29.07.2020 - 20:01 Uhr
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Prozess im Fall Baumer geht weiter: Verlobter betäubte seine Angebetete

Am zehnten Tag des Mordprozesses am Landgericht Regensburg verdichteten sich die Hinweise, dass Christian F. großes Interesse an einer Patientin hatte. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er aus Liebe zu dieser Maria Baumer tötete.

Der Angeklagte sitzt im Verhandlungssaal des Landgerichts. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, Maria Baumer im Mai 2012 in der gemeinsamen Wohnung in Regensburg mit Medikamenten getötet zu haben.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Kein leichter Tag war es für die ehemalige Patientin, die als Zeugin nochmals über die Vorkommnisse im Zusammenhang mit Christian F. sprechen musste. Sie war im April 2014 von dem Angeklagten betäubt worden. In einem Gerichtsverfahren von 2016 war Christian F. unter anderem wegen dieser Tat zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Die heute 27-jährige Frau hatte die Gefühle von F. nie erwidert.

Von Februar bis August 2012 war sie wegen einer schweren Depression stationär am Bezirksklinikum in Behandlung, wo sie Christian F. kennenlernte. Er sei einer ihrer Lieblingspfleger gewesen. „Er hatte als Krankenpfleger eine wirkliche Gabe, war sehr sensibel“, sagte die Frau, die zuvor schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hatte und schwer Vertrauen fasste. Dass Christian F. verlobt war, half ihr, ihm zu vertrauen. Dann habe er ja nichts von ihr wollen können, meinte sie.

Patientin hat Verdächtigen getröstet

Die Patientin erinnerte sich auch an den Tag, als F. ihr von Marias Verschwinden im Mai 2012 erzählte. Sie habe ihn getröstet und gemeint, vielleicht brauche Maria vor der geplanten Hochzeit nur eine kleine Auszeit. Das Verhältnis zu F. sei zunehmend freundschaftlicher geworden, er habe sie auch an seinen freien Tagen besucht. F. habe ihr seinen Blog über die Zeit gezeigt, in der er in einem Kinderheim in Südamerika gearbeitet hatte. Später erfuhr die Zeugin von der Kripo, dass der Blog wesentlich später erstellt wurde – wohl um sie zu beeindrucken. Daneben kam heraus, dass er sich im Internet als eine andere Person ausgegeben hatte und ihr auf Englisch Nachrichten und ein Gedicht schickte. Auch lud er Bilder von ihrem Blog herunter, benutzte ihren Namen als Passwort. Das alles wusste die Patientin zum damaligen Zeitpunkt nicht. In ihrem Freundeskreis sei F. sehr gut angekommen, erzählte sie. „Jeder hat ihn sofort gemocht, er war sehr freundlich, witzig, konnte gut zuhören.“

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Das Verhältnis änderte sich, als die Patientin im Dezember 2013 nach einem Suizidversuch wieder ins Bezirksklinikum eingewiesen worden war. „Mir wurde der Kontakt zu viel“, sagte sie. Er habe sie häufig unangekündigt besucht, was sie stresste. „Eskaliert“ sei die Kontaktaufnahme nach ihrer Entlassung im März 2014. Die Zeugin sprach von „einer Art Stalking“. Er habe sie sie mit Nachrichten und Anrufen bombardiert und sei ungefragt zu ihrer Wohnung gekommen. Sie habe ihm deutlich gemacht, dass sie mehr Ruhe von ihm braucht. Seine Reaktion verblüffte sie: Er habe zwar Verständnis gezeigt, sein Verhalten aber überhaupt nicht geändert.

Christian F. ist Patientin in die Wohnung gefolgt

Beklemmend waren ihre Schilderungen vom 22. April 2014, als F. sie in ihrer eigenen Wohnung betäubt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Patientin den Kontakt zu dem Krankenpfleger eigentlich abgebrochen, doch eine gemeinsame Freundin aus Norddeutschland, ebenfalls eine ehemalige Patientin des Bezirksklinikums, kam nach Regensburg – und wollte beide sehen. Deshalb habe sie einem Picknick auf der Jahninsel zugestimmt. Weil ihr die Nähe zu F. jedoch sehr unangenehm war, habe sie einen weiteren Freund per SMS zu dem Treffen hinzu gebeten. Dieser kam auch, musste sich später aber wieder verabschieden. Nach dem Treffen habe F. ihr an der Bushaltestelle versichert, am Hauptbahnhof umzusteigen – doch er blieb im Bus, den die Patientin nach Hause nahm. Unter einem Vorwand überzeugte er sie, mit in ihre Wohnung zu dürfen.

An dieser Stelle wurde die Zeugin, die sehr klar und strukturiert auf alle Fragen antwortete, kurz emotional. Sie sei sich einer Gefahr bewusst gewesen, sagte sie. Seit sie bei einem DVD-Abend mit F. einige Zeit zuvor nach einem Getränk plötzlich sehr müde geworden sei, habe sie ein seltsames Gefühl gehabt. Andererseits habe sie „dem verängstigten Teil in mir beweisen wollen“, dass sie nicht überreagieren müsse. Den Tee, den sie für sich und F. zubereitet hatte, habe sie aber nicht aus den Augen gelassen – bis F. sie um ein Taschentuch bat, das sie aus einem anderen Zimmer holen musste.

Danach habe sie den Tee ausgetrunken – und kurz darauf sei sie „weg“ gewesen, habe keine Erinnerung mehr daran, wie sie in ihr Bett gekommen ist. Am nächsten Morgen wachte sie dort auf, F. neben ihr liegend. Die Polizei, die zu dieser Zeit den Aufenthalt von F. überwachte, vernahm die Patientin noch am selben Tag, eine Untersuchung ergab, dass sie Lorazepam im Blut hatte – das gleiche Beruhigungsmittel, das auch in den sterblichen Überresten von Maria Baumer festgestellt wurde. Der Prozess wird am Freitag, 7. August, fortgesetzt.

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