02.02.2020 - 13:50 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Kosmonauten in russischen Klangwelten

Ein rein russisches Recital gab es bei den Odeon Concerten: Die Moskauer Philharmoniker unter Yuri Botnari und mit dem fabelhaften chinesisch-amerikanischen Pianisten George Li boten im Audimax Borodin, Rachmaninov und Tschaikowsky.

Der hochbegabte und mehrfach preisgekrönte Pianist George Li begeistert mit Vorsprung durch Technik und Freude an suggestiver Gestaltungskraft
von Peter K. DonhauserProfil

Den Rahmen bildet Musik mit durchaus programmatischen Ansagen, die einen unmittelbar erfahrbaren Bezug zu russischer Kultur aufbaut. Zu Beginn die Ouvertüre zu „Fürst Igor“ von Alexander Borodin (1833-1887), die unvollendete Oper mit ihrem mittelalterlichen Stoff, dem Krieg zwischen Herrschern des „Kiever Rus“ und dem Steppenvolk der Polowetzer. Düster und tiefsinnig entfaltet sich aus dem Ton A die Andante-Einleitung, auftaktige Quarten erwecken im Allegro pulsierendes Leben. Yuri Botnari geleitet das Orchester mit unaufwendigem Dirigat, hält rhythmisch heikle Passagen zusammen, lotst meist erfolgreich durch tückische Stromschnellen der zahlreichen Tempoübergänge. Ein luzid-glasklarer Orchesterklang (wie wir ihn bei dem legendären Mariss Jansons bewundern durften) hat nicht oberste Priorität. Die Moskauer Philharmoniker klingen im Audimax kompakt, etwas Blech-lastig, von den Streichern wünscht man sich mehr Schmelz und farbenreiche Brillanz.

"Sinfonie Pathétique"

Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 in h-Moll op. 74 aus seinem Todesjahr 1893 erweist sich als Heimspiel des Orchesters: Gereift durch unzählige Aufführungen, unerschrocken vor den hohen technischen Anforderungen, intensiv erlebt die Emotionen, geradezu einschüchternd Dezibel-stark das triumphale Pathos des Allegro molto, ergreifend die Tragik des abschließenden Adagio lamentoso. Herausgehoben sei die souveräne Soloklarinette, nicht verschwiegen seien klangliche und intonatorische Unebenheiten der Bläsergruppen, vor allem im Blech. Abschließend drei eilfertig gegebene, locker auf den Punkt getroffene Tschaikowsky-Zugaben (aus Dornröschen, Schwanensee), beginnend mit dem „Rosenwalzer“ op. 66a.

Große Fuss-Stapfen

Mit schier heiligem Respekt nähern sich auch große Pianisten dem Klavierkonzert Nr. 3 in d-Moll op. 30 von Sergej Rachmaninov (1873-1943), uraufgeführt 1909 in New York. Sogar der Widmungsträger Józef Hofmann musizierte das Werk (wegen seiner zu kleinen Hände) nicht. Dieses Problem mangelnder Hand-Schuhgröße scheint der durchaus nicht hünenhaft gewachsene chinesisch-amerikanische Pianist George Li (25) nicht zu kennen. Mit souveräner Überlegenheit spielt er sich geradezu mit den enormen Herausforderungen der Läufe, Akkorde und Sprünge. Er liebt einen fülligen orchestral empfundenen Klavierklang, packt die Forte-Stellen mit enormer Kraft an und setzt als Kontrast die unschuldige Innigkeit des schlicht-wehmütigen Eingangsthemas. Nicht immer scheinen Dirigent und Orchester einen Dialog auf gleicher Augenhöhe zu führen, leicht gerät der üppige Orchestersatz zu dick und überdeckt manche Klavierfinessen. Bei den Solopassagen zeigt der Preisträger des 15. Tschaikowsky-Wettbewerbs 2015 dann seine phantasievoll-beredte Erzählkunst, als würde er die Musik improvisatorisch aus dem Augenblick heraus erfinden.

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