04.03.2021 - 00:03 Uhr
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Die Eltern müde, das Baby hellwach: Schlafstörungen in den Griff kriegen

Ein Lied, ein Bussi – und schon schlummert das Kind ein. Diese Idealvorstellung entspricht oft nicht der Realität. Teils zieht sich das Bettbring-Ritual über Stunden hin, teils wacht das Baby nachts stündlich auf. Eine Expertin gibt Tipps.

Schreit ein Baby nachts oft und lange, stresst und besorgt das die Eltern. Aber es gibt Hilfe.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Eltern von Babys und Kleinkindern sind oft übermüdet. Was können sie tun, damit ihre Kinder abends besser einschlafen?

Wenn Kinder schlecht einschlafen, kann das vielfältige Gründe haben, sagt Kathrin Bachmann, die in Regensburg als zertifizierter Schlafcoach für Babys und Kleinkinder arbeitet. Am Abend sollte nicht mehr zu viel Action geboten sein, die Reize sollten reduziert werden, empfiehlt sie. Das Kind brauche dann die Nähe und Aufmerksamkeit der Eltern. Wichtig sei es, den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Wenn das Kind bereits übermüdet ist, falle es ihm oft schwer, zur Ruhe zu kommen. Wenn es tagsüber zu viel geschlafen hat, sei vielleicht einfach noch nicht genug Schlafdruck da.

Manche Kinder wachen nach wenigen Stunden wieder auf, teils mehrmals pro Nacht. Was gibt es hier für Tipps?

Auch hier müsse man genau hinschauen, sagt Bachmann. Wenn das Kind sehr schnell einschläft, sei es eventuell schon übermüdet gewesen und gestresst eingeschlafen – nach ein paar Stunden wache es dann wieder auf. Oder das Kind hat tagsüber so viel oder zu spät geschlafen, dass es abends wieder nur ein Nickerchen macht – und dann wieder aktiv sein will. Oft hole ein Kind in der Nacht aber auch ein Bedürfnis nach, das am Tag zu kurz kam.

Wie viel Schlaf benötigen Babys beziehungsweise Kleinkinder überhaupt?

Neugeborene schlafen mindestens 16 Stunden pro Tag, erklärt die Expertin. Wenn Babys ein halbes Jahr alt sind, verkürzt sich die Zeit auf etwa 12 bis 15 Stunden. Mit einem Jahr liegt die Schlafzeit bei 11 bis 14 Stunden, ab drei Jahren bei 10 bis 13 Stunden.

Kathrin Bachmann, zertifizierter Schlafcoach für Babys und Kleinkinder aus Regensburg.

Welche Rolle spielt beim Einschlafen, wie die Kinder den Tag erlebt haben?

Hilfreich ist ein vorhersehbarer Tagesrhythmus mit Routinen, Ritualen und Struktur, sagt Bachmann. Es sollte eine Balance zwischen Aktivitäten und Ruhezeiten gefunden werden. Wichtig sei auch, dem Kind tagsüber genügend Aufmerksamkeit und Nähe zu schenken – sonst nutzt es eben die Nacht, um das Defizit auszugleichen.

Babys werden von ihren Müttern häufig in den Schlaf gestillt. Wie kann das Einschlafen nach dem Abstillen klappen?

Für Bachmann ist Einschlafstillen „eine wunderbare Sache“. Um das spätere Abstillen zu erleichtern, empfiehlt sie, frühzeitig anzufangen, das Baby auch mal auf andere Weise einschlafen zu lassen. Das könne in der Trage, im Kinderwagen oder auf dem Arm passieren – gerne auch beim Papa, bei dem das Kind nicht nach der Milch sucht.

Kann ein Schnuller helfen?

Wenn es um das Saugbedürfnis geht, kann ein Schnuller sehr wohl helfen, sagt Bachmann. Die Wärme und Zuwendung der Eltern könne er aber nicht ersetzen. Das Kind im Arm zu halten und einen Schnuller anzubieten, sei beim Abstillen eine Möglichkeit, die funktionieren kann.

Der Ratgeber „Jedes Kind kann schlafen lernen" ist ein Klassiker, zu dem nicht wenige verzweifelte Eltern greifen. Das Buch ist aber umstritten, weil die darin vorgestellte Methode verlangt, das Kind auch mal schreien zu lassen. Zu Recht?

Bachmann sieht die Methode, die auf den amerikanischen Kinderarzt Richard Ferber zurückgeht, „extrem kritisch“. Die Kinder sollen dabei lernen, alleine in ihrem Bettchen ein- und durchzuschlafen. Die Eltern sollen dafür nach einem Einschlafritual wie einem Gute-Nacht-Lied den Raum verlassen. Fängt das Kind zu weinen an, sollen die Eltern wieder in den Raum gehen, das Kind mit Worten und Streicheln kurz trösten und dann wieder das Zimmer verlassen. Das sollen die Eltern – in festgelegten Minutenabständen – so lange wiederholen, bis das Kind schläft. „Die Kinder lernen so nicht, einzuschlafen, sondern resignieren“, sagt Bachmann. Sie würden irgendwann aufhören zu weinen, um Energie zu sparen und vor Erschöpfung einschlafen – ihre Bedürfnisse würden aber nicht gestillt.

