16.11.2020 - 13:31 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Hunderte Geschädigte im Freistaat: Gold-Fatamorgana aus dem Internet

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Die Zinsen sind im Keller, das bisschen Ersparte frisst die Inflation auf. Da scheint Gold eine sichere Bank zu sein. Nicht, wenn man auf einen Fake-Shop im Internet hereinfällt, wie bereits 500 Geschädigte in Bayern.

Achtung, Fakeshop: Eine Internetseite, die mit Neukundenbonus wirbt.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Eigentlich ist Barbara Zintl (51, Name von der Redaktion geändert, Unterlagen liegen vor) eine vorsichtige Frau. Und auch das Internet ist für die Werbekauffrau kein Neuland: "Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, einen Teil meines Ersparten in Gold anzulegen", erzählt die Regensburgerin. "Also habe ich etwas im Netz rumgestöbert und bin auf die Website einer ,Goldscheideanstalt seit 1979' gestoßen."

Goldbarren "Lipizzaner"

In diesem Shop kann man aus einer Vielzahl von Produkten zwischen dem 10-Gramm-Goldbarren "Lipizzaner" für 539,67 Euro und dem 1000-Gramm-Goldbarren Heraeus für 52 352,99 Euro wählen. "Man kann den Geschädigten keinen Vorwurf machen", sagt die Polizeibeamte, die Zintls Anzeige aufnimmt. "Die Fake-Shops sind inzwischen so gut gemacht, dass sie kaum mehr von echten zu unterscheiden sind."

Im Impressum gibt der Betreiber der Seite "Goldscheideanstalt-seit1979.de" an, man sei ein Projekt der Gold-Silber-Kontor GmbH, Budapester Str. 20 in 10787 Berlin, nebst Telefonnummer und E-Mailadresse sowie angeblichen Niederlassungen in Wien und Zürich. Laut einer Blacklist der Info-Seite Gold.de wird die Adresse des real existierenden Kontors missbräuchlich verwendet.

Bitte um "faire Bewertung"

Nach der Bestellanfrage bekommt die getäuschte Kundin per E-Mail die Nachricht, die "2 X Goldbarren 1oz Heraeus, geprägt" seien lieferbar. "Nach Zahlungseingang erfolgt der Versand per versicherter Wertkurier. Falls Sie den Bestellvorgang beschleunigen möchten, mailen Sie uns einfach einen Zahlungsbeleg." Über eine "faire Bewertung" auf Trusted-shops-liste.de wäre man dankbar. "Ich weiß im Nachhinein nicht mehr, was mich geritten hat", sagt Zintl, "aber die umgehende Bestellbestätigung einer angeblichen Christina Fürst wiegten mich in Sicherheit." Sie überweist 2832,50 Euro und mailt den Zahlungsbeleg.

Als tagelang keine Reaktion mehr erfolgt, wird sie misstrauisch. Sie fragt per E-Mail nach, versucht die Bestellung zu stornieren - und beginnt im Internet nach dem Unternehmen zu recherchieren. "Mich hat fast der Schlag getroffen, als ich den Namen dieser Firma auf Gold.de/artikel/warnung-neuer-fakeshop fand."

Geschädigte auch in Neustadt/WN

Zahlreiche Geschädigte berichten von ähnlichen Erfahrungen, geben Tipps, wie man sich sein Geld unter Umständen über die Bank zurückholen kann. "Aber dafür war es zu spät", sagt Zintl, "das Geld war längst auf deren Konto und von dort wahrscheinlich weiter transferiert, wie die Polizeibeamtin meinte." Sobald man versuche, die betrügerischen Shops zu sperren, würden sie mit leicht veränderten Namen und gleichem Design in Erscheinung treten: So sei Goldscheideanstalt-seit1979.de bereits als Goldscheideanstalt-kontor-handel.de, Goldhandel-kontor.de, Goldscheideanstalt-seit1962.de und Goldhandel-seit1986.de auf Kundenfang gegangen.

Auch eine 43-jährige Frau aus dem Landkreis Neustadt/WN ist auf der Website eines Goldhandelskontors hereingefallen. Sie hatte Krügerrand-Münzen im Wert von 2880 Euro bestellt und die Summe an die aufgeführte Kontonummer überwiesen. Selbers Muster: Nach Eingang des Geldes riss der Kontakt ab. Die Polizei ermittelt.

Telefon- und Internetbetrug in Sulzbach-Rosenberg

Sulzbach-Rosenberg

Name soll Erfahrung suggerieren

"Das betrügerische Anbieten von Edelmetallen ist eine der vielen Betrugsmaschen im Internet", teilt Kriminalhauptkommissar Dmitri Schreiber von der Pressestelle der Polizeidirektion Oberpfalz auf Anfrage von Oberpfalz-Medien mit. "Die von Ihnen angeführte Internetadresse wird auch mit anderen Jahreszahlen verwendet. Dies soll vermutlich eine langjährige Tradition vorspiegeln und dem potenziellen Käufer Sicherheit suggerieren."

Viel Mut macht die Polizei den getäuschten Kunden nicht: "Auch wenn die strafrechtliche Verfolgung von Tätern schwierig ist, weil diese aus dem Ausland agieren, sollten Sie sich nicht von einer Anzeige abbringen lassen." Nur so könnten Löschungen von Fake-Shops konsequent vorangetrieben werden.

Barbara Zintl versucht sich einstweilen den entstandenen Schaden schön zu reden: "Ich hab' mir gesagt, wenn ich dieses Jahr zweimal in den Urlaub gefahren wäre, wäre das Geld auch weg." Ein schwacher Trost dank Corona.

Hintergrund :

Tipps der Kriminalpolizei

  • Keine Spontankäufe: Vergleichen Sie den Preis des Produkts bei anderen Anbietern wie dem Händler vor Ort. Betrüger locken Opfer mit unwahrscheinlich niedrigen Preisen.
  • Informieren Sie sich vor dem Kauf: Geben Sie den Namen des Online-Shops in eine Suchmaschine ein, um negative Erfahrungen anderer Kunden herausfinden.
  • Verbraucherzentrale hilft: In der Regel führt auch ein Anruf bei einer Verbraucherzentrale zur gewünschten Information über einen Online-Händler.
  • Wählen Sie sichere Zahlungswege: Der Kauf auf Rechnung kann vor Betrug durch Fake-Shops schützen. Überweisungen können allenfalls kurzfristig rückgängig gemacht werden. Beim Lastschriftverfahren können vorgenommene Abbuchungen noch nach einigen Tagen storniert werden.
  • Kein Einkauf bei Zweifel: Wenn Sie sich unsicher sind, kaufen Sie am besten gar nicht im gewählten Shop.
  • Haben Sie bereits Geld überwiesen, informieren Sie sich umgehend bei Ihrer Bank, ob Sie die Zahlung rückgängig machen können.
  • Sichern Sie alle Beweise für Ihren Online-Kauf: Ob Kaufvertrag, Bestellbestätigung oder E-Mails, bewahren Sie alle Belege für Ihren Kauf auf. Drucken Sie diese aus.
  • Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei: Mit den gesicherten Unterlagen sollten Sie sich möglichst sofort an die Polizei wenden und Strafanzeige erstatten.
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