23.07.2018 - 22:08 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Jamies Jazz-Wirbel erfasst Regensburg

Jazz ist langweilig. Jazz ist immer das Gleiche. Das bekommt man zu hören, wenn man Leute auf der Straße fragt. Grammy-Gewinner Jamie Cullum und sein begeistertes Publikum zeigten nun in Regensburg eindrucksvoll, dass das nicht stimmt.

Jamie Cullum. Bild: Tobias Schwarzmeier
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Jamie Cullum hämmert in die Tasten. Stehend im Jerry-Lee-Lewis-Ausfallschritt verlangt er seinem Yamaha-Flügel alles ab. Bis hin zum Schlussakkord mit Fuß oder seinem Allerwertesten. Die sonst reservierten, aber hier begeistert mithüpfenden Festspielbesucher lassen die Tribüne im Innenhof des Schlosses Emmeram beben und keinen Zweifel daran - hier liefert ein echter Ausnahmemusiker ein Megakonzert ab.

Zufällig passend eingebettet in die sommerlich flirrende Atmosphäre das Regensburger Jazz-Weekends zeigt der Superstar des Genres, wie wenig lange verhaftete Klischees im modernen Jazz heute noch greifen. Klar, Jazz und Swing sind die musikalischen Wurzeln des Singer-Songwriters. Doch stilistische Experimente und Fingerübungen wie die eingestreuten kubanischen Montuno-Klänge bei "Next Year Baby" machen die intensiven Konzerte des brillanten Pianisten zum Erlebnis. Die lässig-coole Ballade aus seinem 2003er Erfolgsalbum "Twentysomething" habe er wiederentdeckt, als er "in einem Cafe gefangen" gezwungen war, das komplette Werk anzuhören. Wie sehr der Grammygewinner seither musikalisch gewachsen ist, zeigt nicht nur die Latin-Explosion des Stücks. Auch das geniale "All at Sea" verlängert er elegant mit Passagen aus Radioheads "High and dry" und dem Spiritual "Amazing Grace" .

Ob bei "You and me are gone", das er im Dschungelbuch-Style ("meine erste Jazz-Erfahrung") arrangiert oder bei Beyoncés nervenden "Single Ladies", das er auf dem Piano saitenzupfend und trommelnd als Beat-Box-Kracher variiert - das Publikum hält es nicht auf den Sitzen. Am Rihanna-Hit "Don't Stop the Music" zeigt das Multitalent, wie gefährlich seine Cover sind: Die Originale halten dem Vergleich kaum stand.

Auch wenn Cullum mehr als zwei äußerst kurzweilige Stunden mit der Energie eines Teenagers über die Bühne wirbelt, kann der mittlerweile 39-Jährige bereits mit Geschichten aus 20 Jahren Bühne aufwarten. Wie als er für den Mutmacher-Song "Mankind" aus seinem neuen Album (Erscheinungstermin: "keine Ahnung") einen für eine Werbung gebuchten Gospelchor "auslieh".

Doch Anekdoten und trockenen britischen Humor streut der Vollblut-Performer nur kurz und knackig ein. Zu kostbar ist ihm die musikalische Interaktion mit den Fans. Die funktioniert wie die filigrane Phrasierung seiner Anschläge. Wenn er das Publikum einmal zu sehr anheizt, kühlt er es mit Balladen wieder etwas ab. Wie mit dem melancholischen Titelsong des Eastwood-Blockbusters "Gran Torino". Oder "What a Diff'rence a Day Makes", mit dem er solo am Piano treffend zeigt, was an diesem Abend den Unterschied ausmacht.



Jamie Cullum. Bild: Tobias Schwarzmeier

Jamie Cullum. Bild: Tobias Schwarzmeier

Jamie Cullum. Bild: Tobias Schwarzmeier

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