05.03.2021 - 12:34 Uhr
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Wenn die Luft wegbleibt – ein halbes Jahr lang

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Menschen aus Ostbayern mit Corona-Langzeitfolgen sprechen über Atemnot beim Treppensteigen und vergessene Passwörter: Weil Ärzte überarbeitet sind, helfen sich Betroffene jetzt gegenseitig.

Selbst wer wegen seiner Covid-Erkrankung nicht auf der Intensivstation gelandet ist, hat lange nach der Infektion oft mit Spätfolgen zu kämpfen.

Von Maria Oberleitner

Das Coronavirus hat sie in der ersten Welle getroffen: Nun sind die akuten Symptome lange verschwunden – und trotzdem bestimmt die Krankheit ihren Alltag. Diagnose: „Post-Covid“ oder „Long Covid“. Langzeitfolgen.

Sie wissen genau, wann ihr Fieberthermometer mehr als 40 Grad zeigte oder wann ihr Puls höher als 140 war. Ihre Krankengeschichte können sie auswendig aufsagen. Man ahnt, wie oft sie ihren Leidensweg schon erzählt und analysiert haben.

Einer von ihnen ist Karl Baumann. Der 52-jährige Unternehmer aus Wenzenbach (Kreis Regensburg) hat im Herbst die erste bayerische Post-Covid-Selbsthilfegruppe gegründet – und ist so zum Experten für Langzeitfolgen geworden. „Covid-19 ist eine Systemerkrankung: Von der Bindehaut bis zum Herzmuskel kann alles betroffen sein“, erklärt er. Auch die Psyche.

Im Frühjahr hing Baumann an der Herz-Lungen-Maschine, erlitt im Koma einen Schlaganfall. Er überlebte knapp. „Der kommt nimmer“ – das ist einer der Sätze, an die sich Baumann aus dieser Zeit erinnert. Vom Trauma Nahtoderfahrung erholt er sich nur langsam.

Währenddessen aber wird er für sein Engagement in den sozialen Netzwerken beschimpft: Er solle nicht die „Corona-Masche“ unterstützen und aufhören zu jammern. Dabei ist Baumann einer, der nicht jammert. Wenn ihm im Gespräch das eine oder andere Wort nicht mehr einfällt – Wortfindungsstörung, Corona-Langzeitfolge – lacht er nur und sagt schulterzuckend: „Na, Sie wissen schon, was ich meine.“

Birgit Birner

„Als würde der Körper kaputtgehen“

Aus den Selbsthilfe-Gruppengesprächen weiß Baumann: Viele leiden unter Muskel- und Gelenkschmerzen, Atemnot oder dem Fatigue-Syndrom, lähmende Erschöpfung. „Manchmal fühlt sich das an, als würde einem der Stecker gezogen.“

Dieses Gefühl kennt auch Annette Müller, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die 55-Jährige aus dem Kreis Regensburg muss sich immer wieder von Spaziergängen und Radtouren abholen lassen – manchmal ist sie wie gelähmt. „Als würde der Körper kaputtgehen.“ Müller lag im März im Fieberkoma, wurde beatmet. Herz und Lunge erholten sich nur langsam – doch drei Monate nach ihrem Aufenthalt auf der Intensivstation begann für sie die Langzeit-Quälerei: brennende Schmerzen in Armen und Beinen, neurologisch verursacht. „Und es wird immer schlimmer.“ Trotzdem versucht sie, in Bewegung zu bleiben. „Diese Erschöpfung ist schwer zu beschreiben“, sagt auch Birgit Birner. „Du denkst, da geht noch was. Und dann geht nichts mehr.“ Die 46-Jährige aus dem Kreis Amberg-Sulzbach war oft mit dem Rad unterwegs. Jetzt ist sie froh um ihr E-Bike. Will sie in den dritten Stock, nimmt sie den Aufzug.

Birgit Birner hatte, was man als „mittleren Verlauf“ bezeichnet: hohes Fieber und extremen Husten. Sie hat kaum Erinnerungen an diese Tage im April, die meiste Zeit hat sie geschlafen.

Später kam eine Lungenentzündung dazu – trotzdem ging sie bald wieder zur Arbeit. Als Kundenberaterin bei der Sparkasse musste sie den ganzen Tag sprechen. „Ich habe mir die Seele aus dem Leib gehustet.“ Die Luft blieb weg, sie war erschöpft, hatte Schweißausbrüche.

Jetzt, acht Monate nach ihrer Infektion, ist ihre Lunge noch immer geschädigt. Das zeigt nicht nur das CT – man merkt es, wenn man mit ihr spricht: Sie hustet nach jedem dritten Satz. „Ich bin nicht mehr so belastbar“, sagt Birner. „Es ist nicht leicht, sich das einzugestehen.“

Karl Baumann

"Will die schon in Rente?"

