27.11.2020 - 18:28 Uhr
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Selbsthilfegruppe: Ex-Covid-Patienten stützen sich gegenseitig

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„Ich bin genesen, aber nicht gesund“, sagt Karl Baumann aus Wenzenbach (Kreis Regensburg). Acht Monate nach seiner Covid-19-Erkrankung hat der 52-Jährige mit Spätfolgen zu kämpfen. Nun gründet er eine Selbsthilfegruppe für Ostbayern.

Für Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert waren, gibt es in Regensburg nun eine Selbsthilfegruppe.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Es war ein fröhliches Zusammensitzen mit Freunden in einem Lokal am 7. März: Genau fünf Tage später werden Karl Baumann, seine Frau und mehrere weitere Teilnehmer des Treffens schlagartig krank, es stellt sich heraus: sie alle haben sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt. Bei Baumann beginnt die Krankheit mit Magen-Darm-Beschwerden, es folgen Symptome einer schweren Grippe, Fieber, Schüttelfrost, nachts ein Kreislaufkollaps. „Ich dachte, in zwei Wochen ist das durch“, erzählt der Wenzenbacher im Gespräch mit unserer Zeitung, der vor der Erkrankung als selbstständiger Konstrukteur im Maschinenbau mitten im Leben stand.

Doch es kommt anders: Auf einmal hat Baumann das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, er bittet seine Frau, ihn sofort in die Uniklinik Regensburg zu fahren. Weil dort noch keine Isolierstation eingerichtet worden ist – die erste Corona-Welle ist gerade erst am Anrollen – kommt er in die Lungenklinik in Donaustauf. Sein Zustand verschlechtert sich weiter. Die Ärzte organisieren einen Videoanruf mit seiner Frau und seinem Sohn: Sie wollten der Familie die Chance geben, sich noch einmal zu sprechen, bevor sie den Familienvater in ein Koma versetzen. „Niemand wusste, ob mich meine Frau und mein Sohn nochmal lebendig sehen“, sagt Baumann.

Drei Wochen bleibt er im Koma – währenddessen versuchen die Ärzte alles, um sein Leben zu retten. Das Virus hat zu dieser Zeit mehrere Organe befallen. Während des Komas wird Baumann an die Uniklinik Regensburg verlegt – mit einer Lunge voller Eiter und 40 prozentiger Sauerstoffsättigung. Normal sind Werte zwischen 93 und 99 Prozent. Baumann bekommt einen Luftröhrenschnitt, wird beatmet und an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, erleidet noch dazu einen Schlaganfall, macht eine Nahtoderfahrung: Er sieht Menschen neben sich, darunter Verstorbene, die er kannte, erzählt er.

Allen Umständen zum Trotz öffnet Baumann nach drei Wochen wieder die Augen, da liegt er schon wieder in Donaustauf. Sieben Tage später wird seine Frau 50 Jahre alt: „Ich habe trainiert, damit ich ihr am Telefon zum Geburtstag gratulieren kann“, sagt Baumann. „Sie hat sich so gefreut.“ Insgesamt sieben Wochen verbringt er im Krankenhaus, davon sechs Wochen auf der Intensivstation.

Der Weg zurück zu einem normalen Leben wird steinig, das ist schnell klar. Das Atmen hat Baumann während des Komas verlernt. Eine Woche dauert es, bis er ohne Geräte wieder selbst atmen kann. Bis heute ist er krankgeschrieben, geht regelmäßig zur Physiotherapie, zur Atemtherapie und zu diversen Ärzten. Schon wenn er die 14 Stufen vom Parterre in den ersten Stock geht oder beim Spaziergang eine leichte Anhöhe hochläuft, gerät er in Atemnot. Dazu kommen Muskelbeschwerden und das „Fatigue Syndrom“, eine chronische Müdigkeit.

Karl Baumann aus Wenzenbach lag nach einer Corona-Infektion drei Wochen lang im Koma. Er überlebte, leidet aber bis heute an schweren Spätfolgen.

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Der 52-Jährige wird wohl langfristig arbeitsunfähig bleiben. „Das ist das Schlimmste für mich“, sagt er. Vor der Krankheit habe er immer gearbeitet. Neben seinem Beruf organisierte er zum Beispiel den Hobbykünstlermarkt in Adlersberg, kam herum, traf viele Leute. „Von jetzt auf gleich geht das nicht mehr, das ist erschreckend.“

Auf die Idee, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, stößt Baumann im Sommer bei seiner Reha in Bad Dürrheim im Schwarzwald. Bei einem Gesprächskreis in der Reha-Klinik kommt das Thema auf, dass es Selbsthilfegruppen für Menschen geben müsste, die Covid überstanden haben und sich über die neue Krankheit und mögliche Spätfolgen austauschen wollen. Für Baumann steht schnell fest, dass er sich engagieren will. Zusammen mit seiner Frau geht er die Gründung an. Seine Frau, die im März ebenfalls erkrankt war, hatte einen milden Covid-Verlauf – doch auch sie spürt die Auswirkungen bis heute. Seit der Erkrankung hat sie immer wieder Wortfindungsstörungen und leichte Atembeschwerden.

Am Mittwoch, 2. Dezember, um 19 Uhr trifft sich die Selbsthilfegruppe für Post-Covid-Erkrankte Ostbayern zum ersten Mal zu einem Zoom-Meeting. Baumann hat bereits viele Rückmeldungen bekommen, bis aus Potsdam haben sich Interessierte gemeldet. Der Initiator erhofft sich einen regen Austausch von Erfahrungen. „So sieht man, dass es anderen genauso geht und man kann sich gegenseitig Tipps geben, wie man mit den Folgen umgeht.“ Baumann plant, künftig auch Experten wie Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten zu einzelnen Treffen einzuladen.

Kein Verständnis hat der Wenzenbacher für Menschen, die sich nicht an die Corona-Regeln halten. Aus seiner Sicht sind die Maßnahmen teils noch zu locker, die Strafen zu mild. Dass manche Menschen Corona mit der Grippe gleichsetzen, ärgert ihn: „Nach einer Grippe bist du nach ein paar Wochen wieder gesund, ich bin das aber auch nach acht Monaten nicht.“

Hintergrund:

Probleme und Sorgen besprechen

Die Selbsthilfegruppe für Post-Covid-Erkrankte Ostbayern trifft sich zum ersten Mal am Mittwoch, 2. Dezember, um 19 Uhr zu einer Zoom-Videokonferenz – und dann jeweils am ersten Mittwoch im Monat zur selben Uhrzeit. Eine Anmeldung ist jeweils spätestens zwei Tage vor dem Termin erforderlich und an die Emailadresse gruppe[at]pc-19[dot]de zu richten. Wenn es die Pandemie wieder zulässt, werden die Treffen persönlich in der Klinik Donaustauf stattfinden. Ziel ist es, Probleme und Sorgen zu besprechen, Erfahrungen und Lösungen von Spätfolgen zu teilen und sich über Behandlungs- und Therapiemaßnahmen auszutauschen. Angeboten wird die Selbsthilfegruppe über die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS) Regensburg.

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