23.04.2019 - 16:54 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Frauenporträts aus einer anderen Welt

Günther Kempf stellt in der Galerie Insinger in Pielenhofen-Distelhausen Geisha-Porträts mit dem Titel "Nous somme nous" aus.

Carolin-Sophie Ebeling führte das Publikum bei der Vernissage in das Schaffen Günter Kempfs ein. Der Maler stellt in Pielenhofen aus.
von Peter GeigerProfil

Im vorletzten Jahrhundert, als die schnellste Reise um den Erdball noch mindestens 80 Tage dauerte, da lag Japan einen guten Monat Schiffs- und Eisenbahnfahrt weit entfernt von Europa. Das versetzte Künstlerkreise so in Wallung, dass eine ganze Malergeneration von Manet über Monet hin zu van Gogh der Exotik der Unerreichbarkeit dieser ostasiatischen Inselgruppe im Gelben Meer erlag. Und im "Japonismus" schwelgte.

Insofern also könnte man meinen: Günther Kempf, der autodidaktisch geschulte Maler mit Wohnsitz in Regensburg, er wolle sich mit seinen Geisha-Porträts einreihen in eine solche Tradition. Aber da ist man beim Falschen gelandet. Spricht man den brummbärhaft wirkenden, gebürtigen Niederbayern bei der Vernissage in Carola Insingers Galerie in Pielenhofen-Distelhausen (Kreis Regensburg) an, so antwortet er ganz lapidar, dass ihm die Kunstgeschichte zwar bekannt, aber gleichzeitig herzlich egal sei. Er lasse sich eher von Oberflächenphänomenen faszinieren, von der "melancholischen Atmosphäre" etwa. Und dass Schriftbotschaften schon immer Teil der ästhetischen Konzeption japanischer Kunst gewesen seien.

Überhaupt: Dieser Günther Kempf macht kein großes Gewese um sein Schaffen. Vielmehr sei er froh, wenn er ein Thema gefunden habe, das ihn länger beschäftige, sagt er. Dann arbeite er schnell, um ja nicht die Lust daran zu verlieren. Denn die Langeweile lauere meist schon drohend am nächsten Eck. Aber die Geishas - in einem in München spielenden TV-Krimi habe er ein Porträt einer solchen "weiblichen Person der Künste" entdeckt - ihnen sei es nunmehr geglückt, ihn in den letzten Monaten zu fesseln. Je länger man mit ihm redet und seine Worte mit seinen Arbeiten vergleicht - umso mehr drängt sich der Eindruck auf: Die wahre Zunge diese Mannes ist sein Pinsel. Denn jede der hier ausgestellten 26 Arbeiten zeugt von tiefer Leidenschaft und Hingabe beim Schaffensprozess. Von individueller Herangehensweise, als Zeichnung auf Holz oder als Gemälde auf Leinwand. Von einer Art der Beschäftigung und Auseinandersetzung, die diese Frauen meist mit nacktem Oberkörper zeigt - und somit verletzlich, als Spiegelbild männlich-triebgesteuerter Fantasie. "Nous somme nous" - zu Deutsch also "Wir sind wir" - hat er sie überschrieben (und oft auch den Untergrund mit dieser Formel beschrieben), diese einzeln titellosen, lediglich nummerierten Arbeiten. Der Plural aber ist hier ganz bestimmt kein Zufall - denn erst im Kollektiv, erst in der Gruppe dürfen sich diese Dargestellten als das erleben, was sie im Einzelfall eben nicht sind: Als ein um Würde, Stärke und Eleganz angereichertes Charakter-Kollektiv, das in seiner Diversifikation nicht nur dem männlichen Betrachter gegenübertritt.

Und was ist mit dem Exotismus vergangener Tage - kann es einen solchen überhaupt noch geben, in Zeiten der Globalisierung? Wer sich beispielsweise mit Doris Dörrie und ihrem Filmschaffen ("Grüße aus Fukushima") beschäftigt, der wird sofort eingeführt in das Spannungsverhältnis aus Animismus fernöstlicher Prägung und unserer westlich-rationalen Kühle. Auf ähnlichem Pfad bewegt sich Günther Kempf mit seinen Porträts: Er zeigt Frauen aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit, stilistisch variantenreich in ihrer Ikonenhaftigkeit gezeichnet. Sie lassen spüren, dass die Welt der kurzen Wege noch lange nicht identisch sein muss mit einer Welt des kulturellen Einerleis.

Ausstellung bis 26. Mai in der Galerie Carola Insinger (Distelhausen 1, 93188 Pielenhofen). Öffnungszeiten: Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr

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