08.08.2021 - 13:51 Uhr
BayreuthOberpfalz

Wie Unternehmen nachhaltiger werden können

Witt, Godelmann und viele andere in der Oberpfalz bewerben ihre Nachhaltigkeit. Das Thema wird für Unternehmen immer wichtiger. Aber wie kann das klappen? Und ist eine grüne Fabrik wirklich möglich? Ein Bayreuther Professor klärt auf.

Die grüne Fabrik - ist sie überhaupt möglich?
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Unternehmen in der Oberpfalz haben eine Farbe entdeckt, sie werden grüner. Bei der Weidener Witt-Gruppe bestehen nahezu alle Produkte aus nachhaltiger Baumwolle. Der Versandhändler hat seinen CO2-Ausstoß seit 2006 um fast die Hälfte gesenkt, bis in neun Jahren soll das ganze Unternehmen klimaneutral ablaufen. Gelingen soll das mit 100 Prozent Ökostrom in allen Filialen und am Standort Weiden. Statt mit dem Flugzeug sollen die Waren und Produkte mit Schiffen verfrachtet werden, perspektivisch mit der noch klimafreundlicheren Bahn.

Die Firma Godelmann aus Fensterbach will Europas grünstes Betonsteinwerk werden, schreibt sie in einer Pressemitteilung. Schon lange setze sie auf eine ressourcenschonende Produktion, ein Großteil der Rohstoffe stamme aus der direkten Umgebung, nicht verkaufsfähige Betonsteine werden wiederverwertet und -verwendet. Die Firma entwickelte auch einen "Klimastein", der die Umwelt aktiv schonen, das Grundwasser vor Schadstoffen schützen - und so Dieselverbote in deutschen Innenstädten verhindern soll.

In Neumarkt wurde vor kurzem der Grundstein für einen neuen Produktionsstandort von Fuchs Europoles gelegt - unter dem Leitmotiv "Nachhaltigkeit", wie es in einer Mitteilung steht. Künftig sollen an dem Standort Mobilfunkmasten, Flugleitsysteme, Licht- oder Fahnenmasten gebaut werden. Die CO2-Ersparnis im Vergleich zum konventionellem Betrieb liege hier bei etwa 600 Tonnen pro Jahr - was dem jährlichen Ausstoß von 230 VW Golf entspreche, die jeweils 20 000 Kilometer im Jahr fahren. Eine Photovoltaikanlage erzeuge den kompletten Prozess-Strom und die Beton-Recyclinganlage gewinne aus Reinigungsresten die wertvollen Rohstoffe Sand, Kies und Wasser zurück.

Das Thema Nachhaltigkeit spielt eine immer größere Rolle in Unternehmen, egal ob in der Oberpfalz oder im Rest Deutschlands. Konzerne, Firmen oder auch kleine Betriebe wollen nun grün sein oder werden. Aber wie kann das klappen? Was bringt es? Und sind grüne Fabriken überhaupt möglich? Will man Antworten auf solche Fragen, landet man im Büro von Prof. Frank Döpper, Leiter des Lehrstuhls "Umweltgerechte Produktionstechnik" an der Universität Bayreuth.

Was bringt Unternehmen Nachhaltigkeit?

"Nachhaltigkeit ist sicherlich ein Wettbewerbsfaktor für Unternehmen", sagt Döpper. Wenn man ressourcenschonend arbeite, spare man in der Regel Kosten. "Wenn ich weniger Material einsetze und das Produkt zum selben Preis verkaufen kann, dann habe ich natürlich mehr Gewinn gemacht", so der Professor. Aber das sei nun wirklich "keine brandneue Erkenntnis".

Allerdings sei das Bewusstsein bei den Menschen größer geworden, dass Nachhaltigkeit wichtig ist. Die industrielle Produktion verursacht laut Döpper 19 Prozent aller CO2-Emissionen, das sei eben nicht zu vernachlässigen. "Natürlich haben die Menschen, die Kunden Fragen an die Unternehmen: Was tust du denn für die Umwelt?" Damit sei das Thema für Firmen doppelt relevant: als Kostenfaktor, aber auch als Wettbewerbsfaktor. "Wir spüren seit zwei, drei Jahren das Bewusstsein in den Firmen, dass auf sie in diesen Aspekten geschaut wird, dass von ihnen erwartet wird, sich umweltfreundlicher zu verhalten."

Was versteht man unter umweltgerechter Produktion?

Umweltgerechte Produktion bedeute, dass man sich bei jedem Produktionsschritt überlegt, welche Ressourcen muss man einsetzen und welche werden eingesetzt. Gebe es da große Unterschiede, suche man nach Lösungen, um auf das Minimum zu kommen. "Das heißt", erklärt Döpper: "Wie kann ich mit weniger Material und weniger Energie ein Ergebnis erzielen, was für die Umwelt besser ist und die Kunden trotzdem befriedigt."

Kann eine Fabrik wirklich grün sein?

