11.04.2019 - 14:32 Uhr
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Kinder schützen: die schwierige Abwägung

Es ist ein schmaler Grat: Ab wann ist das Wohl eines Kindes in seiner eigenen Familie so gefährdet, dass es der elterlichen Sorge entzogen werden muss?

Einen Einblick in die Arbeit der KJF-Familienberatungsstellen gaben (von links) Hermann Scheuerer-Englisch (Regensburg), Britta Ortwein-Feiler (Cham), Robert Gruber, KJF-Abteilungsleiter für Jugendhilfe, und Hans Kirmer (Straubing).
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Weil die Lage in den Familien oft nicht eindeutig ist, haben Mitarbeiter der Beratungsstellen der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) in der Diözese Regensburg einen Leitfaden für die Einschätzung von Kindeswohlgefährdung entwickelt.

„Wir müssen jedes Mal zwischen dem Risiko und der Schutzfunktion der Familie abwägen“, beschrieb Britta Ortwein-Feiler am Mittwoch in Regensburg den Prozess. Man müsse viele Faktoren berücksichtigen. Das Alter und der Entwicklungsstand des Kindes spiele eine große Rolle, genauso wie die Mitwirkungsbereitschaft der Eltern.

Beim Jahrespressegespräch der KJF-Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern schilderte Ortwein-Feiler, Leiterin der KJF-Beratungsstelle Cham, einen Fall aus der Praxis: Die 14-jährige Celina berichtet der Beratungslehrerin an ihrer Realschule, dass sie die ständigen Streitereien mit ihrer Mutter zu Hause nicht mehr aushält. Auf Whatsapp äußert sie sogar Suizidgedanken. Als der Fall bei der KJF-Beratungsstelle landet, gibt es ein Erstgespräch ohne die Eltern. Darin distanziert sich das Mädchen von der Suizidabsicht. Für einen Verbleib der Familie spricht außerdem, dass Celina sich mit ihrem Vater und den im Haus lebenden Großeltern gut versteht. Die Eltern zeigen sich kooperativ, die depressive Mutter macht eine stationäre Therapie, Celina bekommt einen Erziehungsbeistand, der Kontakt zur Beratungsstelle bleibt. „Die Lage hat sich mittlerweile deutlich entspannt“, berichtete Ortwein-Feiler.

60 bis 100 Mal im Jahr müssen die KJF-Berater in der Diözese eine solche Gefährdungseinschätzung vornehmen, erklärte Hermann Scheuerer-Englisch, Leiter der KJF-Beratungsstelle in Regensburg. Dafür sei es wichtig, eine klare Grundlage zu haben.

Insgesamt betreuten die zehn Beratungsstellen und 16 Außenstellen der KJF im vergangenen Jahr rund 4500 Familien. Dabei geht es oft um ganz einfache Erziehungsfragen, die sich Eltern im Alltag stellen. Es schlagen aber auch gravierendere Fälle auf, in denen Kinder sehr unter eine Trennung, unter einer Krankheit der Eltern oder unter Mobbing leiden. 36 Prozent der Kinder, die zur Beratung kommen, leben bei einem alleinerziehenden Elternteil, fast die Hälfte kommt aus Scheidungsfamilien. Ein Viertel hat ein Elternteil mit einer psychischen Erkrankung.

Wichtig ist Scheuerer-Englisch der niedrigschwellige und kostenlose Zugang zu den Beratungsstellen. Die KJF habe ihre Außenstellen massiv ausgebaut, um näher an den Menschen zu sein. Scheuerer-Englisch will Eltern die Hemmungen nehmen, sich Unterstützung zu holen. „Es ist völlig normal, sich beraten zu lassen, wenn man Kinder hat.“ Rückenwind gebe hier ein neues Förderprogramm des bayerischen Sozialministeriums, das die „aufsuchende“ Erziehungsberatung außerhalb der Beratungsstellen finanziell unterstützt.

So sind eine Familiensprechstunde im Zentrum für Psychiatrie in Cham und eine offene Sprechstunde für Jugendliche in Regensburg entstanden. Ganz neu ist auch das Projekt „Familie in der Schule“: Am Sonderpädagogischen Förderzentrum Straubing gehen Schüler ein Viertel Jahr lang mittwochs immer mit einem Elternteil in die Schule. In speziellen Klassen sollen die Eltern lernen, wieder die Verantwortung in der Familie zu übernehmen.

Kinder hätten ein sehr feines Gespür für die Gemütslage der Eltern, betonte Scheuerer-Englisch. „Etwas vor ihnen verstecken zu wollen, gelingt meist nicht.“ Gleichzeitig würden die Kinder schnell darauf reagieren, wenn sie merken, dass ihre Eltern etwas zum Positiven wenden wollen, sich im Familienleben wieder mehr Mühe geben. Denn: „Wertschätzung ist das A und O.“

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