Wahrscheinlich hat sie auch deshalb lange Zeit darauf gebaut, nach der Reha wieder ganz die Alte zu sein. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen hat sie ihr Leben verändert – mangels Optionen. Heute, sagt sie, hat sie ihren Alltag im Griff und einen Plan B für den Beruf: Ihr Arbeitgeber hat sie in die Sachbearbeitung versetzt. „Ich fange jetzt wieder bei null an. Aber ich werde fitter von Woche zu Woche.“

So viel Glück hatte Annette Müller mit ihrem Arbeitgeber nicht. Vor der Erkrankung war sie für eine Regensburger Behörde tätig. Vor ein paar Monaten versuchte sie dort einen Neustart, aus dem ein Fehlstart wurde. Einfache Routinearbeiten überfordern sie. Schon beim Stricken müsse sie ab und zu nachzählen, wo sie eigentlich sei. Passwörter und PIN-Nummern könne sie sich nur noch unter höchster Anspannung merken. Acht Stunden volle Konzentration? Unmöglich.

Wegen Sprüchen der Kollegen wie: „Die macht auf krank. Will sie wohl schon in Rente?“, fühle sie sich inzwischen wie eine Sozialschmarotzerin. Auch mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen wird sie konfrontiert – nicht zuletzt von Arbeitskollegen: „Kein Wunder, die war ja noch shoppen.“ Müller hält es für realistisch, dass sie sich bei der Arbeit angesteckt hat. Trotzdem wäre die 55-Jährige gern wieder berufstätig. Nicht zuletzt, weil sie kaum noch finanzielle Reserven hat. Ihr Erspartes hat sie die letzten Monate auch für Massagen und Therapien ausgegeben. „Ich wollte nichts unversucht lassen und bin sogar zum Auspendeln gegangen.“

Cornelia Raithel

Das Robert-Koch-Institut (RKI) kann die Langzeitfolgen laut Homepage noch nicht einheitlich definieren – es liegen keine verlässlichen, repräsentativen Daten vor. Das bedeutet: Während der eine Intensivpatient im Nachgang eher Probleme mit den Organen hat, leidet der andere unter Müdigkeit, Gedächtnisproblemen, Wortfindungsstörungen oder Schwindel. Studiendaten lassen erahnen, dass rund 40 Prozent derer, die wegen Covid-19 im Krankenhaus waren, längerfristige Unterstützung benötigen. Laut der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) sind zehn bis 15 Prozent der ehemaligen Patienten von Langzeitfolgen betroffen.

Trotz mangelnder wissenschaftlicher Erkenntnisse gibt es die Langzeitbetroffenen mit – im Vergleich – mildem Verlauf: Cornelia Raithel war im März vergangenen Jahres Corona-positiv – doch Mitte Juni, erinnert sich die 36-jährige Oberfränkin, ging es ihr deutlich schlechter als im März. Erschöpfung, hoher Blutdruck, Husten, starke Lungengeräusche. „Ich kam nicht mehr vom Wohn- ins Badezimmer.“ Im Krankenhaus wurde sie schließlich komplett durchgecheckt. Diagnose: Post-Covid-Syndrom. Der ehemaligen Vereinsschwimmerin steckte noch im Sommer jede Bahn in den Knochen, heute, sagt sie, ist sie wieder zu 95 Prozent leistungsfähig. Sie spricht von „Schüben“ und erzählt, wie ihr trotz aller Fortschritte manchmal immer noch die Luft wegbleibt.

Überarbeitet und ratlos: Ärzte am Limit

Deutschlandweit gibt es bisher zehn Post-Covid-Ambulanzen, also Nachsorgezentren für Langzeitbetroffene. Psychologen, Kardiologen, Pneumologen und Neurologen – alles unter einem Dach. In Bayern: gar keine. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums betont, das Thema sei ein wichtiges Anliegen von Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Ob es bald niedergelassene Anlaufstellen geben soll, dazu schweigt das Ministerium.

Bis dahin tingeln die Betroffenen von Arzt zu Arzt – wie Annette Müller. Langsam, sagt sie, komme sie sich vor wie eine Simulantin. „Die Ärzte sind überarbeitet. Überfordert. Teils ratlos, teils genervt.“ Was ihr da empfohlen wird? Geduld haben. Leicht gesagt, wenn die Schmerzen so stark sind, dass sie nicht gehen kann. Auch weil viele Ärzte ratlos sind, helfen sich die Betroffenen nun gegenseitig: Baumann, Müller, Birner, Raithel – sie alle tauschen sich in einer der Regensburger Selbsthilfegruppen aus. Was als ostbayerisches Projekt startete, ist zur bundesweiten Austausch-Plattform geworden.

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Info:

Kontakt zur Selbsthilfegruppe

Die Selbsthilfegruppen für Post-Covid-Erkrankte treffen sich zweimal im Monat zu Videokonferenzen. Anmeldung unter gruppe[at]pc-19[dot]de.

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