19.03.2020 - 20:19 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Mordprozess gegen Zahnärztin: Von "true love" blieb nichts übrig

Corona zum Trotz: Am Donnerstag begann der Prozess gegen Kinderzahnärztin Cheryl von U. (61), der Mord an ihrem Ehemann Peter (69) vorgeworfen wird. Der Auftakt gab Einblick in eine unglückliche Ehe.

Anwalt Michael Haizmann ist ganz Kavalier – und vergisst für eine Sekunde das Händeschüttel-Verbot, als er die Angeklagte im Mordprozess begrüßt. Die Zahnärztin wehrt geistesgegenwärtig ab. In der anderen Hand trägt sie Akten und den Mundschutz aus der JVA.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Während ganz Bayern ein Ausgehverbot diskutiert, hielt das Landgericht Regensburg am vorgesehenen Beweisprogramm fest. Der Prozessbeginn hatte sich ohnehin verschoben: Am Montag hatten noch Corona-Testergebnisse von fiebernden Häftlingen der Frauenabteilung der JVA Regensburg ausgestanden. Jetzt gab es grünes Licht: alle negativ.

Cheryl von U. zeigte sich als attraktive Medizinerin, blitzblaue Augen, weizenblonder Pagenkopf. Sie machte keine Angaben zu Tat. Sie nehme für sich in Anspruch, in Notwehr gehandelt zu haben, sagte Verteidiger Michael Haizmann. Staatsanwalt Thomas Kamm warf der Witwe in der zwölfzeiligen Anklageschrift vor, ihren Mann Peter gewürgt und gedrosselt zu haben, bis er starb. Tatort: "vermutlich" im Wohnhaus in Laberweinting, Landkreis Straubing. Tatzeit: der 23. November 2018, zwischen 19.13 und 20.35 Uhr. Motiv: Habgier, weil sie ihn im Fall der bevorstehenden Trennung auszahlen hätte müssen. "Möglicherweise" sei die Tat in Zusammenwirken mit "dem anderweitig verfolgten Andrew H.", angestellter Gärtner des Paares, erfolgt. Die Leiche wurde an einem Wanderweg in Tschechien gefunden.

Das Opfer Peter von U. war deutscher Herkunft, lebte aber in Großbritannien. Dort lernte die frisch geschiedene Münchner Kinderzahnärztin den "Kosmetik-Unternehmer" (Firmensitz: Isle of Wight) bei einer Dinner-Party kennen. Ihre Story der späten Liebe erzählten die beiden 2013 der "Daily Mail": "You can't hurry love". Schon damals klang an, dass die beiden erwachsenen Töchter der gebürtigen Amerikanerin nicht begeistert von der neuen Flammen waren.

Am Donnerstag wurden einige Kolleginnen gehört. Die Angeklagte war Geschäftsführerin einer großen Praxis für Kinderzahnheilkunde in München. Die Praxiskoordinatorin berichtete, wie gern die kleinen Patienten die Chefin hatten. Sie wollten immer direkt zu ihr und nicht zu den Assistenzärzten. Sie habe die 61-Jährige als starke, selbstbewusste Frau gekannt. Mit dem neuen Partner sei es dann zu einer Wesensveränderung gekommen. Die Chefin wirkte in sich gekehrt, manchmal gereizt, verwirrt.

Der Mitarbeiterin war der Brite "nicht geheuer", sie hatte das Gefühl, er sei nicht ehrlich. Auch an seinem angeblichen Reichtum hatte sie Zweifel, nachdem man ihm einmal Benzingeld auslegen musste. Die 46-Jährige berichtete zudem von rassistischen Äußerungen des Getöteten im Internet, außerdem von Avancen, die er jungen Praxiskolleginnen machte.

Die Angeklagte Cheryl von U. habe anfangs von der großen Liebe, einem "Seelenverwandten" gesprochen. Später habe sie geklagt, dass er nicht mehr der Mann sei, der er war. Durch eine Krebsdiagnose habe er sich komplett verändert. Die Praxiskoordinatorin berichtete zudem von einer Schulterverletzung, angeblich verursacht durch einen "Leitersturz". Zwei weitere Mitarbeiterinnen beschrieben blaue Flecken am Handgelenk der Zahnärztin sowie Kratzer. Die Polizei hatte Anfang November einen Einsatz im Anwesen wegen Verdachts häuslicher Gewalt.

Ein Straubinger Kommissar erinnerte sich vor Gericht, wie er am 20. Dezember 2018 die Todesnachricht überbracht habe. Die Angeklagte habe eine Version erzählt, nach der sie und ihr Mann am Freitag noch mit einem befreundeten Paar - darunter der potenzielle Mittäter Andrew - in einer Pizzeria aßen. Den Samstag habe sie erkrankt im Bett zugebracht und erst am Sonntag festgestellt, dass ihr Mann abgereist war. Das Paar hatte weit auseinander liegende Schlafzimmer: Sie im ostwärtigen Teil, er im westlichen Teil.

Die Ehefrau erklärte der Kripo, dass Geld, Auto, Koffer und zwei Breitling-Uhren fehlten. Sie habe ihren Mann nicht unbedingt vermisst, da er in letzter Zeit sehr schwierig gewesen sei. Auch zur finanziellen Situation äußerte sich die Frau gegenüber dem Kommissar: Das Haus sei 1,5 bis 2 Millionen Euro wert. Peter habe aus einem Erbe 300000 Euro beigetragen, der Kaufpreis lag bei 550000 Euro. Die Renovierung für 600000 Euro habe sie bezahlt.

Der Prozess soll am Montag, 30. März, um 9 Uhr fortgesetzt werden. Verteidiger Haizmann fragte beim Gericht nach, wie man damit umgehen wolle, dass tschechische Zeugen nicht kommen können. Richter Michael Hammer verwies auf die Alternative der Verlesung von Dokumenten. "Wir können wie alle anderen nur auf Sicht fahren." Auch alle anderen Landgerichte Nordbayern setzen weiter Prozesstermine an.

Anklage gegen Zahnärztin

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