18.01.2019 - 14:13 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Frauen haben die Wahl

Gut zwei Monate nach Ende des Ersten Weltkriegs, am 19. Januar 1919, wurde die Verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt. Erstmals − nach langem Kampf − durften dabei reichsweit auch Frauen wählen und gewählt werden.

Seit mittlerweile 15 Jahren gibt es den LOhrBär-Verlag. Mit viel Liebe und Hingabe produzieren Gründer Dieter Lohr und seine Lebensgefährtin, die Schriftstellerin Angela Kreuz, „im Schnitt jedes Jahr“ ein Hörbuch – und zwar in ihrem Ministudio in ihrer Altstadtwohnung. Vor zwei Jahren wurde die beiden dafür mit dem Bayerischen Kleinverlagepreis ausgezeichnet.
von Peter GeigerProfil

Der Regensburger LOhrBär-Verlag hat aus diesem Anlass das Hörbuch „Frauen. Wahl. Recht.“ veröffentlicht. Aus diesem Grund laden Dieter Lohr und Angela Kreuz, die Köpfe hinter LOhrBär, am Samstag, 19. Januar (19.30 Uhr) in die Stadtbücherei Regensburg (Haidplatz 8) zur „Wahlparty“ ein. Die Kulturredaktion hat sich mit Dieter Lohr über dieses besondere Hörbuchprojekt unterhalten.

ONETZ: Erteilen Sie uns doch bitte ein bisschen Nachhilfe in Geschichte: Eingeführt wurde das Frauenwahlrecht ja bereits am 12. November 1918. Aber was war der Anlass für diesen Meilenstein?

Dieter Lohr:: Eigentlich muss man noch ein bisschen weiter zurückgehen: Engagierte Frauen kämpften ja schon seit den 1840er Jahren dafür, auch wählen zu dürfen. Da ist beispielsweise der Name Fanny Lewald wichtig – sie war die erste, die das gefordert hat. Sie war aber der Ansicht, dass Frauen sich erst beweisen müssen und sich gesellschaftliche Meriten verdienen müssen. Dann käme der Rest in Gestalt des Wahlrechts von selber. Hedwig Dohm dagegen sagte eine knappe Generation später: Wahlrecht – das ist ein Menschenrecht! Und auch die SPD hat schon in ihrem Erfurter Programm von 1891 das Frauenwahlrecht gefordert.

ONETZ: Das war jetzt sehr viel Vorgeschichte – aber wie kam es dann zur Umsetzung?

Im Ersten Weltkrieg, da ist dann vieles zusammengekommen. Frauen bildeten die sogenannte Heimatfront, leisteten wertvolle Arbeit und erhielten den Betrieb aufrecht, während die Männer im Feld Krieg führten oder dort fielen. So dass dann am Kriegsende – Stichwort Revolution – mit der Absetzung des Kaisers, der Ausrufung der Republik und der faktischen Machtübernahme durch die Sozialdemokratie dieser Schritt hin zum Frauenwahlrecht eigentlich ein logischer war.

ONETZ: Trotzdem feiern wir erst an diesem Wochenende den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts – was hat es damit auf sich?

Beschlossen war das Frauenwahlrecht eben bereits im November vom Rat der Volksbeauftragten worden, unter Vorsitz des späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Seine Feuertaufe erfuhr es aber auf Reichsebene erst zur Wahl zur Verfassungsgebende Versammlung. Im neu geschaffenen Freistaat Bayern dagegen waren die Bürgerinnen schon eine Woche vorher aufgerufen, den Landtag zu wählen.

ONETZ: Wie aktuell ist in Ihren Augen das Thema: Ist das Frauenwahlrecht tatsächlich auch heute noch einer Diskussion und einer Auseinandersetzung wert? Oder ist die Selbstverständlichkeit so groß, dass es keiner Erörterung mehr bedarf?

Mir ist das auch erst kürzlich wieder bewusst geworden, wie erschreckend die Situation im Augenblick eigentlich ist. Während bis zuletzt der Frauenanteil in Parlamenten seit Gründung der Bundesrepublik stetig gestiegen war, erleben wir ja im Augenblick so etwas wie einen konservativen Rollback. Im neu gewählten Bayerischen Landtag liegt der Anteil mit 26,8 Prozent nur noch etwas über einem Viertel! Bei der AfD und bei der FDP ist er sogar verschwindend gering. Aber das Problem kommt gesellschaftlich natürlich auch durch Zuwanderung zustande und durch die Frage, welche Teilhabe an der Politik die Frau beispielsweise in arabischen Ländern hat. Ja, bis vor kurzem hätte ich das Thema auch als historisches empfunden. Man wird halt häufig im Leben eines schlechteren belehrt.

ONETZ: Wie bekommt man denn die Kurve – aus einem politischen Gedenktag, der normalerweise mit einem historischen Kalenderblatt abgefeiert wird, ein 79 Minuten Hörbuch zu machen?

