18.04.2019 - 13:24 Uhr
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Meister des wissenschaftlichen Abenteuers: Jules Verne

Ralf Junkerjürgen hat eine neue Biografie über Jules Verne geschrieben. Im Interview erzählt er, was ihn an diesem Menschen besonders fasziniert und klärt, ob Verne einst in der Oberpfalz gewesen ist.

Jules Verne
von Stefan Voit Kontakt Profil

In Frankreich zählt Jules Verne zu den vielgelesenen Autoren, seine Werke sind immer noch Schullektüre. Aber auch in Deutschland erfreuen sich seine Klassiker nach wie vor großer Beliebtheit. Die Kulturredaktion hat sich mit Ralf Junkerjürgen (49), seit 2007 Professor für romanische Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, unterhalten. Er hat eine Biografie über den französischen Autor geschrieben.

ONETZ: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Jules-Verne-Geschichte?

Ralf Junkerjürgen: Ralf Junkerjürgen: Wie die meisten Kinder und Jugendlichen in den 1970er Jahren entdeckte ich Jules Verne über das Fernsehen. Während der Feiertage wurde am späten Nachmittag eine Verfilmung von Vernes erstem Roman, „Fünf Wochen im Ballon“, und wenig später eine weitere von „In achtzig Tagen um die Welt“ gezeigt, die mich begeisterten und die Fantasie in exotische Welten führten. Die Romane habe ich erst sehr viel später gelesen.

ONETZ: Was hat Sie daran besonders fasziniert?

Neben den bunten Abenteuern und der spannenden Handlung faszinierte mich die Vorstellung, eine Reise im Ballon zu machen. Die Gondel schien mir ein gemütlicher Ort zu sein, in dem man sich in die Welt und in Abenteuer begeben konnte, ohne sich ihr unmittelbar aussetzen zu müssen. Der Ballon erschien mir so reizvoll wie Kindern ein Baumhaus, wo sie außerhalb der Reichweite der Erwachsenen sind, zugleich aber einen Blick von oben genießen, der die Welt kleiner und überschaubarer macht.

ONETZ: Es gibt etliche Biografien über Jules Verne. Worauf haben Sie bei Ihrem Buch den Schwerpunkt gelegt?

Mir war es wichtig, Jules Verne aus einer kulturhistorischen Perspektive zu betrachten. Seine Bedeutung ist im Gegensatz zu einigen anderen Abenteuerautoren des 19. Jahrhunderts in den letzten zwei Jahrzehnten stetig angewachsen. Ich führe dies darauf zurück, dass er in vielerlei Hinsicht modern geblieben ist. Damit meine ich nicht allein die Rolle der Technik in seinem Werk, sondern auch die Art und Weise, wie die Welt verstanden wird: vernunftgeleitet, gestaltend, forschend und pragmatisch. Natürlich steht daneben auch so einiges, was veraltet ist, wie zum Beispiel der Glaube an die zivilisatorische Überlegenheit der Europäer.
Einen besonderen Schwerpunkt bildete für mich auch das konfliktive Verhältnis zwischen Verne und seinem Sohn Michel, der es als Sohn eines der bekanntesten Schriftsteller offenbar nicht geschafft hat, sich eine eigene stabile Identität aufzubauen. Michel ist sein Leben lang unstet geblieben, und in frühen Jahren war er so aufbrausend und problematisch, dass Verne zu dem härtesten Mittel griff, welches das Gesetz jener Zeit erlaubte: Er ließ ihn in eine Erziehungsanstalt einsperren. Gefruchtet hat dies alles jedoch nichts. Verne hat seinen Sohn bis ans Lebensende finanziell unterstützen müssen und litt schwer unter dessen Eskapaden wie Ehebruch und uneheliche Kinder. Für den streng katholisch erzogenen Verne waren dies familiäre Katastrophen, die sein Leben überschatteten.

ONETZ: War es leicht, an Quellen, Bücher, Briefe zu kommen?

Die Jules-Verne-Forschung hat sich in den letzten zwanzig Jahren vorbildlich entwickelt. Die bedeutende Korrespondenz Vernes mit seinem Verleger Hetzel wurde in mehreren Bänden herausgegeben, und in der berühmten Pléiade-Ausgabe, die umfangreich kommentiert ist, sind erstmals eine Reihe von Romanen Vernes erschienen. Weiterhin hat die französische Nationalbibliothek eine große Menge an Originalausgaben eingescannt, die man online einsehen kann. Die Bibliothek von Nantes wiederum bietet zahlreiche Romanmanuskripte im Netz an. Um die bisher unveröffentlichte Korrespondenz von Verne mit seinem Sohn Michel und weitere Dokumente einzusehen, habe ich einige Wochen in der Bibliothek von Amiens verbracht, die Vernes Nachlass aufbewahrt.