"Sobald Sie eine Fabrik haben, sprechen wir von Technik", erklärt Döpper, der auch Jahre in der Industrie, im Maschinen- und Anlagebau arbeitete. "Und das ist immer ein Eingriff in die Natur." Dinge würden verändert. Die Frage sei eben, wie tief man das mache. Da gebe es heute viele Möglichkeiten, diese Eingriffe zu reduzieren - sowohl was die Energieversorgung betreffe, bis hin zum Thema "Reduce, Reuse und Recycle" (reduzieren, wiederverwerten, neue aufbereiten). Jedes Produkt müsse vom Ende her gedacht werden, sowohl was Herstellung als auch Nutzung Weiterverwendung und Entsorgung betrifft. "Insofern lässt sich eine Fabrik schon grün gestalten, wie man in der Werbung sprechen würde", sagt Döpper. Aber: "Eine grüne Fabrik im Sinne, die ist unsichtbar, was ihre Umwelt-Auswirkungen angeht, wird es meiner Ansicht nach nicht geben können."

Gibt es Bereiche, in denen es schwieriger ist, nachhaltig zu produzieren?

In manchen Bereichen sei das auch nur sehr schwer vorstellbar. "Es gibt sicherlich Produkte, die per se energieintensiver sind und bei denen man viel Energie braucht." Die Glasindustrie etwa oder die Porzellanindustrie, beide in der Nordoberpfalz nicht unerheblich. "Da ist eher die Frage, woher beziehe ich den Strom, oder kann ich durch geschickte Prozessführung den Energiebedarf reduzieren", so Döpper. "Es lohnt sich, an vielen Stellen zu drehen." Die Technik entwickle sich ja ständig weiter. "Da kann in zwei, drei Jahren einiges passieren."

Was können kleine Firmen machen?

Und was kann der Professor Firmen oder kleinen Betriebe raten, wenn diese klimafreundlicher werden wollen? Da gebe es verschiedene Ansätze. Wie daheim im Privaten könne man sich die Gebäudeinfrastruktur anschauen, einen Energieberater dazuholen. Dann in die Prozesse gehen, darauf achten, dass die Fertigung schlank ist. "Wenn man da das Ergebnis optimiert, führt das dazu, dass man ressourcenschonender ist." Die Fertigung durchgehen und schauen, wo ist ein Hotspot. Wo verbrauche ich extrem viel CO2, wo gibt es viel Verschnitt, wo viel Materialausschuss? "Da muss man dann ansetzen."

Durch moderne Technik, Digitalisierung, Industrie 4.0 könnten Unternehmen, so Döpper, heute sehr gut messen, wo der Strom hingeht, wie viel Strom gebraucht wird, welche Medien dafür gebraucht werden. "Man kann den Produktionsprozess steuern." Etwa indem man nicht alle Maschinen gleichzeitig startet, sondern im Minutenabstand, um Lastspitzen zu vermeiden. Manche Antriebe von Maschinen wären auch zu überdimensioniert für die eigentliche Produktion. "Dann baut man einen kleineren Motor ein, verbraucht weniger Leistung und spart so", sagt Döpper.

Sind damit nicht Kosten verbunden?

Natürlich sei die Umstellung möglicherweise mit Kosten verbunden. "Im Zweifel brauche ich eine neue Maschine, die weniger Strom braucht", sagt der Professor. Da müsse man dann investieren. Und, klar, da müssten die Unternehmer auch rechnen, ob sich das lohnt. Am Ende wollten die auch Geld verdienen. "Es muss wohlüberlegt sein, welchen Schritt ich mache", meint Döpper. "Vielleicht gehe ich auch kleine Schritte."

Kommentar zu Nachhaltigkeit in Unternehmen

Deutschland und die Welt

Mit diesen Steinen will Godelmann Dieselverbote verhindern

Fensterbach
Prof. Frank Döpper ist Leiter des Lehrstuhls "Umweltgerechte Produktionstechnik" an der Universität Bayreuth.
Der von Godelmann erfundene "Klimastein", der die Umwelt aktiv schonen soll.
Hintergrund:

Projekte des Lehrstuhls "Umweltgerechte Produktionstechnik"

  • Eine wichtige Rolle spielt die additive Fertigung, also 3D-Druck: Dadurch könne man etwa die Ersatzteilversorgung von E-Bikes verändern: "Unser Gedanke ist, wie man mit 3D-Druck auch dezentral Ersatzteile herstellen kann", sagt Prof. Frank Döpper. Also in den Fahrradwerkstätten selbst. Das spare Transportkosten, aber auch größer Lager, Werkzeuge. Man brauche eben nur einen 3D-Drucker und das nötige Material.
  • Durch den 3D-Druck könne man auch Gehäuse bauen, bei denen kleinere Teile integriert sind, die vorher separat produziert werden mussten. "Durch die Geometriefreiheit haben wir ganz andere Möglichkeiten."
  • Am Lehrstuhl wurde auch ein Fertigungsprozess zur CFK-Bauteilproduktion mit additiver Fertigung des Kerns entwickelt. Die Kerne werden dabei aus einem wasserlöslichen Material gefertigt, werkzeuglos und ressourceneffizient. Das sei ein großer Vorteil zur herkömmlichen Fertigung, bei der der Kern im umweltfeindlicheren Gießverfahren hergestellt wird.

 

 

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