18.11.2021 - 17:42 Uhr
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Oberpfälzer Projekt: So geht inklusives Museum

Museen sollen für alle da sein. Dennoch zählen sie nach wie vor eher zu inklusions- und migrationsfernen Einrichtungen. Ein Regensburger Projekt will das mit Videos, Informationen in leichter Sprache und Tastobjekten ändern.

Eine Gruppe von Schülern erhält eine museumspädagogische Einführung in ein Kunstwerk im Kunstforum Ostdeutsche Galerie. Künftig sollen in dem Museum ausgewählte Kunstwerke mit digitalen Unterstützungssystemen für Menschen mit Beeinträchtigung ausgestattet sein.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Bei einem barrierefreien Museum denken viele zuerst einmal an die Möglichkeit, etwa auch im Rollstuhl eine Ausstellung besuchen zu können. Ein weniger offensichtlicher Aspekt ist ein barrierearm gestalteter inhaltlicher Zugang zu den Kunstwerken selbst. „Die Sprache auf den Informationsschildern im Museum ist oft sehr akademisch“, sagt die Regensburger Medienpädagogin Gaby Eisenhut. Viele Häuser böten zwar Audioguides an, doch auch hier seien die Texte oft recht wissenschaftlich formuliert. Erklärungen in leichter Sprache für Menschen mit Beeinträchtigung oder mit Migrationshintergrund fehlten meist.

Hier setzt das Projekt „Koggis Kunstwelten“ der Stiftung für krebskranke und behinderte Kinder in Bayern (Krebeki) in Regensburg an. Gaby Eisenhut treibt das Projekt ehrenamtlich als Mitglied im Krebeki-Vorstand voran. Erklärtes Ziel ist es, Museen auch für Menschen mit Behinderung oder mit Migrationshintergrund zu erschließen. Auch Bildungsferne verhindere einen Zugang zum Museum, sagt Eisenhut. „Wenn die Eltern nicht ins Museum gehen, tun es die Kinder wahrscheinlich auch nicht.“

Highlight für Blinde

Bis Ende 2022 will die Stiftung sechs bis sieben Kunstwerke im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie so aufarbeiten, dass alle Besucher etwas von ihnen haben. Das ist sehr arbeitsintensiv: Zum einen werden Filme zu den Kunstwerken gedreht, in denen Kinder mit Handicap oder Migrationshintergrund mitspielen. Dazu wird die historische Bedeutung der Kunstwerke erklärt. Alle Texte werden in leichter Sprache geschrieben. Jeder Film wird untertitelt und in Gebärdensprache gedolmetscht. Für blinde Menschen gibt es eine eigene Hörversion. Und – das ist für Eisenhut ein besonderes Highlight – es soll zu jedem Kunstwerk ein Relief im 3-D-Drucker erstellt werden, auf dem blinde Menschen das Gemälde ertasten können. „Jede Farbe wird dabei in eine bestimmte Struktur umgesetzt“, erklärt die Medienpädagogin. „So kann man Rot, Blau, Violet und alle anderen Farben ertasten.“

Künftig sollen sich Besucher im Kunstforum dann am Eingang spezielle Tablets ausleihen können, die all diese Unterstützersysteme aufrufen können. Ganz wichtig: Ob die Funktionen auch wirklich ihren Zweck erfüllen, wird von den Zielgruppen vorher selbst überprüft, betont Eisenhut. Drei Kunstwerke wurden bislang aufbereitet: die Gemälde „Elblandschaft“ von Carl Georg Schumacher und „Wohltätigkeitsball“ von Milada Marešová sowie die Bronzebüste „Tilla Durieux als Lady Macbeth“ von Mary Duras. Als nächstes ist das Gemälde „Dom-Inneres“ von Wenzel August Hablik an der Reihe. Das Pater-Rupert-Mayer-Zentrum der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg wird zu dem Kunstwerk ein Musikvideo produzieren.

Hoffen auf Nachahmer

Das Konzept wäre natürlich übertragbar auf andere Museen, sagt Eisenhut. „Wir hoffen, dass wir viele Nachahmer finden.“ Sie räumt ein, dass ein solches Projekt kosten- und personalintensiv ist – und es derzeit kaum Fördermöglichkeiten gibt. Umso mehr freut sie sich über darüber, dass „Koggis Kunstwelten“ eines der 35 Projekte ist, die in diesem Jahr von der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern mit 5000 Euro unterstützt werden. Weitere Spenden seien jederzeit willkommen, sagt Eisenhut.

Ihr Wunsch für die Zukunft ist es, dass das Verständnis bei Museumsdirektoren und Kuratorien für Inklusion noch größer wird. Es handle sich bei Menschen mit Beeinträchtigung zwar um eine eher kleine Zielgruppe, doch auch diese habe ein Recht auf Kunst und Kultur. „Es muss normaler werden, dass es auch für sie ein Angebot gibt.“ Letztlich würden wohl ohnehin mehr Menschen davon profitieren, meint Eisenhut schmunzelnd: „Wenn irgendwo Broschüren in leichter Sprache ausliegen, sind sie meistens als erste weg.“

Corona legt Schwächen bei der Inklusion offen

Waldsassen
Für das Inklusionsprojekt „Koggis Kunstwelten“ entstand ein Film zum Kunstwerk „Elblandschaft“ im Kunstforum Ostdeutsche Galerie. Dabei halfen auch Kinder und Jugendliche mit Handicap mit.
Hintergrund:
  • Das Projekt „Koggis Kunstwelten“ soll mithilfe digital barrierearm gestalteter Medien allen Menschen einen Museumsbesuch ermöglichen.
  • Bis Ende 2022 werden ausgewählte Kunstinhalte im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie barrierefrei über Tablets zugänglich gemacht. Die Besucher können dann im Museum entscheiden, welche Unterstützersysteme, etwa Texte in leichter Sprache, Videos mit Gebärdensprache oder Audiodeskription, sie auswählen.
  • Einen Einblick in das inklusive Angebot von „Koggis Kunstwelten“ finden Interessierte unter www.medialaune.de/museum.
  • Weitere Informationen und die Möglichkeit zu spenden gibt es unter www.krebeki.de.
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