ONETZ: Jules Verne wird ja immer wieder gerne als „Vater der Science-Fiction“ bezeichnet. War er das wirklich, oder war er nur immer auf dem neuesten Stand der technischen Entwicklungen und Wissenschaften und hat dies in seinen Romanen ungesetzt?

Jules Verne hat mit Science-Fiction, wie wir sie heute verstehen, nicht viel zu tun. Er inszeniert zwar Technik, orientiert sich jedoch weitgehend an den Möglichkeiten seiner Zeit und bleibt immer im Rahmen des physikalisch Möglichen. Dies unterscheidet ihn deutlich von H. G. Wells, mit dem er gegen Ende des Jahrhunderts häufig verglichen wurde. Für Wells jedoch spielte die Physik keine große Rolle, er wollte mit seinen Romanen zur Zeitreise, zu Mondflügen und Kriegen gegen Außerirdische eher die Fantasie anregen.
Jules Verne war selbst kein Wissenschaftler, sondern hatte Jura studiert. Daher hat er sich in jedes Thema zunächst eingearbeitet und fleißig einführende Literatur studiert und Spezialisten zurate gezogen. Er war in dieser Hinsicht sehr gewissenhaft, weil er wusste, dass die Qualität seiner Romane auch von der Qualität seiner Recherchen abhing. Der Erfolg hat ihm recht gegeben. Zwar ist einiges, was er beschreibt, heute wissenschaftlich natürlich überholt – vor allem bei seinen kühnsten wissenschaftlichen Romanen, der „Reise zum Mond“ und der „Reise um den Mond“. Dennoch waren seine Texte in der Lage, die spätere Wissenschaft zu inspirieren. So hat Hermann Oberth, ein Pionier in der Entwicklung des Raketenantriebs, in der Jugend Jules Verne gelesen und daraus wichtige Ideen für seine eigene Forschung gezogen.

ONETZ: Worin lag und liegt der Erfolg von Jules Vernes Büchern?

Verne ist nichts Geringeres gelungen, als eine eigene Gattung zu entwickeln: den wissenschaftlichen Roman. Darin werden wissenschaftliche Erkenntnisse inszeniert und naturwissenschaftliches Wissen im Rahmen einer spannenden Handlung verbreitet. Das hat bis heute Konjunktur, wenn man etwa an den Erfolg von Michael Crichtons „Jurassic Park“ oder Frank Schätzings „Der Schwarm“ denkt, die sich in diese Tradition einschreiben. Nun setzt sich Innovation bekanntlich nicht von allein durch. Es bedarf auch einer guten Infrastruktur, um sie bekanntzumachen. Verne hatte das große Glück, mit einem der bedeutendsten französischen Verleger des 19. Jahrhunderts zusammenarbeiten zu können: Pierre-Jules Hetzel.

ONETZ: Wodurch zeichnete sich Hetzels Geschick aus?

Hetzel hat das Potenzial des wissenschaftlichen Romans für sein republikanisches Bildungsideal erkannt und sehr klug vermarktet. Schon nach wenigen Titeln wurden sie zu einer Reihe ernannt – die „Außergewöhnlichen Reisen“ – die Vernes Programm einen festen Rahmen gab. Weiterhin entwickelte Hetzel eine Verwertungskette aus Vorpublikationen in Zeitungen, günstigen Taschenbuchausgaben und prächtig illustrierten großformatigen Ausgaben, die zum Weihnachtsgeschäft erschienen. Dabei entstanden wahre Schätze der Buchkunst des 19. Jahrhunderts, die heute antiquarisch immer noch sehr begehrt sind.
Was viele vielleicht nicht wissen: Jules Verne hat auch Theaterstücke geschrieben ...
Aus seinen erfolgreichsten Romanen machte Verne anschließend noch Theaterversionen, die sich im Falle von „In achtzig Tagen um die Welt“ zu wahren Massenspektakeln entwickelten, bei denen sogar ein echter Elefant auf der Bühne gezeigt wurde. Sie gehören zu den größten Theatererfolgen ihres Jahrhunderts und wurden im 20. Jahrhundert vom Kino abgelöst. Auch die siebte Kunst entdeckte früh das Werk Jules Vernes, das unzählige Male verfilmt wurde. Vernes Präsenz auf der Leinwand und später auf dem Fernsehbildschirm hat seine Popularität auch im 20. Jahrhundert nie abreißen lassen.

ONETZ: Verne hat ja ein unglaubliches Œuvre hinterlassen. Sind alle Bücher ins Deutsche übersetzt? Und gibt es noch unentdeckte Schätze darunter?