Es gibt einfach viele Abhandlungen zum Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht. Aber uns hat vor allem dieser Tag interessiert. Was war da los? Als wir vor einigen Jahren unser Böhmen-Hörbuch produzierten, da hatten wir einen Beitrag über die Ausrufung der tschechischen Republik im November 1918. Leider haben wir kaum weibliche Augenzeugenberichte gefunden. Aber man darf nicht vergessen, was an den Tagen vor genau hundert Jahren los war: In Berlin wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht getötet, es gab Straßenschlachten, Plünderungen. Aber Beiträge von Minna Cauer und Gertrud Bäumer, die wir finden konnten, die widmen sich einer authentischen Schilderung von Kriegsende und den Zeitumständen.

ONETZ: Wo recherchiert man da, wie informiert man sich?

Man muss einfach in die Bibliotheken rennen und schauen! Wir – meine Partnerin Angela Kreuz und ich – haben nach Tagebüchern vor allem von Zeitgenossen gesucht. Dabei sind wir nicht nur bei Frauen fündig geworden, sondern auch bei Männern. Es gibt einen grandios verrutschten Text von Ludwig Langemann, der sich die Bekämpfung des Frauenstimmrechts zum Ziel gesetzt hat. Aber wir haben vor allem auch brillante Rhetorikerinnen gefunden, die auf herrlich kämpferische Weise für ihre Interessen eintreten.

ONETZ: Wenn Sie damit fertig sind: Verfassen Sie dann ein Skript …

In diesem Fall war‘s ein bisschen anders als sonst. Wir haben dieses Mal keine Erzählerstimme eingebaut, sondern setzen auf die Wirkmächtigkeit der Originaltexte. Als verbindendes Element haben wir uns von der Saxofonistin Gaby Wahlbrink Musik komponieren und einspielen lassen. Die Aufgabe des Erzählers hab‘ kurzerhand ich übernommen und alles Wichtige und Wissenswerte ins Booklet geschrieben.

ONETZ: … und laden sich Sprecher ein?

Genau – das machen wir eigentlich schon während der Textauswahl. In den 15 Jahren, in denen wir jetzt Hörbücher produzieren, haben wir mittlerweile mit so vielen Sprechern zusammengearbeitet, dass wir ganz genau wissen, welche Stimme zu welchem Temperament passt. Klar war, dass Eva Sixt die Hedwig Dohm sprechen muss. Und wir hatten auch wenig Zweifel daran, dass Michael Haake gut zu Thomas Mann passen müsste.

ONETZ: Wie hat man sich den Produktionsprozess vorzustellen? Sie arbeiten in Regensburg?

Das meiste entsteht bei uns in der Altstadtwohnung im Aufnahmezimmerchen. Man braucht ja nicht mehr als einen halbwegs schalltoten Raum, ein gutes Mikro und die entsprechende Software. Dieses Mal haben wir erstmals auch in einem Studio in Wiesbaden aufgenommen – dort war Angelika Wende und ich war mit meinem Handy per Skype verbunden. Sobald die Aufnahmen im Kasten sind, muss abgemischt werden, was ein ziemlich langwieriger Prozess ist, weil das zufälligerweise ich selber mache und ich wirklich am Ende eine extrem sauber polierte Version anbieten möchte.

Info:

Hörspiel

Der 19. Januar 1919 stellt für die deutsche Geschichte und die Frauenbewegung ein zentrales Datum dar, das die Geschichtsschreibung indes beiläufig nennt, aber nicht weiter ausführt. Angela Kreuz und Dieter Lohr spüren diesem Datum nach, das die ersehnte Erfüllung des Kampfes eines halben Jahrhunderts darstellte. Wie kam es zu dieser Wahl, wie sahen die zwei Monate zwischen dem Ende des ersten Weltkriegs und dieser Wahl aus, wie gestaltete sich der Wahlkampf, wie der Wahltag selbst, welche Hoffnungen und Ängste verbanden sich damit?

Texte von Fanny Lewald, Hedwig Dohm, Helene Lange, Constanze Hallgarten, Ina Seidel, Marianne Weber, Minna Cauer, Lida Gustava Heymann, Harry Graf Kessler, Gertrud Bäumer, Thomas Mann, Victor Klemperer, Käthe Kollwitz, Oskar Münster-berg, Ludwig Langemann, Marie Bernays und Marie Juchacz.

Gelesen von Gunna Wendt, Monika Manz, Eva Demski, Eva Sixt, Angelika Wende, Kira Bohn, Heike Ternes, Christin Alexandrow, Matthias Winter, Martin Hofer, Eva Ambrosius, Michael Haake, Bettina Schönenberg, Sofia Mindel, Kai Raecke, Ole Bosse und Doris Dubiel.

„Frauen. Wahl. Recht.“ (1 CD, 78 Minuten, 14,90 Euro).

www.lohrbaerverlag.de

Cover der Hörspiel-CD
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