25.06.2020 - 17:46 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Wenn Fremde eine Familie werden

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

30 Gastfamilien geben in der Oberpfalz psychisch kranken Menschen ein Zuhause. Bei Christine Bach wohnt Martin, mit dem sie es nicht immer leicht hat. Er hat ihr aber auch über einen schweren Schicksalsschlag hinweggeholfen.

Christine Bach und ihr Gastbewohner (rechts), der sein Gesicht nicht in der Zeitung sehen will, verbringen viel Zeit im Garten. Diplom-Sozialpädagoge Richard Schießl (links) besucht die Familie regelmäßig.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Christine Bach hat drei erwachsene Kinder, zwei Enkel, einen Beruf, Haus und Garten - und könnte damit voll ausgelastet sein. Doch die 59-Jährige hat eine weitere Aufgabe übernommen: Im Zuge des Projekts "Betreutes Wohnen in Familien" gibt sie einem Mann ein Zuhause, der sich wegen einer psychischen Erkrankung schwertut, alleine zu leben.

Kaffeeklatsch bei Familie Bach in Sünching (Kreis Regensburg) auf der Terrasse: Christine Bach bringt Erdbeerkuchen, Sohn und Tochter sind zu Besuch, zwei Hunde und der Enkel springen im Garten herum. Und mittendrin ist Martin Klein (Name von der Redaktion geändert), der gerade versucht, den Rasenmäher zu reparieren. Der 35-jährige Mann, der mit psychischen Beeinträchtigungen zu kämpfen hat, lebt seit elf Jahren bei Christine Bach.

"Warum tust du dir das an?"

Martin Klein war zuvor in einer anderen Gastfamilie, doch dort klappte das Zusammenleben nach zwei Jahren nicht mehr gut. Die Gastmutter war recht streng. Christine Bach fand einen Weg, Martin zu führen, aber die Zügel so locker zu halten, dass er als erwachsener Mann ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Der 35-Jährige hilft im Haushalt und im Garten mit. Die Rasenpflege ist sein Steckenpferd. "Da lässt er niemanden ran", erzählt Christine Bach. Auch kochen hat er mittlerweile gelernt. Gerade erst hat er sich an einem Sauerbraten versucht. Doch Martin hat auch dunklere Tage. Dann ist er launisch, manchmal rebellisch, bleibt viel alleine auf seinem Zimmer. "Ich lasse ihm dann den Raum", sagt Christine Bach. "Das ist wichtig."

Als sie Martin in der Familie aufnahm, bekam sie von Bekannten schon auch die Frage gestellt, warum sie sich das antut. "Ich bin einfach sozial eingestellt, hatte früher auch Pflegekinder", erzählt Christine Bach. Und: In ihrer eigenen Jugend sei sie mit Problemen alleine dagestanden, hatte keine Hilfe. Das will sie anderen nun ersparen. Den Entschluss, einen Gastbewohner aufzunehmen, fasste sie zusammen mit ihrem Mann. "Er war noch sozialer eingestellt als ich", erzählt Christine Bach. Als ihr Mann dann vor drei Jahren starb, traf das auch Martin Klein hart, denn er war die Vaterfigur, die der 35-Jährige nie hatte. Zu seiner leiblichen Familie hat der Mann, der im Heim aufgewachsen ist, keinen Kontakt.

Rasenpflege als Hobby

Dass sie das Betreute Wohnen nach dem Tod ihres Mannes aufgibt, kam für Christine Bach nicht infrage. Sie wollte Martin nicht hängenlassen. Außerdem sei er ihr gerade in dieser Zeit schon auch eine Stütze gewesen, erzählt sie. Mit ihren erwachsenen Kindern versteht sich Martin gut, er nennt sie "Bruder und Schwester". Und manchmal zanken sie sich, wie es unter Geschwistern üblich ist.

Nie ausfallen darf bei Christine Bach und Martin Klein der gemeinsame morgendliche Kaffee, da ist Martin streng. Er hält sich eisern an Regeln. Tagsüber übernimmt er Aufgaben im Haus, Christine Bach arbeitet in der Altenpflege. Abends sitzen sie meist noch zusammen auf der Terrasse und reden. Die 59-Jährige ist sich bewusst, dass sie eine große Verantwortung trägt. Sie bezeichnet sich selbst als "sehr belastbar". "Mich wirft so schnell nichts um." Vier Wochen im Jahr hat sie Anspruch auf Urlaub ohne den Bewohner, der dann anderweitig betreut wird.

Wenn sie bei einem Konflikt mit Martin mal nicht mehr weiterweiß, ruft Christine Bach in Regensburg bei Richard Schießl an. Diplom-Sozialpädagoge Schießl ist Fachberater für das Projekt "Betreutes Wohnen in Familien" am Bezirksklinikum Regensburg und besucht die Familie Bach mindestens einmal pro Monat.

Meistens zuvor in der Psychiatrie

Schießl ist angewiesen auf hilfsbereite Familien, die ihre Türen öffnen für Menschen wie Martin Klein. Menschen mit einer geistigen Behinderung oder mit psychischen Belastungen, die sich schwertun, ganz alleine zu leben, andererseits aber auch nicht ständig professionelle Betreuung brauchen. Etwa 20 Gastfamilien betreut Schießl zusammen mit seinen Kollegen. Weitere zehn Familien werden in der Oberpfalz vom Sozialteam Weiden und von der Lebenshilfe Regensburg betreut.

