25.11.2021 - 13:33 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Neustart der Beziehungen im Grenzraum

Der gemeinsame Wirtschaftsraum in der bayerisch-tschechischen Grenzregion hat in der Corona-Pandemie schwer gelitten. Bei den Marienbader Gesprächen der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz wurde am Mittwoch nach Lösungen gesucht.

Lkw-Stau am Grenzübergang Waidhaus: Der Warenverkehr zwischen Tschechien und Ostbayern soll angekurbelt werden.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

„Ob Grenzschließungen, der erschwerte Waren- und Dienstleistungsverkehr oder umfangreiche Testpflichten: Unsere Beziehungen standen in den letzten eineinhalb Jahren auf privater und wirtschaftlicher Ebene vor großen Herausforderungen“, sagte Handwerkskammer-Präsident Georg Haber bei der Online-Veranstaltung, an der Vertreter aus Bayern, Tschechien und Österreich teilnahmen. Dabei sei klar geworden: „Wir Nachbarregionen sind nur gemeinsam stark.“

Der Chamer Landtagsabgeordnete Gerhard Hopp (CSU) sagte, die Pandemie habe gezeigt, wie fragil die Beziehungen im Grenzraum drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch sind. Teils sei es fast eine „Währung“ gewesen, zu wissen, welche Corona-Regeln gerade in welchem Land gelten. Der Austausch sei hier auf jeden Fall verbesserungswürdig. „Erschrocken“ sei er darüber gewesen, wie schnell auf beiden Seiten der Grenze Vorurteile aufkamen – etwa darüber, ob sich das Virus von Tschechien nach Deutschland ausbreitet oder andersherum.

Zwölf-Punkte-Plan aufgestellt

Aus dieser Erfahrung heraus initiierte Hopp zusammen mit dem Tirschenreuther Europa-Abgeordneten Christian Doleschal (CSU) einen Zwölf-Punkte-Plan für einen Neustart der bayerisch-tschechischen Beziehungen nach den Auswirkungen der Pandemie. Der Plan sieht unter anderem die Installierung eines bayerisch-tschechischen Koordinators als Bindeglied zwischen München, den Grenzregionen und Prag vor. Er zielt aber auch auf die jüngere Generation ab: Durch das Erlernen der gegenseitigen Sprache ab dem Kindergartenalter und vermehrte Schüler- und Jugendaustauschprogramme sollen die Beziehungen so verstärkt werden, „dass wir uns bei den nächsten Krisen nicht auseinanderbringen lassen“.

Handwerkskammer-Präsident Georg Haber begrüßte die Teilnehmer an den Marienbader Gesprächen, die im Online-Format abgehalten wurden.

Berichte aus den Arbeitsagenturen Pilsen und Weiden zeigten, dass sich der Arbeitsmarkt auf beiden Seiten der Grenze ähnelt: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Fachkräftemangel dafür hoch. „Wir haben sehr viele offene Stellen“, sagte Thomas Würdinger, Chef der Arbeitsagentur Weiden. Für eine duale Ausbildung gebe es ein immer kleineres Bewerber-Potenzial, weil viele junge Leute einen Hochschulabschluss anstreben. Wichtig sei es, das Ansehen des Handwerks zu stärken und die Qualifizierung der bestehenden Arbeitskräfte voranzutreiben, betonte Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer.

5G soll Anschub bringen

Einen Ansatzpunkt, um den ländlich geprägten Raum in der Grenzregion voranzubringen, lieferte Professor Wolfgang Dorner von der Technischen Hochschule Deggendorf in seinem Vortrag „Digitalisierung und Arbeitswelt – was wir aus dem Silicon Valley lernen können“. Durch den 2020 vereinbarten 5G-Korridor München–Prag werde der flächendeckende Ausbau des Hochgeschwindigkeits-Mobilfunknetzes im Grenzraum vorangetrieben, sagte Dorner. Das gebe eine Grundlage für digitale, grenzüberschreitende Geschäftsmodelle. Für Start-up-Gründungen und Plattform-Strategien brauche man nicht im hippen Berlin sitzen, betonte Dorner. Das sei genauso auf dem Land möglich.

Vorerst keine Euro-Einführung beim Nachbarn Tschechien

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Hintergrund:

Marienbader Gespräche

  • Seit 2008 treffen sich jedes Jahr im November Experten aus Institutionen, Politik und Wirtschaft zu den Marienbader Gesprächen, organisiert von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz.
  • Ziel ist es, die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern Tschechien, Österreich und der Slowakei zu stärken. Dafür werden praxisnah aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen diskutiert und Meinungen ausgetauscht.
  • Nachdem die Marienbader Gespräche 2020 wegen der Corona-Lage ganz ausgefallen waren, fanden sie in diesem Jahr in virtueller Form statt.

 

 

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