25.11.2019 - 16:01 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Kriminalfall Kreutzersonate

Die "Odeon Concerte" wagen ein ungewohntes Format: Um 22. 22 Uhr war der Vorhang zu und einige Fragen offen

von Peter K. DonhauserProfil

Sebastian Koch ist international als Charakterdarsteller bestens im Geschäft, mit Ehrungen und Preisen geradezu überhäuft: Bayerischer Fernsehpreis, Grimme-Preise im Doppel, Globo d’Oro, um nur drei davon zu nennen. Auf der abgedunkelten Bühne im Audimax zieht er das Publikum mit Leo Tolstois (1828-1910) Novelle „Die Kreutzersonate“ (1889) souverän in seinen Bann - von den ersten (Bibel-) Worten aus Matthäus 5,28 ("Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen") bis zum beklemmenden Schlusssatz "Verzeihen Sie mir" (dem Mörder seiner unbenamt bleibenden Ehegattin). Wie er da in die Rollen des pathologischen Posdnyschew, dessen Frau und ihres jugendlichen Liebhabers, des Pianisten Truchatschewskij schlüpft, deren Charaktere, Gedankengänge und Stimmungswandlungen darstellt, das hat große, sehr große Klasse.

Hohe Hürden gemeistert

Das gleiche Attribut verdienen die Musiker Erik Schumann (Violine) und Anna Buchberger (Klavier). Sie spielen Beethovens „Kreutzer-Sonate“ op. 47 in A (1803) mit technisch überlegenem Können, in perfektem Dialog, mit bemerkenswertem Farbspektrum. Der Flügel tönt nie zu übermächtig, die Stradivari auch bei den vielen Akkorden blitzsauber, mit berückend milden, in den höchsten Lagen goldschimmernden Tönen. Die Doppelgriffe zu Beginn gelingen makellos, noch geschmeidiger dann in der Mitte des Programms.

Und doch laden die Akteure Fragen für den Nachhauseweg in den Rucksack. Die Verteilung der drei Sätze (rund 37 Minuten Spieldauer) auf den langen Abend erschwert das umfassende Verstehen vor allem der zersplitterten fünf Variationen-Teile des Mittelsatzes. Beethovens Sonate ist zudem keine Programm-Musik mit außermusikalisch-literarischen Anregungen: Inhaltlich wie strukturell ist kein Bezug zur Novelle Tolstois zu finden - anders als beim gleichnamigen Streichquartett (1923) von Leos Janáček. Ja, sie ist „Musik als unmittelbare Spiegelung tiefgreifenden seelischen Erlebens“ (Tolstoi). Ja, Geiger und Pianistin spiegeln die Personen der Erzählung.

Text-Ton-Wechselbad

Und so laufen Text und Musik ein wenig nebeneinander her, ein gleichzeitiges, präzis getimtes Text-kommentierendes Miteinander (wie es Horwitz und das Jourist-Quartett kürzlich in Weiden demonstriert haben) verbietet sich, man hält im Wesentlichen fest an „lesen – spielen – lesen – spielen“ mit einigen (meist richtig gesetzten) Lichteffekten.

Es bleiben wundern wie bewundern: Tolstois sexual-psychologisch durchgezeichnetes Ehe-Drama mit dem labilen, krankhaft eifersüchtigen Gatten. Die religiös genährten Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts, die hier das seelische Gleichgewicht aus dem Lot bringen. Die Berechtigung von Sexualität nur zum Zeugungsakt, die Verdammung der Lust als „tierhaft“. Die Rolle des Mannes als Patriarch, der Frau als negativ konnotierte verführerische Untertanin.

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