Verne war ein beeindruckend disziplinierter und fleißiger Autor mit sprudelnden Ideen. Nach den ersten Erfolgen wurden seine Texte zügig ins Deutsche übersetzt. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Romane der „Außergewöhnlichen Reisen“ schon zu Lebzeiten Vernes übertragen worden. In den letzten zehn Jahren hat der deutsche Jules-Verne-Club die letzten Schätze gehoben, die noch nicht übersetzt waren. So bleiben nur noch frühe Werke übrig – Theaterstücke, Gedichte, Romanfragmente. Allerdings sind sie in Frankreich mittlerweile in Buchform erschienen und damit gut zugänglich.
Einen besonderen Fall bilden die posthum erschienenen Romane Vernes, die von seinem Sohn Michel zum Teil stark überarbeitet und verändert wurden. Ende des 20. Jahrhunderts hat die französische Jules-Verne-Gesellschaft auch die Originalmanuskripte dieser Romane veröffentlicht. Diese wurden bisher nicht ins Deutsche übersetzt.

ONETZ: Wie sind die von seinem Sohn Michael Verne mehr oder weniger stark überarbeiteten und posthum veröffentlichten Romane einzuschätzen?

Das hängst stark vom Einzelfall ab, d.h. vor allem davon, wie weit Verne das Manuskript abgeschlossen hatte. Michel Verne sprach die Überarbeitungen in der Regel mit Louis-Jules Hetzel ab, der den Verlag von seinem Vater übernommen hatte. Die Spannbreite reicht dabei von geringfügigen Änderungen bis zum weitgehenden Umschreiben des Romans.
Michel war durchaus literarisch begabt, aber auch sehr unstet, was keine gute Voraussetzung für die Herausforderungen an die Geduld ist, die man als Romanautor benötigt. Er hat einige interessante kürzere Texte hinterlassen, darunter Gedichte und Zeitungsartikel, zwei Formen die ihm sicherlich lagen, auch wenn er sie nicht konsequent weiter verfolgt hat. Letztlich hat Michel vom Oeuvre seines Vaters gelebt, und zwar nicht nur als Herausgeber und Bearbeiter, sondern auch als Filmproduzent und Regisseur. Er gehörte zu den Pionieren, die Filme nach den Texten seines Vaters gedreht haben. Leider sind die meisten davon verloren gegangen.

ONETZ: Sein Roman „Der Pilot von der Donau“ von 1901 wurde erst 1908 posthum veröffentlicht. Es geht um Piraten, die den Fluss unsicher machen. War Verne vielleicht einmal in der Oberpfalz?

Dieser Roman stellt einen interessanten Fall dar. Vernes Originalmanuskript trägt übrigens den Titel „Le beau Danube jaune“, was sich mit „An der schönen gelben Donau“ übersetzen lässt und viel besser klingt. Er gehört zu den Romanen, in die Sohn Michel Verne relativ stark eingegriffen hat. Darin wird die Geschichte eines Anglers erzählt, der mit seinem Boot die ganze Donau hinunterfährt. Tatsächlich macht er auch in Regensburg und später in Passau Halt. Beiden Städten wird jeweils ein ganzes Kapitel gewidmet, das schöne touristische Ansichtskarten liefert.

ONETZ: Sie haben sich immer wieder intensiv mit Abenteuerromanen des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Wie wichtig war diese Literaturgattung für die damalige Zeit, und würden uns im 21. Jahrhundert solche Romane wieder guttun?

Die Produktion an Unterhaltungs- und Abenteuerromanen im 19. Jahrhundert ist unüberschaubar. Sie haben die populäre Kultur und eine moderne Mythologie des Reisens, der Geschichte und des Forschens geschaffen, die uns bis heute begleitet und die die klassischen Mythen abgelöst hat. Gerade im Falle Vernes ist dies überdeutlich. Darin liegt eine ihrer wichtigsten kulturhistorischen Bedeutungen.
Die Begeisterung am Abenteuer ist bis heute gleich geblieben, auch wenn sich die Formate verändert haben. Anstatt Romane zu lesen, spielen viele heute Adventure-Games, die ähnlich episodisch aufgebaut sind wie die Literatur, aber eben interaktiv funktionieren und daraus ihren Reiz ziehen. Diese Entwicklung wird sich mit dem 3 D-Brillen noch weiter verstärken. Was die Abenteuerliteratur jedoch allein zu bieten hat, sind die intensive Erfahrung von Sprache und die Anregung der visuellen Fantasie. Insofern ist es heute noch immer sehr spannend und entspannend, Romane eines Jules Verne, Alexandre Dumas oder Karl May zu lesen.

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