In Familien gut aufgehoben

Pflegefamilien für Kinder? Kennt man. Pflegefamilien für Erwachsene? Auch die gibt es. Leider, finden Experten, aber noch viel zu selten.

Andrea Müller und Renate Beer sind überzeugt vom Konzept des betreuten Wohnens in Gastfamilien.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Renate Beer aus Hagendorf bei Waidhaus redet sich in Rage. "Psychisch krank heißt für viele gleich, die gehören weggesperrt", sagt sie, "das ist ein ganz großes Problem in unserer Gesellschaft". Sie selbst kennt keine Berührungsängste - schon seit 2015 engagiert sie sich im Bereich "Betreutes Wohnen in Gastfamilien". Damals nahm sie eine junge Frau bei sich auf, die aufgrund einer geistigen Einschränkung nicht dauerhaft alleine leben konnte. Nach vier Jahren sagt Beer über ihre Erfahrungen: "Das ist das Beste."

Jährliches Familien-Treffen

In der Region bietet das soziotherapeutische Zentrum (STZ) Nordoberpfalz des "Sozialteams" betreutes Wohnen in Gastfamilien an. Das Projekt richtet sich an psychisch kranke oder geistig behinderte Erwachsene. Einmal im Jahr sind alle Teilnehmer zu einem Treffen eingeladen. Anfang August kommen die Gastfamilien mit Sozialpädagogin Lilia Pioch und Pädagogin Andrea Müller vom Sozialteam zusammen. Mit der Kräuterführerin erkundet die Gruppe den Klostergarten in Waldsassen. Danach geht es zum Mittagessen in eine Gaststätte. Der Tag dient dem zwanglosen Austausch und bringt alle miteinander ins Gespräch. Eine Gastmutter erinnert sich an die Oma, die Kräuteröl ansetzte. Eine betreute junge Frau erzählt von ihrer Mutter, die Brennesseln wie Spinat zubereitet. Die Stimmung ist entspannt.

Auch Renate Beer und ihre "Pflegetochter" sind gekommen. Diese wird voll ins Familienleben integriert: "Sie fährt mit uns in den Urlaub und ist bei jeder Familienfeier mit dabei." Andrea Müller vom Sozialteam lobt: "Das ist unser Ziel - ein normales, selbständiges Leben in der Familie. Die Leute sollen wieder im normalen Leben ankommen und das Gefühl haben, ich gehör' dazu." Ihre Kollegin Lilia Pioch erklärt: "Unsere Klienten sind schon zu fit für ein Wohnheim, aber noch nicht in der Lage, ganz allein zu wohnen. Das betreute Wohnen in Gastfamilien stellt eine Unterstützungsmöglichkeit dar, bei der niemand alleine gelassen wird und es immer einen Ansprechpartner gibt."

Damit das Konzept aufgeht, unterstützt das STZ Betreuer wie Betreute zum Beispiel mit Schulungen und regelmäßigen Hausbesuchen. Alle zwei Wochen gibt es einen festen Termin. Aber auch in der Zwischenzeit stehen die STZ-Mitarbeiter den Gastfamilien jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. "Wir sind bei Problemen stets die ersten Ansprechpartner", sagt Müller.

Die Leute sollen wieder im normalen Leben ankommen und das Gefühl haben, ich gehör' dazu.

Andrea Müller vom "Sozialteam" in Weiden

Überall dabei

Bei Renate Beer läuft es rund. Sogar die Dorfgemeinschaft zieht mit: "Unser Gast ist überall mit dabei, beim Gartenfest und beim Ausflug in den Freizeitpark." Weil man sich so gut versteht, möchte Beer nun eine Einliegerwohnung anbauen. "Sobald der Antrag bewilligt wird, geht es los." Eine eigene Wohnung im Haus der Familie ist aber keine zwingende Voraussetzung. Auch ein eigenes Zimmer mitten im Familiengeschehen ist möglich. Ein enges Zusammenleben birgt natürlich auch das Potenzial für Konflikte. "Hier kommt aber auch das Fachteam ins Spiel", erklärt Lilia Pioch, "und wir suchen gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten".

Im Prinzip kann jeder Erwachsene sich als Gastmutter oder Gastvater bewerben. Eine besondere Vorbildung ist nicht nötig. "Man braucht nix als ein Zimmer oder eine Wohnung und Engagement", betont Renate Beer. Trotzdem bietet das Sozialteam Schulungen an. "Wir informieren zum Beispiel über Krankheitsbilder wie Sucht oder Psychosen", erklärt Müller. Für die Gäste gebe es darüber hinaus Ausschlusskriterien: Aggressives oder sexuell abweichendes Verhalten, akute psychotische Schübe oder akute Suchterkrankungen ließen ein Wohnen in Familien nicht zu. "Der Gast muss stabil sein."

Offener Umgang

Trotzdem, sagt Müller, hätten Gasteltern noch immer mit skeptischen Reaktionen ihrer Umgebung zu rechnen. "Aber es wird besser." Vielleicht auch deshalb, weil immer mehr psychische Erkrankungen diagnostiziert würden. Renate Beer geht bewusst offen mit ihrem Engagement um: "Es ist noch viel zu wenig bekannt, dass es das gibt. Man muss das in die Gesellschaft tragen." Denn dass psychisch Kranke ,weggesperrt' gehörten, sagt Beer, fänden viele Menschen leider erst dann nicht mehr richtig, "wenn sie irgendwann selbst betroffen sind".

Das Programm:

Das Soziotherapeutische Zentrum Nordoberpfalz des "Sozialteams" vermittelt seit 2015 Gastfamilien in der Stadt Weiden und den Landkreisen Neustadt/WN und Tirschenreuth. Laut Lilia Pioch, die das Projekt mitbetreut, nehmen derzeit sechs Familien teil. "Wir mussten viel Aquise betreiben, bald werden wir aber eine siebte Familie im Programm haben und auch unser Personal erweitern."

Die Gastfamilien müssen über Geduld, Einfühlungsvermögen, emotionale Belastbarkeit und ausreichend Zeit verfügen. Es gibt maximal 480 Euro Betreuungsgeld pro Monat; für Miete, Strom und Nebenkosten werden 350 Euro gezahlt. Verpflegt die Familie den Gast auch mit Mahlzeiten und Getränken, wird dies mit bis zu 170 Euro je Monat vergütet. Maximal erhalten die Familien also 1000 Euro monatlich pro Gast.

Wer einen Gast bei sich aufnehmen will, kann sich schon im Vorfeld über bestimmte Krankheitsbilder informieren und überlegen, was man sich zutraut. Am Anfang der Beziehung steht außerdem ein zweiwöchiges "Probewohnen". Danach haben alle Beteiligten noch vier Wochen Bedenkzeit, ob man zusammenpasst. Die Erfahrungen seien positiv, sagt Pioch: "Die meisten Familien haben gut funktioniert, eben weil wir schon im Vorfeld viel entscheiden." Wenn Gäste abspringen, dann selten deshalb, weil die Chemie in der Familie nicht stimme. "Das Hauptargument ist meistens, dass die Familien zu ländlich wohnen." (m)

Weitere Informationen und Kontakt online unter www.sozialteam.de oder Telefon (0175)2364524, E-Mail bwg.nordoberpfalz[at]sozialteam[dot]de

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