12.08.2021 - 11:53 Uhr
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Gesunder Boden als Hochwasserschutz

Die jüngste Hochwasserkatastrophe in Teilen Deutschlands hat für Entsetzen gesorgt. Ein Ansatzpunkt, um Überschwemmungen künftig entgegenzuwirken, liegt für einen Regensburger Verein unter unseren Füßen.

Franz Rösl ist Vorsitzender der IG gesunder Boden. Vereinsziel ist der Wissensaustausch zum Ausbau humusreicher Böden mit hoher Wasseraufnahmefähigkeit.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

„Der Boden ist das wichtigste Auffangbecken für Niederschlagswasser“, sagt Franz Rösl, Vorsitzender der Interessengemeinschaft (IG) gesunder Boden mit Sitz in Regensburg. Sein Verein hat sich 2016 aufgemacht, die Bedeutung der Böden als Grundlage für gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen stärker in den Köpfen zu verankern. Das Thema Hochwasser habe viel mit der Aufnahmefähigkeit der Böden zu tun, betont Rösl.

„Wenn ein Boden viel Wasser infiltriert, kommt es zu weniger Ausschwemmungen und Erosionen“, sagt Rösl, der Bauingenieur ist und den Leonardit- und Tontagebau Friedrich-Zeche in Regensburg betreibt. Die Fähigkeit, viel Wasser aufzunehmen, hätten aber nur gesunde, humusreiche Böden mit wasserfesten Krümeln und einer möglichst hohen Regenwurmdichte. Eine solche Bodenstruktur könne mehr als 100 Liter Wasser pro Stunde und Quadratmeter aufnehmen – und damit auch langanhaltende Regenfälle aufsaugen. „Es ist jetzt allerhöchste Zeit, die Bodenstruktur so zu verbessern, dass das Niederschlagswasser besser aufgenommen und nicht mit dem Ackerboden weggespült wird“, betont Rösl.

Bewuchs schützt

Um dieses Ziel zu erreichen, sei es wichtig, dass der Boden immer mit Pflanzen oder Pflanzenmaterial bedeckt ist. Beim Anbau von erosionsgefährdeten Kulturen wie Mais könnten Untersaaten mit Gräsern oder Klee helfen. In der Fruchtfolge sollten auf den Äckern über die Jahre hinweg möglichst unterschiedliche Nutzpflanzen angebaut werden, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. Ein humusreicher Boden nehme dann wieder mehr Wasser auf.

Infiltrationsversuche des Vereins in der Oberpfalz haben gemischte Ergebnisse an den Tag gebracht. „Wir hatten schon einen Landwirt, bei dem der Boden 150 Liter pro Quadratmeter in vier Minuten aufgenommen hat“, erzählt Rösl. „In vielen Böden sieht es aber nicht gut aus.“ Manche Äcker saugten nur wenig Wasser auf. Das Fatale: In diesen Böden werden laut Rösl bei Starkregen vor allem die Humuspartikel, der lebendige Teil der Böden, weggeschwemmt. Auf vielen Ackerflächen mache der Humus aber ohnehin nur noch zwei Prozent der Böden aus. Dass darauf überhaupt eine ertragreiche Ernte eingefahren werden kann, sei nur durch Düngung möglich.

Lebendiger Organismus

Rösl ist es wichtig, die Verantwortung für gesunde Böden nicht auf die Landwirte abzuwälzen. „Jeder Mensch muss verstehen, dass sich sein Einkaufsverhalten auf den Boden auswirkt.“ Er rät dazu, saisonale, regionale Produkte zu kaufen, die ohne Einsatz von Pestiziden auskommen. Dass es kein Siegel gibt, dass die Herkunft aus einem gesunden Boden bescheinigt, bedauert er. „Der Boden ist ein lebendiger Organismus“, betont Rösl. Die Zusammenhänge zwischen Bodenqualität, Klimaschutz, Trinkwasser und Hochwasserschutz will er noch deutlicher in die Öffentlichkeit bringen. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Auch das Thema Landnutzung müsse erneut auf die Agenda. Die Bebauung und Versiegelung von 60 Hektar Fläche pro Tag in Deutschland führe ebenfalls zu einer Verschärfung der Hochwassergefahr.

Kritisch sieht Rösl das umstrittene Polderprojekt der bayerischen Staatsregierung im Landkreis Regensburg. Das Rückhaltebecken an der Donau bei Wörthhof soll gebaut werden, um Hochwasser in weiter flussabwärts liegenden Orten abzuschwächen. „Ich würde das Geld stattdessen den Landwirten geben, die dafür sorgen, dass die Böden gesund werden und die Infiltration erhöhen“, sagt Rösl. „Dann braucht es keinen Polder mehr.“

Bundesweit einmaliges Modellprojet

Dass ein Schulterschluss zwischen Kommunen und Landwirten möglich ist, beweist für Rösl das bundesweit einmalige Modellprojekt „Trinkwasserschutz Oberpfälzer Jura“, das im März dieses Jahres ins Leben gerufen wurde: Dort unterstützen elf Wasserversorger Landwirte finanziell, wenn sie den Boden und damit das Trinkwasser schützen. Auch für den Hochwasserschutz kann sich Rösl lokale Kooperationsmodelle vorstellen. Der Landwirt würde dann für eine gute Filtrationsfähigkeit seines Bodens vergütet werden. Für Rösl steht fest, dass es Zeit ist zu handeln: „Wir müssen aufhören, unseren Boden wie Dreck zu behandeln.“

Zur Hochwassergefahr

Weiden in der Oberpfalz

Klima- und Umweltschutz im Betrieb

Bayreuth
Hintergrund:

Der Verein

  • Die Interessengemeinschaft (IG) gesunder Boden mit Sitz in Regensburg wurde 2016 von 15 Mitgliedern gegründet. Mittlerweile hat der Verein über 500 Mitglieder, darunter Landwirte, Unternehmen, Wasserzweckverbände, Privatpersonen, Organisationen, Tierärzte und Ärzte aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen Ländern.
  • Vereinsziel ist der Wissensaustausch zum Ausbau humusreicher Böden als Grundlage für gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen.
  • Der Verein organisiert jährliche Informationsveranstaltungen für Fachleute, Schulen und interessierte Kreise.
  • 2018 erhielt die Interessengemeinschaft gesunder Boden den Umweltpreis der Stadt Regensburg
  • Einen vergleichbaren Verein gibt es dem Vorsitzenden Franz Rösl zufolge in Deutschland nicht.
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