist kaputt. Immer wieder wird ihm Blut abgenommen, Tests werden gemacht, Ärzte besuchen ihn. Und Jakob schläft viel. „Das war alles ein wenig verschwommen und mir ist es wirklich dreckig gegangen“, sagt er.

Marie zeigt erste Corona-Symptome: Sie fühlt sich schlapp und hat Halsweh.

Eine junge Frau aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach erzählt von einer schweren Zeit Sie war an Covid-19 erkrankt:

Amberg

Tag 12 – Freitag, 27. März

In der Nacht wird Jakob wach. Sein T-Shirt ist durchgeschwitzt, er friert. Jakob setzt sich auf, will sein Oberteil wechseln. Er muss husten – und es hört nicht mehr auf. Er versucht, den Reiz zu unterdrücken und zu atmen. Doch er merkt, wie er immer weniger Luft bekommt. Er kippt nach vorne und hofft, so leichter atmen zu können. Aber es wird nicht besser. Und: In seiner Position kann Jakob den Knopf nicht mehr erreichen, um Hilfe zu rufen. Er zittert und hat Angst: „Ich habe gewimmert und wusste nicht, ob das noch mal gut wird.“ Sein Zimmernachbar ruft einen Pfleger. Der kann Jakob beruhigen. Mit einer Atemübung bekommt er wieder Luft und schläft innerhalb von Sekunden ein.

Tag 13 – Samstag, 28. März

Auf einem Stuhl sitzend duscht Jakob das erste Mal im Krankenhaus. Zum Stehen fehlt ihm die Kraft. „Danach musste ich mich aufs Bett setzen und habe Schweißausbrüche bekommen.“ Ihm ist schwindlig. Doch nun geht es bergauf. In den Nächten muss Jakob nicht mehr schwitzen.

In Deutschland gibt es gut 60 000 Corona-Erkrankte.

Tag 15 – Montag, 30. März

Die Tage im Krankenhaus sind lang. Jakob klappt zur Abwechslung zum ersten Mal seinen Laptop auf. Er schaut eine Netflix-Serie. Nach einer halben Stunde muss er aber aufhören. „Das war so anstrengend.“

Besuche darf Jakob nicht empfangen, aber Angehörige dürfen etwas liefern. Jakobs Bruder bringt in den nächsten Tagen Gyros aus seinem Heimatdorf. Doch dieses Mal schmeckt es ihm nicht besonders. Er hat keinen Appetit: „Die können dir das beste Essen hinstellen, es schmeckt wie Tapete.“ Er bringt im Klinikum nur wenig runter. Gerade mal so viel, dass das Bauchknurren aufhört. Insgesamt nimmt Jakob acht Kilo ab. Das Gyros ist für Jakob aber ein Stück Normalität.

Tag 17 – Mittwoch, 1. April

Gute Nachrichten: Maries Symptome sind weg. Sie wird sich später testen lassen und erfahren, dass es auch bei ihr Corona war, die Infektion jedoch glimpflich verlaufen ist. Auch Jakob macht Fortschritte, er fühlt sich langsam besser. Vom Klinikum erhält er Gummibänder, mit denen er sich dehnen kann. Denn das Zimmer darf er nicht verlassen.

Tag 18 – Donnerstag, 2. April

Jakobs Zimmernachbar wird entlassen. Er ist 61 Jahre alt, sein Nachfolger wird ein 63-Jähriger sein. Jakob ist der jüngste Patient in Donaustauf und will auch endlich raus.

Er macht sich selbst Druck: „Jeder weitere Tag war schwierig. Aus dem Krankenhaus rauszukommen, war für mich das Zeichen, dass ich das Gröbste überstanden habe.“

Tag 20 – Samstag, 4. April

Endlich, Jakob darf heim. Seit gestern braucht er keinen zusätzlichen Sauerstoff mehr. Seine Quarantäne beginnt.

Tag 22 – Montag, 6. April

Die Tage zuhause sind für Jakob nicht schlimm: „Ich war einfach so froh, daheim zu sein und mal wieder was anderes zu sehen.“ Mit seinen Freunden zockt er online auf der Playstation und hat so endlich wieder Kontakt zu ihnen.

In Deutschland gibt es über 100 000 Corona-Erkrankte.

Tag 25 – Donnerstag, 9. April

Jakob liest, schaut Netflix-Serien, zockt auf der Playstation oder schläft. Er braucht Erholung, die Tage vergehen zügig.

Tag 36 – Montag, 20. April

Die Quarantäne ist seit Samstag vorbei. Jakob geht mit Marie spazieren. Er wird immer noch schnell schlapp. Nach einer halben Stunde ist er erledigt: „Das fühlt sich an, als wäre ich einen Marathon gelaufen.“ Das wird noch eine Weile so weitergehen. Aber jeden Tag wird es besser.

Tag 39 – Donnerstag, 23. April

Jakob hat einen Termin bei seinem Hausarzt. Seine Entzündungswerte sind gut. Er ist weiter krankgeschrieben.

Nachtrag – Mittwoch, 29. April

Corona ist für Jakob weitestgehend erledigt. Das Virus hat ihn sechs Wochen lang beschäftigt. Wichtig ist ihm, zu sagen, wie froh er ist, dass ihn sein Hausarzt getestet hat. Und wie gut sich die Pfleger und Ärzte in Donaustauf um ihn gekümmert haben. Jakob möchte nun anderen Infizierten helfen und hat sich als Spender für Blutplasma eingetragen. Zurzeit wartet er auf das Erstgespräch.

In Deutschland gibt es rund 160 000 Corona-Fälle, darunter gut 120 000 Genesene. Jakob ist einer davon.

Quellen der Corona-Fallzahlen: Robert-Koch-Institut, Johns Hopkins University,

Stand: 29. April 2020, 17 Uhr

Die Beschränkungen in Bayern werden stückweise gelockert. Wann genau zeigt unser Zeistrahl.

Oberpfalz
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Maria Estl

Bei diesem Bericht kann einem der Atem stocken. Nichts zeigt die Konsequenzen der Pandemie stärker auf als ein authentischer Bericht über die eigenen Erfahrungen. Die Qualen, die Jakob durchgemacht hat sollten jedem, der meint, Corona gehe ihn nichts an, die Augen öffnen. Hoffentlich trägt der Bericht dazu bei.

08.05.2020