18.08.2019 - 13:18 Uhr
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Ein Partner zum Gesundwerden

Wer kann einen kranken Menschen besser verstehen als jemand, der schon einmal dieselbe Erfahrung gemacht hat? Auf diesem Gedanken beruht das Konzept der "Genesungsbegleiter". Sie unterstützen bei psychischen Krisen.

Diplom-Psychologe Klaus Nuißl ist vom Konzept der Genesungsbegleiter überzeugt.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Klaus Nuißl betreut beim Bezirk Oberpfalz das Programm der sogenannten Ex-In-Genesungsbegleiter. Gleichzeitig ist der Diplom-Psychologe selbst 14 Wochenstunden als Genesungsbegleiter am Bezirkskrankenhaus in Regensburg tätig. Seit 2015 fördert der Bezirk dieses relativ neue Konzept, das laut Nuißl "möglichst niedrigschwellig Unterstützung anbieten soll". Das Kürzel Ex-In steht dabei für den englischen Begriff "experienced involvement" und bedeutet so viel wie "Einbeziehung Erfahrener".

Stigma bleibt

"Psychiatrieerfahren" zu sein klingt nicht nur sperrig. Obwohl psychische Erkrankungen weder selten noch "wählerisch" sind, sondern jederzeit jeden treffen können, gelten sie vielen nach wie vor als eine Art persönlicher Makel. Einem Aufenthalt "in der Psychiatrie" haftet auch im 21. Jahrhundert noch ein Stigma an. "Dabei sagt eine psychische Erkrankung gar nichts über den Menschen an sich aus", betont Klaus Nuißl.

Schon im gewöhnlichen medizinischen Alltag sehen sich Patienten oft nicht "auf Augenhöhe" mit den Experten. Im psychiatrischen Umfeld aber ist das Problem noch größer und reicht bis zu regelrechten Ohnmachtsgefühlen. Genesungsbegleiter könnten hier viel Unterstützung bieten - Ziel sei, "dass alles mehr ein Miteinander wird", wie Nuißl sagt. Um als Genesungsbegleiter arbeiten zu können, reiche es allerdings nicht aus, Liebeskummer gehabt zu haben oder im Herbst etwas trübsinniger zu werden. "Man sollte schon eine größere seelische Krise durchgemacht haben. Eigentlich war jeder Teilnehmer an unserem Programm bereits in Behandlung, und die allermeisten auch schon in der Psychiatrie. Die Diagnosen sind dabei ganz unterschiedlich."

Besonderes Training

Doch auch die bloße Krankheitserfahrung allein genügt nicht, um Genesungsbegleiter zu werden: Interessenten müssen ein 14-monatiges "Ex-In-Training" durchlaufen, das aus zwölf je dreitägigen Modulen besteht. Erst im Juli hat in Regensburg ein neuer Kurs begonnen, der im September 2020 enden wird. 27 Bewerber hatten sich gemeldet, aus den unterschiedlichsten Motiven, wie Klaus Nuißl berichtet. "Manche machen es nur für sich und ihren weiteren Genesungsweg, andere wissen schon, dass sie später auch wirklich in dem Bereich arbeiten wollen."

Manche machen es nur für sich und ihren weiteren Genesungsweg, andere wissen schon, dass sie später auch wirklich in dem Bereich arbeiten wollen.

Klaus Nuißl, Psychologe und Genesungsbegleiter

Die Chancen hierfür stehen gut: Der Bezirk fördert je eine Ex-In-Kraft an Tagesstätten für psychisch Kranke, bei sozialpsychiatrischen Diensten und Suchtberatungsstellen. "Wenn alle Einrichtungen mitmachen würden, wären das in der Oberpfalz fast 30 Stellen." Momentan seien erst rund 15 Genesungsbegleiter im Einsatz. "Wir hätten also doppelt so viel Potenzial." Die Ex-In-Kräfte arbeiten üblicherweise für 450 Euro im Minijob, die meisten seien nicht noch anderweitig berufstätig.

Ganzheitlich sehen

Der Psychologe hat beobachtet, "dass die Leute ihre Erfahrungen an andere weitergeben wollen. Für viele ist es etwas sehr Schönes, dass sie nach einer negativen Erfahrung anderen helfen können". So sei die psychische Erkrankung kein Makel mehr, sondern eine Bereicherung des eigenen Lebens. Während der Ausbildung befassen sich die zukünftigen Genesungsbegleiter unter anderem mit dem Konzept der "Salutogenese", die Gesundheit nicht als passiven Zustand, sondern aktiven Prozess mit vielen Wechselwirkungen versteht. "Es ist ein ganzheitliches Konzept, das die Stärken und Ressourcen des Patienten sieht." Auch das "Recovery"-Modell nimmt breiten Raum ein: "Dabei handelt es sich um ein besonderes Verständnis von Genesung", erklärt Nuißl: "Jeder kann für sich selbst definieren, wann er sich als gesund versteht. Es können dabei durchaus noch Symptome bleiben, wichtig ist, dass man persönlich wieder Zufriedenheit und Sinn in seinem Leben empfindet."

Die meisten Ex-In-Begleiter, sagt Nuißl, blieben dabei. "Einige machen das schon sehr lange." In Tagesstätten kümmern sie sich mit um Gruppen und Freizeitangebote, im sozialpsychiatrischen Dienst unterstützen sie bei Therapeuten-Gesprächen. Dabei sei Einfühlungsvermögen gefragt, denn der Genesungsbegleiter müsse für jemand anderen sprechen, sich in ihn hineinversetzen und die eigene Sicht ausblenden können. Klaus Nuißl jedenfalls ist überzeugt: "Ich habe schon das Gefühl, dass das Ex-In-Modell den Bereich Psychiatrie wachrüttelt."

Das Ex-In-Training:

Die Ausbildung zum EX-IN-Genesungsbegleiter ist inzwischen an 32 Standorten in Deutschland möglich. Die Inhalte sind an allen Standorten gleich, das Training ist dabei in einen Grund- und Aufbaukurs unterteilt.

Im Grundkurs geht es um die Themen Salutogenese (gesundheitsfördernde Haltungen), Erfahrung und Teilhabe, Recovery (Genesung bzw. Wiedererstarken), Empowerment (Förderung der Fähigkeit für selbständiges, selbstbestimmtes Handeln) und Trialog (Erfahrungsaustausch zwischen Patienten, Angehörigen und Therapeuten).

Im Aufbaukurs liegen die Schwerpunkte auf Selbsterforschung, Fürsprache, Assessment (ganzheitliche Bestandsaufnahme), Beraten und Begleiten, Krisenintervention und Lehren und Lernen. Am Ende der Ausbildung steht eine Präsentation. Während des Trainings erstellen die Teilnehmer außerdem ein persönliches Portfolio, um sich ein professionelles Profil zu erarbeiten.

Die EX-IN-Ausbildung umfasst zirka 320 Unterrichtsstunden und beinhaltet zwei Praktika mit 40 bzw. 80 Stunden. In Bayern gibt es Kurse an den Standorten Regensburg, München, Nürnberg, Würzburg und Kaufbeuren, so dass alle Bezirke abgedeckt werden. (m)

Weitere Informationen online unter:

https://ex-in-deutschland.info

http://ex-in-by.de/

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