Wo sollen Babys beziehungsweise Kleinkinder am besten schlafen?

Im ersten Lebensjahr, mindestens aber in den ersten sechs Monaten sollen Babys im Elternzimmer schlafen, entweder im Elternbett oder in einem Zustellbett, sagt die Expertin. Um dem Plötzlichen Kindstod vorzubeugen, sollte das Baby auf einer festen Unterlage liegen, ohne Ritzen, Kissen und Decken, unter die das Baby rutschen könnte. Später könne das Kind auch im eigenen Zimmer schlafen. Das biete sich insbesondere an, wenn die Eltern einen leichten Schlaf haben und sonst nicht zur Ruhe kommen – oder wenn zum Beispiel der Vater früh zur Arbeit muss und das Kind beim Aufstehen aufwecken würde.

Im Kleinkindalter kommen oft Ängste vor Monstern oder anderen unheimlichen Wesen in der dunklen Nacht auf. Wie sollten sich Eltern dann verhalten?

Dabei handelt es sich um die „magische Phase“, die mit etwa drei Jahren beginnt und in der die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen, sagt Bachmann. Eltern sollten das nicht als Hirngespinste abtun, sondern die Ängste der Kinder ernst nehmen. Sie könnten zum Beispiel zusammen mit den Kindern überlegen, wie man die Monster am besten austrickst und vertreibt.

Ab wann sollten sich Eltern Hilfe holen, wenn ihr Kind schlecht ein- oder durchschläft?

Ein Alarmzeichen ist es, wenn die Familie beginnt, unter den Schlafumständen des Kindes extrem zu leiden, und sich der Alltag nur noch um das Thema Schlaf dreht, sagt Bachmann. Spätestens dann sollten sich die Eltern Hilfe holen. „Der Blick von außen kann sehr hilfreich sein.“

Wie läuft ein Schlafcoaching ab?

Zunächst führen die Eltern für eine Woche ein Protokoll über die Schlafenszeiten des Kindes und den Tagesablauf. Daraus erstellt Bachmann eine Schlafanalyse, die in einem ausführlichen Gesprächstermin mit den Eltern besprochen wird. In einer dritten Phase beginnt das eigentliche Coaching, in dem mit Blick auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder versucht wird, die Schlafsituation zu verändern. Dazu kann ein Hausbesuch gehören, bei dem die Expertin die Einschlafsituation beobachtet. Aktuell geschieht das wegen der Corona-Pandemie per Videochat.

Hat die aktuelle Corona-Pandemie Auswirkungen auf den Schlaf von kleinen Kindern?

Durch Kitaschließungen und andere Einschränkungen hat sich der Alltag vieler Kinder stark verändert, sagt Bachmann. Es fehle an der Routine und dem Kontakt mit anderen Kindern. Das könne sich negativ auf den Schlaf auswirken. Außerdem erzählt die Expertin, dass nun vermehrt Mütter Hilfe suchen, die während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 entbunden haben und über Schlafprobleme ihrer Kinder klagen. Die Mütter seien damals im Kreißsaal und später im Wochenbett oft sehr isoliert gewesen, das Kind sei von Anfang an mit Stress konfrontiert gewesen – das wirke sich teils noch heute aus.

Rituale sollen Babys beim Einschlafen helfen

Kemnath
Hintergrund:

Zur Person: Kathrin Bachmann

Vor fünf Jahren war Kathrin Bachmann ähnlich verzweifelt wie die Eltern, die sie heute betreut. Ihre Tochter schlief im ersten Lebensjahr sehr schlecht. „Ich war ständig müde, ich fühlte mich gestresst und ich konnte die gemeinsame Zeit mit meiner Tochter manchmal gar nicht richtig genießen, weil meine Gedanken fast nur noch um das Thema Schlaf kreisten“, sagt die 40-Jährige, die zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Regensburg lebt. Auch nachdem sich die Schlafprobleme in ihrer Familie gelegt hatten, ließ Bachmann das Thema nicht los. Sie beschloss, sich beruflich neu zu orientieren und entschied sich für eine Ausbildung bei der deutschen Schlafcoaching-Pionierin Bianca Niermann. Kathrin Bachmann ist der einzige zertifizierte Schlafcoach für Säuglinge und Kleinkinder in Ostbayern. Von Regensburg aus unterstützt sie Familien in ganz Deutschland.

 

 

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