26.03.2019 - 14:17 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Kanadisches Frühlingsopfer

Internationaler Flair flutete das Audimax: Die "Odeon Concerte" hatten das kanadische Orchestre Symphonique de Montréal unter dem amerikanischen Dirigenten Kent Nagano und den polnischen Pianisten Rafał Blechacz eingeladen

Frenetischen Applaus gab es für Kent Nagano bei seinem Konzert im Regensburger Audimax.
von Peter K. DonhauserProfil

Die Kanadier treten den Parcours in Großbesetzung an: Als Spiel ist in der Ballettmusik „Jeux“ von Claude Debussy der populäre Sport des Jahres 1913 angesagt, Tennis. Ein verlorener Ball, ein fescher Bursch, zwei trainierte Tennismädel, das hat doch postpubertäres Eifersuchtspotenzial. Harmonische Felder federn vorzugsweise im Walzertakt hin und her wie Tennisbälle, der allgegenwärtige Baustein „große Sekunde“ bildet den roten Faden. Schnell kann dieses Opus zu einem sich trüb dahin wälzenden Klangfluss geraten. Nicht so in der Interpretation des hellwach präsenten Kent Nagano (67), der die Partitur wie mit dem Tomographen durchleuchtet, verborgene Binnenstrukturen frei legt, der eine traumhafte Balance zwischen betörend homogenem Gesamtklang und solistischen Momenten hervorzaubert.

Perlende Mozart-Perlen

Für Mozarts Klavierkonzert A-Dur KV 488 mit dem Klavier-Star Rafał Blechacz (33) wird die Besetzung reduziert, die Streicher spielen dennoch in der Zahlenstärke wie bei einer Beethoven-Symphonie. Der vorzügliche Klang gerät wiederum geschmeidig, fast vokal. Fläche und große Linie dominieren statt ziselierter Deklamation und Geste. Blechacz zeigt souverän perlende Geläufigkeit und wohlerzogene Klangkultur. Wir erleben das artig gekämmte und gescheitelte Wolferl, nicht den unverblümten, vieldimensionalen Amadeus des Peter Shaffer. Dem tiefgründig wiegenden fis-Moll-Siciliano versucht Blechacz mit wattig-samtener Melancholie gerecht zu werden, wie im Vorgriff auf die Musik der Romantik. Attacca geht es in das Allegro assai, perfekt die Anschlüsse, brillant die wendigen Fagotte. Die makellosen Dialoge zwischen Solo und Orchester hat man schon kommunikativer, mehr auf gleicher Augenhöhe vernommen. Als Zugabe das Scherzo A-Dur aus Beethovens Sonate op. 2/2.

Bilder aus dem heidnischen Russland

Dann das mit Spannung erwartete Highlight des Abends, Igor Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“ (Frühlingsopfer), uraufgeführt nur zwei Wochen nach Debussys „Jeux“, allerdings mit aufrührerischer Wirkung, einem der großen Skandale der Musikgeschichte, bei der das teilweise empörte Pariser Publikum sogar das Orchester überbrüllte und nicht vor Handgreiflichkeiten zurückschreckte. In Regensburg im Jahr 2019 weckt das grandiose Werk Begeisterung mit Hand, Mund und Pfiff. Zu Recht! Geführt mit exzellenter Schlagtechnik zündet Kent Nagano (ein hochdynamisches Energiebündel!) das geradezu explosive Potenzial der Musik, ein beherrschter, nicht verhexender Rausch. Er kostet die sphärisch-magischen Momente aus (Beginn des „Opfers“ im Teil zwei), setzt die von Taktwechseln und rhythmischen Akzenten gestörte Motorik gegen transzendentale Klänge, immer mit dem Tonfall russischer Folklore. Absturz-gesichert blickt man mit Nagano vom Kraterrand in die Abgründe eines religiös bedingten Menschenopfers - Großer Gott, greif ein! Bewundernswert Qualität und Präzision der hervorragenden Musiker (pars pro toto Lob den acht Hörnern), die fixe Wendigkeit, die Transparenz! Hilfreich wäre gewesen, die Satzüberschriften mit dem Ballett-Geschehen im Programm abzudrucken. Auch nach dem frenetischen Applaus wird bei den Zugaben weiter getanzt: Bei Ravels „Alborada del Grazioso“ spanisch und bei Berlioz' Rákóczi-Marsch aus “La Damnation de Faust” op. 24 ungarisch.

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