Die Gastbewohner waren in der Regel zeitweise in der Psychiatrie untergebracht, machten aber Fortschritte und sollen nun den Weg in ein eigenständiges Leben finden - mit Hilfe der Gastfamilie. Hier können sie in einem wohlwollenden, geschützten Umfeld einen geregelten Alltag kennenlernen, bekommen Hilfe bei Behördengängen und bei vielen praktischen Dingen des Lebens.

Christine Bach beherbergt ihren Gastbewohner seit elf Jahren.

Nicht jeder Patient geeignet

Eine Herausforderung ist es für Schießl, Familien und Bewohner zusammenzubringen, die zueinander passen. Dafür braucht es viel Vorarbeit und Gespräche. Wenn es klappt, sei das Ergebnis sehr schön. "Die Bewohner werden dann zu Familienmitgliedern." Meist sei das Zusammenleben weniger konfliktbehaftet als in der leiblichen Familie, wo die Eltern oft die Schuld für die psychische Erkrankung ihres Kindes bei sich suchen. Grundsätzlich nicht geeignet für das Programm seien aggressive, handgreifliche Bewohner, Drogenabhängige oder Menschen, die ein Sexualdelikt begangen haben, erklärt Schießl. Die aktuellen Teilnehmer seien zur Hälfte Frauen, zur Hälfte Männer, von 30 bis über 70 Jahre alt.

"Ich bin zufrieden, ich kann nichts sagen", sagt Martin Klein zu seiner Wohnsituation. "Ich habe hier eine Gaudi, kann kommen und gehen, wie ich mag." Dennoch macht er sich langsam Gedanken darüber, auszuziehen. Das gehe aber nicht "von heute auf morgen", meint er. Einen Wohnberechtigungsschein für Stadt und Landkreis hätte er. Es müsse sich aber noch eine passende Wohnung auftun. Und ganz so eilig hat es Martin ja auch nicht, seine Gastfamilie zu verlassen ... Kommentar

Diplom-Sozialpädagoge Richard Schießl betreut die Gastfamilien als Fachberater der Medbo.

Pflegefamilien für Erwachsene gibt es zu selten

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund :

"Betreutes Wohnen in Familien"

"Betreutes Wohnen in Familien" (BWF) ist ein Angebot der Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (Medbo) für Erwachsene, die wegen einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung mit den Anforderungen des Alltags nicht zurechtkommen. Seit 1999 gibt es diese Wohnform in der Oberpfalz, 2016 bekam das Projekt den bayerischen Miteinander-Preis. 30 Gastfamilien geben in der Oberpfalz derzeit einem Bewohner so ein Zuhause. Die Bewohner können in der Familie am "normalen" Leben teilhaben, sagt Richard Schießl, BWF-Fachberater am Bezirksklinikum Regensburg. Die Gastfamilien wiederum können sich mit einer verantwortungsvollen Tätigkeit das Familieneinkommen aufbessern. Aktuell erhalten sie monatlich 540 Euro Betreuungsgeld, 170 Euro für Verpflegung und 350 Euro für die Unterkunft inklusive Nebenkosten. Was das Projekt den Familien darüber hinaus an menschlichen Erfahrungen und Werten geben kann, lasse sich nicht beziffern. Das BWF-Fachteam besucht die Familien regelmäßig und steht in Krisensituationen jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung. Als Gastfamilien kommen Familien, Paare oder Alleinstehende mit oder ohne Kinder in Frage. Sie sollten in stabilen Verhältnissen leben, bereit sein, einen behinderten Menschen bei sich aufzunehmen und über ein ausreichend großes Zimmer für den Bewohner verfügen. Einschlägige fachliche Kenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Das BWF-Fachteam ist stets auf der Suche nach neuen Gastfamilien. Weitere Infos unter www.bwf-info.de.

Kommentar:

Inklusion muss noch viel früher beginnen

Warum tust du dir das an? Diese Frage kennt Christine Bach gut. Dabei sollten Familien, die einen seelisch kranken oder geistig behinderten Menschen bei sich aufnehmen, nur eines hören: Worte des Respekts. Denn sie leisten, was keine Einrichtung der Welt leisten kann. Sie eröffnen ihren neuen Familienmitgliedern einen Weg in ein normales Leben, das diese bisher oft nicht einmal kannten – obwohl sie, wie jeder von uns, ein Anrecht darauf haben.
Projekte wie „Betreutes Wohnen in Familien“ sind ein großer Schritt, um die Inklusion voranzubringen. Denn zu oft stehen Menschen mit psychischen Erkrankungen und Einschränkungen am Rand der Gesellschaft, weil Vorurteile und Berührungsängste ihnen das Dazugehören unmöglich machen. Um das zu ändern, müssten schon bei Schulkindern Hemmschwellen abgebaut werden. Und das klappt nur, wenn man Klartext redet über das, was die Betroffenen „anders“ macht. Denn ein eingegipstes Bein kann man sehen, eine verletzte Seele jedoch nicht.

Frank Stüdemann

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.